Dienstag , 22. September 2020
Finden Gemeinsamkeiten: Die beiden Aktivisten Luisa Neubauer und Joshua Wong. Quelle: imago/Metodi Popow/Vincent Yu/AP/dpa/Montage RND

Aktivisten verbünden sich: Neubauer und Wong im Gespräch

Auf der Jugendkonferenz Tincon finden am Freitag – virtuell – die Klimaaktivistin Luisa Neubauer und der Demokratieaktivist Joshua Wong aus Hongkong zu einem Gespräch zusammen. Das Gespräch wurde aufgezeichnet. Wong wünscht sich “mehr Solidarität” aus dem Ausland, Neubauer fordert einen weltweiten Kampf für Menschenrechte und Freiheit.

Berlin. In den sozialen Medien sind sie beide eine Hausnummer: Der Hongkonger Demokratieaktivist Joshua Wong (23) hat allein auf Twitter fast 600.000 Follower, die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer (24) immerhin 140.000. Beide haben in den vergangenen Jahren Hunderttausende auf die Straße gebracht, Wong gegen den wachsenden Einfluss der chinesischen Diktatur in der Handelsmetropole, Neubauer für Klimagerechtigkeit.

Auf den ersten und zweiten Blick haben beide Bewegungen nicht viel miteinander zu tun: Sie sind fast 9000 Kilometer voneinander entfernt, Wong demonstriert unter den Bedingungen eines immer rigideren autoritären Systems, Neubauer begleitet von einer meist wohlwollenden demokratischen Öffentlichkeit.

Doch sie sind beide Teil einer Protestgeneration, die in den sozialen Medien mindestens so stark aktiv ist wie auf der Straße. Und so lag es nahe, dass beide für ein Gespräch zusammenkommen – und sei es virtuell im Rahmen der Jugend-Internetkonferenz Tincon, die Corona-bedingt dieses Jahr ohnehin komplett ins Netz wanderte und am Freitag von 12 bis 20 Uhr auf der Onlineplattform tincon.org übertragen wurde.

Aktivist Wong: “China führt Krieg gegen demokratische Werte”

Wong kündigte an, an den Demonstrationen in Hongkong trotz der wachsenden Bedrohung durch das chinesische Sicherheitsgesetz festzuhalten: “Wir werden weiter protestieren”, sagte der Student. “China führt einen Krieg gegen liberale und demokratische Werte. Wir könnten mehr Solidarität von Aktivisten überall auf der Welt bekommen”, wünschte er sich.

Neubauer stimmte ihm zu: “Wir müssen für Menschenrechte und Freiheit und gerechte Demokratie kämpfen, wo auch immer wir sind. Das verbindet die Punkte auf der ganzen Welt”, sagte die Geografin und “Fridays for Future”-Aktivistin. “Ob wir gegen den Klimakollaps kämpfen, für Demokratie, gegen Rassismus und Sexismus – alle diese Kämpfe haben gemeinsam, dass unsere Freiheit und unsere Menschenrechte aktiv gefährdet sind.”

Wong machte während des 20-minütigen, auf Englisch geführten Gesprächs mehrfach deutlich, dass er mit Repressionen Pekings rechnet und davon ausgeht, in naher Zukunft erneut verhaftet zu werden – will sich aber dennoch nicht von seinem Engagement abbringen lassen. Er kündigt auch an, bei den geplanten Parlamentswahlen am 6. September kandidieren zu wollen. “Vielleicht lassen sie mich erneut nicht zu, vielleicht sagt Peking die Wahlen ganz ab – es ist alles sehr unsicher”, sagte er. “Aber wir müssen versuchen, dass die demokratischen Kräfte die Mehrheit im Legislativrat bekommen.”

Die aktuelle Situation in Hongkong bezeichnete Wong als Endspiel zwischen Peking und den demokratischen Kräften: “Die Zeit wird knapp. Jetzt oder nie.”

Neubauer zeigte sich deutlich beeindruckt von Wongs Mut. “Wir müssen alles tun, um dich und euren Kampf zu unterstützen in eurer extrem schwierigen Lage”, versprach sie.

Wong wiederum hatte eine Botschaft an die Jugendlichen in Europa: “Kümmert euch mehr um Politik. Ich habe mit 15 angefangen, auf die Straße zu gehen. Die Erwachsenen müssen verstehen: Nach den Regeln zu spielen, ist nicht die einzige Möglichkeit. Wenn wir das Spiel ändern wollen, müssen wir die Regeln ändern. Macht einfach was, teilt Bilder eurer Aktionen in den sozialen Netzwerken.”

Kürzlich hatte die Bewegungsforscherin Katarina Stjepandic dem RND gesagt.“Wir beobachten auch, dass sich die demokratischen, antirassistischen, progressiven Kräfte seit 2018 immer stärker miteinander vernetzen. Die neuen Bündnisse bemühen sich zum Beispiel darum, die Zusammenhänge zwischen den großen Kernthemen deutlich zu machen und offensiver miteinander zu verknüpfen.” Stjepandic meinte damit die deutschen Verhältnisse. Neubauer und Wong beginnen damit jetzt auch international.

Von Jan Sternberg/RND