Donnerstag , 1. Oktober 2020
Immer im Wahlkampf: Donald Trump. Quelle: Ross D. Franklin/AP/dpa

US-Journalistin Glasser: “Trump ist ein Mann ohne Botschaft”

In den USA wächst die Kritik an Donald Trump – landesweit gibt es Aufbegehren gegen Unterdrückung und Ungleichheit. Der Präsident sei aus der Zeit gefallen, sagt die renommierte Journalistin Susan B. Glasser – und ein Mann ohne Botschaft. Es gehe ihm nur um seine Wiederwahl im November.

Frau Glasser, haben Sie Angst vor Donald Trump?

(lacht) Donald Trump ist ein Bully. Einer, der jeden anderen zur Seite drängt, der grob ist, beleidigend, ausfallend. Er hat viele gruselige Dinge zu sagen über Journalisten. Aber: Wenn man ihm persönlich begegnet, dann scheint er mehr darauf aus zu sein, jemanden zu beeindrucken, als ihm eins auf die Nase zu geben. Hoffen wir, dass es so bleibt.

Gemein, unfähig, hirnlos – das sind die harmlosen Attribute, mit denen der Präsident öffentlich Reporter belegt. Wie geht es Journalisten in den USA heute?

Wenn ein Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika Journalisten regelmäßig als “Feinde des Volkes” verunglimpft, dann muss das alle alarmieren. Der sowjetische Diktator Stalin hat mit diesem Urteil Millionen Andersdenkende in die Straflager des Gulags geschickt. Donald Trump hat das anfangs vielleicht nicht gewusst, inzwischen weiß er es, und es ist ihm egal. Er ist gegen Journalisten vor Gericht gezogen und hat gegen Nachrichtenorganisationen geklagt, gegen das Recht auf Pressefreiheit und freie Meinungsäußerung, sogar noch als Präsident. Ich erwarte zwar nicht, dass er mit irgendeiner dieser Klagen Erfolg hat, aber er attackiert die Medien weiter, in Taten wie in Worten. Es ist wichtig, dass die Leute das nicht ausblenden und als rein taktisches Gehabe abtun.

Womöglich fühlt er sich Ihrem Berufsstand schlicht überlegen und triumphiert. Immerhin haben Sie und Ihre Kollegen ihm 2016 kollektiv abgesprochen, die Wahl gewinnen zu können – geschweige denn, für das Amt geeignet zu sein.

Stimmt. Nur: Trump hat selbst nicht erwartet zu gewinnen. Er kommt in seinen Reden bis heute immer wieder darauf zurück, denn auch für ihn war das ein unfassbares, unglaubliches Ergebnis. Er hätte zum Spielen nach Las Vegas fahren sollen, es war eindeutig sein Glückstag.

Jetzt ist wieder Wahlkampf. Da lohnt es sich, kritisch zurückzuschauen. Sie beobachten Trump für den “New Yorker” von Beginn an aus nächster Nähe. Haben die Medien vor vier Jahren als Frühwarnsystem versagt? Waren Sie einfach nicht am Puls Ihrer Leser und Zuhörer?

Das ist die Kernfrage, die uns umtreibt. Für mich ist das das Paradox der trumpschen Präsidentschaft: Da ist diese höchst öffentliche Figur aus der Geschäftswelt. Es ist über Trump in allen Details täglich berichtet worden, über seine charakterlichen Schwächen wie über sein problematisches Geschäftsgebaren. Sie können nicht sagen, dass nach der Wahl irgendetwas davon als Überraschung herauskam. Das Problem für uns Journalisten ist: Die meisten von uns glauben daran, dass Transparenz, die Offenlegung von Fakten, dazu führt, dass ein Mensch zur Rechenschaft gezogen wird. Im Fall von Donald Trump ist das nie geschehen. Bis heute nicht.

Trump beutet die historischen Spaltungen in der US-Gesellschaft aus

Was musste historisch passieren, um einen Autokraten wie Trump ins Weiße Haus zu bekommen? Und vor allem: Setzt sich die Geschichte in diesem November, bei der nächsten Präsidentschaftswahl, fort?

