Dienstag , 20. Oktober 2020
"Der Trend zur Privatisierung im Krankenhausbereich muss gestoppt werden": Die Parteivorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen, Robert Habeck und Annalena Baerbock.

Wie die Grünen das Gesundheitssystem reformieren wollen

Nein zu Privatisierung, ja zur digitalen Nutzung von Patientendaten: Die Grünen legen Leitlinien für eine Reform des Gesundheitssystems vor. Dem Staat soll künftig wieder eine stärkere Rolle zukommen, heißt es im Entwurf zum neuen Grundsatzprogramm. Im Herbst wollen die Grünen ihr Programm beschließen.

Berlin. Die Grünen fordern ein Ende von Privatisierungen im Gesundheitswesen. “Der Trend zur Privatisierung im Krankenhausbereich muss gestoppt werden”, heißt es im Entwurf der Parteiführung zum neuen Grundsatzprogramm, der dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) vorliegt.

“Gesundheitsversorgung ist öffentliche Aufgabe. Sie muss dem Menschen und der Allgemeinheit zugutekommen und dient nicht dem Zweck, hohe Renditen zu erzielen”, schreibt die Parteispitze weiter.

Die Partei sieht den Staat in der Pflicht. “Bei privaten Kliniken und Pflegeheimen sollen Gewinnausschüttungen gesetzlich beschränkt werden”, fordern die Grünen und stellen fest: “Gesundheitssysteme, die sich auf den Markt verlassen, sind teuer und ineffizient.”

Kommerzplatz Klinik?

Die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens habe zu “Fehlanreizen, erzwungener Kostenersparnis zulasten der Versorgungssicherheit und einer falschen Verteilung von Geldern geführt”, bemängeln die Grünen.

Vor allem müsse die Krankenhausfinanzierung neu geregelt werden. “Kliniken sollen nicht nur nach erbrachter Leistung, sondern nach ihrem gesellschaftlichen Auftrag finanziert werden. Dafür müssen die Fallpauschalen reformiert und um eine strukturelle Finanzierung ergänzt werden”, heißt es in dem Papier.

Kosten sollen auf alle verteilt werden

Im Zuge des demografischen Wandels und zunehmenden technischen Fortschritts müsse man auch bei der Finanzierung des Gesundheitssystems neue Wege gehen. Die Grünen bekräftigen ihre Forderung nach einer Bürgerversicherung: “Indem alle Bevölkerungsgruppen in die Finanzierung über eine Bürgerversicherung einbezogen werden, können wir die Belastungen fair und für alle tragfähig ausgestalten. “Gesundheit und Pflege müssten allen Menschen gleich zur Verfügung stehen. “Es darf keinen Unterschied beim Zugang nach Einkommen oder Versicherungsstatus geben”, fordern sie.

Überdies zeigt sich die Parteispitze offen für eine verstärkte digitale Erfassung von Patientendaten. “Die digitale Verfügbarkeit von Patienti*innen-Daten und Infektionswegen kann Bürger*innenrechte nicht nur schützen, sondern auch sichern”, schreibt sie. Aufgrund der Sensibilität dieser Daten käme dem Datenschutz eine herausragende Rolle zu. “Gerade deshalb sollte die Infrastruktur von staatlicher Seite und nicht von privaten Drittanbietern zur Verfügung gestellt werden”, so die Grünen.

Digitale Helfer im Krankenzimmer

Digitalisierung und Automatisierung könnten überdies einen Beitrag zur Bekämpfung des Fachkräftemangels in Kliniken und Pflegeheimen leisten. “Die Koordinierung und der Abgleich von Kapazitäten und die Übernahme von unterstützenden Tätigkeiten durch Robotik und digitale Hilfsmittel kann mehr Zeit für die persönliche Arbeit mit Patient*innen gewonnen werden”, heißt es in dem Papier.

Die Parteichefs Annalena Baerbock und Robert Habeck stellen am Freitag ihren Entwurf zum neuen Grundsatzprogramm in Berlin vor. Auf dem Parteitag im November wollen die Grünen die neuen Leitlinien der Partei beschließen. Das aktuelle Grundsatzprogramm stammt noch aus dem Jahr 2002.

Von Marina Kormbaki/RND