Sonntag , 25. Oktober 2020
Schweinefleisch und Rindfleisch liegen in einer Fleischtheke in einem Supermarkt. Quelle: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Fleisch ist keine Ware wie jede andere

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner will dem ruinösen Preisdruck in der Fleischwirtschaft Einhalt gebieten. Sie sollte jetzt nicht davor zurückschrecken, dies per Gesetz zu tun. Es gibt ethische Grenzen für die freie Preisgestaltung des Marktes, kommentiert Marina Kormbaki.

Berlin. Julia Klöckner trat als Bundesagrarministerin mit dem Vorsatz an, die Lebensmittelindustrie mit Freiwilligkeit zu reformieren statt mit Zwang. Die CDU-Politikerin sieht nun ein, dass sie mit dieser laxen Strategie gegenüber der Fleischindustrie nicht weiterkommt.

Der Fall Tönnies führt exemplarisch die himmelschreienden Missstände bei den Lebensbedingungen der Arbeiter und den Sterbebedingungen der Tiere vor Augen. Missstände, die keine Begleiterscheinungen, sondern Kernbestandteil einer auf Masse und Preisdruck setzenden Branche sind.

Sie lassen sich nicht mit Appellen abstellen, sondern nur per Gesetz. Gut, dass Klöckner dies erkannt hat.

Die Ministerin hat die Forderung der Grünen nach einer Tierwohlabgabe auf Steaks und Würstchen übernommen. Mit dem zusätzlich eingenommenen Geld sollen Stallumbauten finanziert werden, sodass Schweine nicht mehr in Stress und Panik die Schwänze ihrer Artgenossen abbeißen. Klöckner will dafür den Handel in die Pflicht nehmen.

Das ist der richtige Ansatz. Denn nur wenn die Discounter ihre unanständigen Dumpingpreise endlich sein lassen, können Landwirte die Umbauten und die Verkleinerung ihrer Bestände auch finanziell stemmen.

Der Eingriff der Politik in die Preisgestaltung der Wirtschaft ist in einer Marktwirtschaft gewiss heikel. Aber Fleisch ist keine Ware wie jede andere. Tierwohl darf in einer Gesellschaft, die sich gern hunde- und katzenfreundlich gibt, keine vernachlässigbare Größe sein. Auch das Wohlergehen von Arbeitern muss ihr ein Anliegen sein – und zwar nicht nur dann, wenn gerade Pandemie ist.

Der Handel begründet seinen ruinösen Preiswettbewerb mit dem Unwillen der Verbraucher, mehr Geld für Fleisch zu zahlen. Der Einwand ist berechtigt. Viele Bürger fordern zwar mehr Tierwohl und ein Ende ausbeuterische Arbeitsbedingungen – aber zum Nulltarif. Sie müssen ihren Beitrag dazu leisten.

Es gibt kein Recht zum Kauf von Billigfleisch. Und auch keine Pflicht dazu.

Von Marina Kormbaki/RND