Viele Probleme der amerikanischen Gesellschaft sind älter als Donald Trump. Aber er hat eine einzigartig erfolgreiche Art, die historischen Spaltungen in unserer Gesellschaft für sich auszubeuten. Das hat ihn stark gemacht. Noch wichtiger aber ist eine Macke unseres Wahlsystems: Du kannst die Mehrheit der Stimmen verpassen und trotzdem dank des Wahlmännersystems Präsident werden. Und ja, das kann in diesem Herbst wieder passieren, wenn er nur die richtige Kombination von Wahlkreisen gewinnt. Dann haben wir Donald Trump wieder als Präsident einer Minderheit installiert – übrigens ein Präsident, der während seiner gesamten Amtszeit in den Meinungsumfragen zu keinem Zeitpunkt die Mehrheit der Amerikaner hinter sich hatte. Das ist ein Zustand, den es in der jüngeren Geschichte nie gab.

Der Wahlkampfauftakt in Tulsa vor einer Woche war allerdings nicht eben verheißungsvoll. Wenig Publikum, wenig Begeisterung – und ein Präsident, der so tut, als gäbe es die Corona-Katastrophe, das Aufbegehren gegen Rassismus und die wirtschaftliche Rezession nicht. Wie lesen Sie dieses Schweigen?

Was Sie verstehen müssen, ist: Für Trump dreht sich absolut alles um seine Wiederwahl am 3. November. Das ist ein ideologischer Kampf für ihn, dafür tut er alles. Er glaubt, dass der wirtschaftliche Absturz als Folge des Shutdown wegen der Corona-Pandemie seine Chancen zerstört. Und so setzt er auf eine Strategie des Ignorierens – die Pandemie war niemals eine Gefahr, oder sie ist vorbei, oder sie hat noch nicht einmal existiert. Er hat alles im Griff.

Trumps größtes Problem: “Er ist ein Mann ohne Botschaft.”

Das soll die Wahlkampfbotschaft 2020 sein?

Sie legen den Finger in die Wunde: Trump ist ein Mann ohne Botschaft. Das ist womöglich die größte Krise seiner Präsidentschaft. Gerade weil er 2016 überhaupt nur gewinnen konnte, weil er mit “Make America Great Again” so einen simplen, machtvollen Slogan hatte, weiß er ganz genau, dass es ein Riesenproblem ist, jetzt ganz ohne Botschaft dazustehen.

Er könnte ja, auch wenn es gegen seine Natur ist, die Tonlage des versöhnenden, heilenden Präsidenten in Zeiten des Aufbegehrens gegen rassistisch motivierte Ungleichheit anschlagen.

Genau das kann er nicht. Er ist da völlig aus dem Takt mit seinem Land, wie aus der Zeit gefallen. Trump versteht die Proteste nach der Ermordung von George Floyd durch Polizisten genauso wenig wie die lange und schreckliche Geschichte von rassistischer Ungerechtigkeit und Polizeigewalt. Er denkt immer noch, dies sei das Amerika von 1968 – und dass Spaltung entlang ethnischer Zugehörigkeit ihm im Wahlkampf nützt. Aber dies ist jetzt ein anderes Land. Obwohl wir immer noch viele gleiche Probleme haben. Sogar die überwältigende Mehrheit der Republikaner stimmt dem zu, dass das, was George Floyd geschah, nicht nur böse und furchtbar ist, sondern dass wir ein Problem mit systematischem Rassismus haben. In dieser Situation haben wir einen Präsidenten, dessen politisches Markenzeichen Spaltung bleibt, zu einer Zeit, in der das Land sich nach Versöhnung sehnt. Er aber denkt ausschließlich an den harten Kern seiner Basis, also die 35 Prozent, die ihn so oder so unterstützen werden. Auf sie allein richtet er seine politischen Parolen.

Für Deutsche ist es spannend zu beobachten, dass das bürgerliche Amerika jetzt das Bedürfnis zu haben scheint, seine Geschichte aufzuarbeiten. Historisch fragwürdige Denkmäler stürzen, Südstaatenklassiker wie “Vom Winde verweht” landen im Archiv. Ist es Zufall, dass diese Bewegung ausgerechnet in der Ära Trump so viel Bedeutung gewinnt?

