Dienstag , 29. September 2020
Die Lufthansa wurde von der Corona-Pandemie stark getroffen. Quelle: Arne Dedert/dpa

Die Lufthansa wird zum industriepolitischen Experiment

Dem Bund werden künftig Teile der Lufthansa gehören. Dieses Modell ist bei Unternehmen wie der Deutschen Telekom oder Volkswagen schon sehr erfolgreich. Und es könnte auch für die Lufthansa zukunftsweisend sein, meint RND-Autor Frank-Thomas Wenzel.

Corona macht’s möglich. Die Pandemie beschert Politik und Wirtschaft das bislang spannendste industriepolitische Experiment der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Der Staat wird der größte Anteilseigner der Lufthansa – und zugleich ist dort Großaktionär Heinz Hermann Thiele im Geschäft, dessen Verhalten schwer berechenbar ist, den man aber eher den Praktiken von aktivistischen Finanzinvestoren zuordnen kann. Außerdem gibt es starke Gewerkschaften, die sich oft genug nicht einig sind und die sich immer wieder gegenseitig bekämpfen.

Dazu kommt, dass sich das alles in einer Branche abspielt, die eigentlich in den nächsten Jahren dynamisch wachsen sollte, gleichzeitig aber extrem empfindlich auf Schocks aller Art reagiert: ganz besonders auf Pandemien – wie es uns in den vergangenen Monaten vorgeführt wurde. Was soll aus dieser Gemengelage werden? Das kann im schlimmsten Fall in Chaos und unternehmerischen Katastrophen enden. Das kann im günstigsten Fall aber zu einem Modell für das Wirtschaften in einer Welt werden, die noch Jahre mit den Folgen von Corona kämpfen und zugleich das noch viel bedrohlichere und komplexere Problem des Klimawandels bewältigen muss.

Staat spannt Schutzschirm gegen feindliche Übernahmen

In den nächsten zwei, drei Jahren wird es aber vor allem darum gehen, die Lufthansa zu stabilisieren. Geld genug dafür ist mit dem 9 Milliarden Euro schweren Rettungspaket da. Außerdem hat die Bundesregierung mit ihrem Einstieg einen funktionsfähigen Schutzschirm gegen eine feindliche Übernahme durch Airlines aus Asien oder vom persischen Golf geschaffen.

Thiele hält nichts von staatlichen Beteiligungen. Damit liegt er falsch. Es gibt hinreichend Beispiele für äußerst erfolgreiche Konzerne mit Staatsbeteiligung – siehe Deutsche Telekom, Deutsche Post oder Volkswagen.

Wie wirkt der Staat in diesen Unternehmen? Meist indirekt. Häufig wird mit Gewerkschaften und Betriebsräten über Bande gespielt. Vor allem wenn es um Arbeitsplätze geht. So wurde erreicht, dass die Unternehmen durch diverse Krisen kamen, ohne betriebsbedingte Kündigungen auszusprechen. Das nervte Manager bisweilen, hatte aber auch den Effekt, dass sie angespornt wurden, kluge Lösungen für mehr Umsatz und Rendite zu finden.

Alle Akteure müssen dazulernen

Bei der Lufthansa wird nun auch eine Strategie gefahren, mit der das Unternehmen wie niemals zuvor umgebaut, verkleinert und effizienter gemacht werden muss – bei einem gleichzeitigen Verzicht auf Entlassungen. Das kann beispielgebend werden, aber nur dann gedeihlich funktionieren, wenn es bei allen Akteuren Lernkurven gibt – unter besonderer Berücksichtigung von Heinz Hermann Thiele.

Von Frank-Thomas Wenzel/RND