Wer darf an die Ostsee - und wer nicht? Quelle: Carsten Rehder/dpa

Lockdown in Gütersloh: Kampf gegen Corona ist wichtiger als Urlaub

In Nordrhein-Westfalen gibt es – wegen der Corona-Infektionen, die vom Betrieb des Fleischfabrikanten Tönnies ausgehen – rund um Gütersloh einen Lockdown. Gleichzeitig beginnt die Ferienzeit. Ist es zumutbar, wenn Menschen jetzt ihren Urlaub nicht antreten können? Ja, kommentiert Tobias Peter. Er sieht aber auch den Staat in der Pflicht, sein Handeln möglichst gut nachvollziehbar zu machen.

Berlin. Es ist eine Horrorvorstellung: Die Koffer sind gepackt, der Urlaub soll losgehen – und dann heißt es: “Sie müssen zu Hause bleiben.” Der Grund: Es gibt im Kreis, in dem man lebt, eine hohe Zahl von Corona-Infektionen. Und deshalb gibt es unweigerlich einen Lockdown.

Ist das fair? Den Urlaub absagen zu müssen, ist bitter. Das gilt erst recht in einem Jahr, in dem es wegen der Corona-Pandemie ohnehin viele Einschränkungen gab. Wir reden ohne jeden Zweifel über eine erhebliche Einschränkung der Freiheit des Einzelnen. Wohl selten haben sich die meisten Menschen so sehr danach gesehnt, einfach mal wieder etwas anderes zu sehen. Und am Ostseestrand oder anderswo ein bisschen die Seele baumeln zu lassen.

Der Sinn des Lockdowns

Am Ende ist die Frage nach der Zulässigkeit von Reisebeschränkungen für den Einzelnen, im Moment für Menschen aus Gütersloh und Umgebung, dennoch einfach zu beantworten. Wenn jemand aus einem Gebiet kommt, in dem die Zahl der Corona-Infektionen – aus welchem Grund auch immer – in die Höhe schießt, sind solche harten Vorgaben klug, zumutbar und richtig. Der Einzelne muss dann zugunsten der Gesellschaft zurückstecken.

Der Sinn eines lokalen Lockdowns besteht ja gerade darin, ein Infektionsgeschehen schnell und wirkungsvoll zu stoppen. Wenn diejenigen, die von einem solchen Herunterfahren des öffentlichen Lebens betroffen sind, dann einfach woanders hinfahren, droht genau das Gegenteil: Nämlich, dass sich das Virus ungehindert weiter verbreitet. Man muss kein Virologe sein, um das zu verstehen.

Wichtig ist, dass Bund und Länder sich jetzt auf einheitliche Regeln geeinigt haben. Reisende aus einem Landkreis mit hohem Corona-Infektionsgeschehen dürfen nur unter bestimmten Bedingungen in einem Hotel untergebracht werden: nämlich wenn sie laut einem höchstens 48 Stunden vor der Anreise vorgenommenen Test infektionsfrei sind. Gleiche, nachvollziehbare Kriterien können helfen, die gesamtgesellschaftliche Akzeptanz für das Notwendige zu sichern.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hat vor einer Stigmatisierung von Bürgern des Kreises Gütersloh gewarnt. Eine solche Stigmatisierung wäre in der Tat falsch. Sie droht durch Reisebeschränkungen aber gar nicht. Niemand muss sich dafür schämen, aus dem Kreis Gütersloh zu kommen. Schämen müssen wir uns alle, weil wir vor den unzumutbaren Arbeitsbedingungen von osteuropäischen Fleischarbeitern in Deutschland so lange die Augen verschlossen haben.

Man würde es sich generell zu leicht machen, den Staat, der jetzt punktuell auch Reisebeschränkungen verhängen muss, als übergriffig zu betrachten. Solche Entscheidungen werden gerade dadurch notwendig, dass Bund und Länder sich entschieden haben, die Freiheiten des Einzelnen eben nicht mehr pauschal zu beschränken – sondern nur noch da, wo es im Kampf gegen die Pandemie notwendig ist.

“Es ist auch meine erste Pandemie”

Wer im Kampf gegen die Pandemie das gesellschaftliche Leben generell wieder stärker öffnet, muss im eingrenzbaren Ernstfall hart sein. Sonst drohen für alle unkalkulierbare Gefahren. Dieser Zusammenhang lässt sich nicht leugnen – und er gilt nicht nur in Gütersloh. Auch Eltern sind damit konfrontiert, wenn ihre Kinder wegen eines Infektionsgeschehens nicht mehr in die Schule gehen können, während anderswo unterrichtet werden kann.

“Es ist auch meine erste Pandemie” – das sagen Politiker und andere gelegentlich, wenn man sie fragt, ob sie im Kampf gegen das Coronavirus alles richtig gemacht haben. Das Coronavirus wird uns immer wieder vor schwierige ethische und gesellschaftliche Fragen stellen.

Wovon man gern Urlaub hätte

Wenn sich die Immunität eines Menschen – anders als nach bisherigem Stand der Forschung – mittels Antikörpertest einmal gesichert feststellen lassen sollte, wird dies auch für die Frage eines Immunitätsausweises gelten. Dann stünde der nachvollziehbare Wunsch, Menschen mit Immunität mehr Freiheit zu ermöglichen, gegen das gesellschaftliche Dilemma, dass der Immunitätsnachweis ein Anreiz sein könnte, sich anzustecken.

Von diesen und anderen Fragen hätte man tatsächlich gern mal Urlaub. Aber sie werden uns weiter verfolgen – auch in den Ferien.

Von Tobias Peter/RND