Es fasziniert auch mich, die vier Jahre als Korrespondentin für die “Washington Post” in Moskau gearbeitet hat. Es erinnert an den Fall der Statuen Stalins und Lenins überall in Osteuropa in den späten Achtzigerjahren oder an den Sturz des Saddam-Hussein-Kolosses in Bagdad. Der Unterschied ist, und das ist faszinierend: In den USA endete der Bürgerkrieg vor 155 Jahren. Warum kommt diese Abrechnung so spät? Wir haben immer mal kleine Schübe gehabt, zuletzt, vor ein paar Jahren, als die junge republikanische Gouverneurin von South Carolina, Nicky Haley, die konföderierte Flagge in ihrem Staat nach einer furchtbaren Attacke auf eine schwarze Kirche verbieten ließ. Aber es scheint jetzt so viel mehr Unterstützung dafür zu geben. Und das hat insofern mit Donald Trump zu tun, als es so viel Verärgerung, Abscheu, Hoffnungslosigkeit gibt, weil dieser Präsident nie für sein Handeln, seine Lügen, seine Übergriffe zur Rechenschaft gezogen wird. Die Menschen wollen tun, was sie tun können. Diejenigen, die Donald Trumps Politik ablehnen, spüren eine gemeinsame Kraft, nach Jahren, in denen sie gelähmt und frustriert waren angesichts der Fähigkeit dieses Präsidenten, in völliger Straflosigkeit zu operieren.

Trump beginnt schon, die Legitimität der Wahl anzuzweifeln

Apropos Straflosigkeit: Der demokratische Kandidat Joe Biden äußerte jüngst die Befürchtung, dass Trump ihm die Wahl stehlen könnte. Sehen Sie diese Gefahr auch?

Nun, der Präsident hat schon einmal vorsorglich damit begonnen, die Legitimität der Wahl 2020 infrage zu stellen. Er schimpft über “Manipulation” und “Vorbereitung von Wahlbetrug”, weil der – demokratische – Gouverneur von Kalifornien wegen der Pandemie die Möglichkeiten zur Briefwahl ausweiten will. Da sendet er bewusst ein Signal aus, dass er das Ergebnis anfechten will, wenn es seinen Vorstellungen nicht entspricht. Da sind die Leute zu Recht besorgt. Ich glaube, das wirklich beängstigende Szenario ist ein knappes Resultat in der Wahlnacht mit vielen Briefwahlstimmen, deren Auszählung ein paar Tage dauert. Wie wird Trump das handhaben? Auf welche Ideen kommt er dann? Wenn er klar verlieren sollte und die Wahlversammlung Joe Biden zum Gewinner ausruft, dann denke ich nicht, dass Trump viel dagegen tun wird oder kann.

Bis dahin, was bedeuten all die Unsicherheiten in Washington für den Rest der Welt?

Das ist eine wichtige Frage, denn selbst wenn Donald Trump im November verliert und Joe Biden sich daranmacht, den Schaden der vergangenen Jahre bei unseren Alliierten und Freunden in Europa zu reparieren – die Frage nach Amerikas Zuverlässigkeit als Partner steht noch lange im Raum. Da könnte die berechtigte Sorge sein, dass Amerika alle vier Jahre seinen Kurs wechselt, und damit Zweifel daran wecken, dass Abkommen mit den USA irgendetwas wert sind, selbst bei einer freundlicheren Regierung. Die Rolle der USA als Garant einer internationalen Ordnung ist auf jeden Fall geschwächt, egal wie das Ergebnis im November sein wird. Wenn du dich von einer Führungsrolle verabschiedest, dann drängen sich die Leute nicht danach, sie dir wiederzugeben.

Das klingt ziemlich pessimistisch.

