Freitag , 30. Oktober 2020
Die Vorsitzenden der CDU von 1949 bis heute, Reihe oben (v. l.): Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger und Rainer Barzel; untere Reihe (v. l.): Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble, Angela Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer. Quelle: Dpa Team/dpa

75 Jahre CDU: Köpfe und Konflikte

In der Geschichte der CDU spiegelt sich ein Gutteil bundesrepublikanischer Geschichte wider. Wiederaufbau, NS-Verstrickungen, deutsche Einheit und Europa – Wohl und Wehe des Landes gingen oft Hand in Hand mit der Partei. Eine Chronik zur 75-jährigen Geschichte der CDU – in Wort und Bild.

Berlin. Am 26. Juni 1945 erblickt mit dem “Berliner Gründungsaufruf” die Christlich Demokratische Union das Licht der Welt. Sie soll die Partei derer werden, die “nicht in den Programmen der KPD und SPD ihre politische Heimat finden”.

Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist seitdem eng mit jener der CDU verbunden.

Konrad Adenauer – rheinischer Staatsmann

Kaum ein anderer Politiker verkörpert das Nachkriegs-Deutschland der ersten Jahre so sehr wie Konrad Adenauer. Der “Alte” führt Deutschland mit Disziplin und Strenge durch die Jahre des Wiederaufbaus. Ihm gelingt – kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust – die Eingliederung der Bundesrepublik Deutschland in die militärischen und wirtschaftlichen Bündnisse des Westens. Die schrittweise Aussöhnung mit dem einstigen “Erbfeind” Frankreich ist Adenauer ein großes Anliegen. Seinem französischem Gegenpart Charles de Gaulle ist der gebürtige Kölner viele Jahre lang sehr verbunden.

Kiesinger und die 68er

Die 1960er enden mit Flowerpower und Außerparlamentarischer Opposition. In Deutschland rebelliert eine nachwachsende Generation gegen den Muff von “Tausend Jahren unter den Talaren”. CDU-Bundeskanzler und Alt-Nazi Georg Kiesinger bekommt den Frust der Nachgeborenen buchstäblich zu spüren. Während des Bundesparteitages in Berlin 1968 steigt Aktivistin Beate Klarsfeld aufs Podium und ohrfeigt Kiesinger für seine NSDAP-Mitgliedschaft und Mitarbeit im Nazi-Apparat. Die große Koalition unter Kiesinger zerbricht im folgenden Jahr nach der Bundestagswahl. Die junge Bundesrepublik erlebt eine Zeitenwende – mit sozial-liberalen Bundesregierungen unter Willy Brandt und später Helmut Schmidt.

Turbulente Jahre in der Opposition

Die CDU muss schwer schlucken an ihrer Degradierung zur Oppositionspartei. In der machtverwöhnten Partei machen sich Unruhe und Orientierungslosigkeit breit – was sich im raschen Wechsel ihrer Vorsitzenden widerspiegelt. Nach der Ära Adenauer halten sich die Nachfolger Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger und Rainer Barzel nur kurz an der Parteispitze. Zwischenzeitlich zieht mit Franz Josef Strauß sogar ein CSU-Mann für die Union in den Bundestagswahlkampf. 1973 übernimmt Helmut Kohl das Ruder.

Helmut Kohl – Kanzler der Einheit

Das Pfälzer Schwergewicht führt die Volkspartei nach 13 Jahren in der Opposition zurück auf die Regierungsbank – stets auf Konfrontationskurs mit der SPD. Sein oft rabiater Stil, die Wortwahl getreu Pfälzer Mundart ein wenig derb, bleibt ihm über die Jahre erhalten. So droht er 1991 Eierwerfern gleich mal mit einer Tracht Prügel. Doch er kann auch diplomatisch sein. In fünf Legislaturperioden treibt Kohl nicht nur die europäische Integration durch das Schengen-Abkommen und die Währungsunion stark voran. Als Kanzler der Einheit macht er vielen skeptischen Bürgern die Wiedervereinigung mit “blühenden Landschaften” schmackhaft.

Schwarze Kassen und ein “Ehrenwort”

Kohls Abgang von der politischen Bühne ist ziemlich unsanft und markiert einen Tiefpunkt in der Geschichte der CDU. Ende 1999 – die CDU ist wieder in der Opposition – erfährt die Öffentlichkeit von den schwarzen Konten des ehemaligen Bundeskanzlers und Parteichefs. Die Namen der Spender nennt Kohl nie, weil er ihnen sein “Ehrenwort” gegeben habe. Gleichzeitig tritt die damalige CDU-Generalsekretärin Angela Merkel aus dem Schatten ihres einstigen Mentors. In ihrem berühmten Gastbeitrag in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” fordert Merkel die Partei auf, sich vom Patriarchen zu lösen und eigene Wege zu gehen. Sie überrumpelt damit auch den damaligen Partei- und Fraktionschef Wolfgang Schäuble, der selbst in die Spendenaffäre verwickelt ist und später von beiden Positionen zurücktritt.

Angela Merkel – die Krisenkanzlerin

Nach ihrem Wahlsieg 2005 bewegt Angela Merkel die CDU in die Mitte des politischen Spektrums. Damit verärgert die Pfarrerstochter viele in ihrer Partei (und bald auch in der SPD). Merkel räumt ohne große Debatten einstige Grundüberzeugungen der CDU ab. Etwa mit dem Aussetzen der Wehrpflicht oder dem Ausstieg aus der Atomkraft. Umstritten ist auch ihr abwartender, oft zögerlich erscheinender Umgang mit brenzligen Situationen, von denen es in ihrer Kanzlerschaft eine Menge gibt. Finanzkrise (2009), Euro-Krise (2011), Flüchtlingskrise (2015) und die aktuelle Corona-Krise machen Merkel zur Krisenkanzlerin. Sie bleibt zuversichtlich. Ihre Ansage aus dem Spätsommer 2015 wird wohl noch lange in Erinnerung bleiben: “Wir schaffen das.”

Der lange Abschied von Merkel

Was – und wer – folgt in der CDU nach der Ära Merkel? Jedenfalls nicht jene Frau, die Merkel selbst zu ihrer Nachfolgerin erkoren hatte. Nach gut einem Jahr als CDU-Bundesvorsitzende kündigte Annegret Kramp-Karrenbauer im Februar ihren Rückzug aus der Parteispitze an. Eigentlich sollte rasch ein Nachfolger gefunden werden, doch dann kam Corona.

Im Dezember wollen sich NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, Außenpolitiker Norbert Röttgen und der einstige Unionsfraktionschef Friedrich Merz zur Wahl stellen. Ausgang offen.

Von Max Hempel/RND