Das sehr optimistische Szenario ist dieses: Wenn Trump verliert, dann werden wahrscheinlich viele Freunde Amerikas in Europa und in der Welt erleichtert sein. Es würde sie vielleicht sogar drängen, mit den USA in einer Weise zusammenzuarbeiten, die ein Auseinanderfallen wie unter Trump in der Zukunft verhindern würde. Aber wie gesagt, das ist wahrscheinlich Wunschdenken.

Wie sehr haben sich die USA verändert?

Hat sich die amerikanische Demokratie so nachhaltig verändert?

Es sind in den vergangenen vier Jahren verstörende Dinge passiert, von denen ich im Leben nicht geglaubt hätte, dass sie in meinem Land passieren könnten. Die republikanische Partei hat sich zum Steigbügelhalter für einen Mann gemacht, der wörtlich sagt: Der einzige Mensch, dessen Entscheidungen zählen, bin ich. Das ist ein Markenzeichen seiner Präsidentschaft geworden. Er bewundert nicht nur “starke Führer” wie Wladimir Putin in Russland oder Präsident Erdogan in der Türkei – seine eigenen Instinkte scheinen auch die eines Autokraten zu sein. Der Zusammenbruch einer Partei, die feindliche Übernahme durch einen autokratisch denkenden, die Demokratie angreifenden Anführer ist ein riesiges Problem in einem Land, dessen politisches System auf nur zwei Parteien ruht. Wir haben gesehen, wie Umweltregulierungen außer Kraft gesetzt wurden. Wir sind Zeugen, wie fundamental das Wesen der Gerichtsbarkeit verändert worden ist durch die Berufung vieler unqualifizierter oder ideologischer Richter. Das ist das institutionelle Erbe Trumps. Es wird sehr schwer, das zu überwinden. Selbst dann noch, wenn wir längst vergessen haben, wie es ist, jeden Morgen mit einem bösartigen Tweet aus dem Weißen Haus aufzuwachen.

Leonard Cohen hat einst die tröstliche Zeile gesungen: “In allem ist ein Spalt – das ist, wo das Licht hereinkommt”. Wo fällt das Licht hinein in Amerika 2020?

(lacht) Der Spalt ist in unserer Gesellschaft im Moment leider eher eine Kluft. Das ist die Wirklichkeit, mit der wir in absehbarer Zukunft in den USA zurechtkommen müssen. Vielleicht aber lehrt uns Trumps Präsidentschaft potenziell doch etwas Positives: Wenn ein Präsident die Macht hat, so viel Schaden anzurichten, dann hat ein anderer womöglich die Macht, genauso viel Gutes zu tun.

Die Stimme des liberalen Amerika

Susan B. Glasser zählt zu den renommiertesten politischen Korrespondentinnen in Washington. Unter der Präsidentschaft Donald Trumps ist sie zur Verteidigerin eines freien, kritischen Journalismus geworden: “Ich fürchte um die Zukunft des unabhängigen Journalismus und seiner Rolle in der Demokratie. Sie sollten das auch tun. Der Medienskandal um die Wahl von Donald Trump besteht nicht darin, dass Journalisten der amerikanischen Öffentlichkeit irgendetwas vorenthalten hätten. Er besteht darin, dass sie berichtet haben, aber dass das keine Rolle mehr zu spielen scheint.”

Mit der wöchentlichen Kolumne “Letter from Trump’s Washington” im “The New Yorker” ist die 51-Jährige seit 2017 zur Stimme des liberalen politischen Amerika geworden. Sie ist regelmäßige Kommentatorin auf CNN. Als außenpolitische Expertin war sie Mitbegründerin von “Politico” und verantwortete 2016 die Wahlkampfberichterstattung des Magazins. Zehn Jahre war sie Korrespondentin der “Washington Post”, hat etwa das Moskauer Büro geleitet.

Glasser ist mit Peter Baker verheiratet, White-House-Korrespondent der “New York Times”. Gemeinsam haben sie ein Buch über den Aufstieg Wladimir Putins geschrieben. Jüngst ist eine Auswahl ihrer “New Yorker”-Kolumnen im Verlag Weltkiosk unter dem Titel “Briefe aus Trumps Washington” auf Deutsch erschienen.

Von Susanne Iden/RND