Samstag , 24. Oktober 2020
Die Zukunft der Fluggesellschaft Lufthansa ist trotz Milliarden-Rettungspaket des Bundes ungewiss. Quelle: Arne Dedert/dpa

Abstimmung über Rettungspaket: Für die Lufthansa geht es um die Existenz

Die Corona-Pandemie hat Lufthansa einen Sinkflug beschert. Die Zukunft der größten deutschen Fluggesellschaft ist trotz Milliarden-Rettungspaket des Bundes ungewiss. Die alles entscheidende Frage über die Zukunft des Airline-Riesen fällt bei der Hauptversammlung am Donnerstag.

Sie standen überall in den besseren Wohngebieten in Frankfurt und Umgebung. Die Autos, meist aus der Premiumkategorie, mit den gelb-blauen Lufthansa-Aufklebern. Die Besitzer der Wagen wollten damit demons­trieren, dass sie sich nicht nur teure Immobilien und teure Pkw leisten können, sondern auch bei einem ganz besonderen Unternehmen beschäftigt waren – Traumjob war vor Jahren eine vielfach verwendete Vokabel.

Lufthansa: Liquiditätsreserven sind demnächst aufgebraucht

Und heute? Der Lufthansa drohte tagelang der komplette der Absturz. Seit gestern Abend ist zumindest klar: Bei der außerordentlichen Hauptversammlung am heutigen Donnerstag wird wohl das staatliche Rettungspaket angenommen werden. Eine Insolvenz wäre damit abgewendet. Die Stimmung in der Belegschaft ist gleichwohl am Nullpunkt: “Wenn ich noch einen Lufthansa-Aufkleber am Auto hätte, würde ich unter Inkaufnahme von Lackschäden dafür sorgen, dass er so schnell wie möglich verschwindet”, sagt ein Pilot, der seit 21 Jahren dabei ist.

Die Corona-Pandemie ist der schwerste Schlag für das Unternehmen seit seiner Neugründung nach dem Zweiten Weltkrieg. “Unverschuldet”, das ist für Vorstandschef Carsten Spohr in diesen Tagen die wichtigste Vokabel, um zu beschreiben, was seit Mitte März geschehen ist. Er musste den Flugbetrieb für Wochen fast komplett einstellen. Das Unternehmen verlor pro Stunde eine Million Euro. Die Liquiditätsreserven sind bald aufgebraucht.

Rettungspaket umfasst neun Milliarden Euro

Schon kurz nach dem Lockdown begannen die Verhandlungen mit der Bundesregierung. Sie zogen sich über Wochen hin. Das Ergebnis ist ein auch im internationalen Maßstab bislang beispielloses Rettungspaket. Sowohl in seinem Umfang als auch in seiner Zusammenstellung aus einer Vielzahl von Komponenten. Insgesamt 9 Milliarden Euro ist es stark. Es besteht aus einer stillen Beteiligung des Bundes in Höhe von 5,7 Milliarden Euro. Plus einem 3 Milliarden Euro schweren Kredit eines Bankenkonsortiums und der Führung der staatlichen KfW, die für 80 Prozent der Darlehen geradesteht.

Zudem will die Bundesregierung neue Aktien zu einem Vorzugspreis erwerben, was dem Staat einen Anteil von 20 Prozent bringt – und zusätzlich zwei Sitze im Aufsichtsrat. Ein Teil der stillen Beteiligung soll in ein weiteres Aktienpaket umgewandelt werden können, wenn eine feindliche Übernahme droht. Für die heutige Hauptversammlung hat die Lufthansa eine 16-seitige Präsentation zusammengestellt, um den Anteilseignern zu erläutern, wie das alles funktionieren soll.

Mit den 9 Milliarden Euro will die Lufthansa nach Corona wieder schnell an Flughöhe gewinnen, wobei Spohr davon ausgeht, dass die Branche mindestens drei Jahre braucht, um auf Vorkrisenniveau zurückzukehren. Er will deshalb die Flotte von rund 760 Maschinen um etwa 100 verkleinern und die Belegschaft von 138.000 Frauen und Männern weltweit um mindestens 20.000 Stellen verkleinern.

Der Pilot als Botschafter

Das Rettungspaket ist ein politischer Kompromiss. Für die Lufthansa soll es einerseits massive Hilfen geben, ohne sie zugleich zu verstaatlichen oder auch nur teilzuverstaatlichen. Die Bundesregierung will den Eindruck vermeiden, dass die Lufthansa mit geschenktem Steuergeld überhäuft wird, und sie will sich aus dem operativen Geschäft heraushalten, hätte aber natürlich doch gern die Möglichkeit zu intervenieren, wenn es hart auf hart kommt. Zugleich soll die Lufthansa als deutsches Unternehmen erhalten bleiben. Schließlich hat sie über die Jahrzehnte immer auch eine Botschafterrolle im Ausland gespielt. Und in Berlin sind viele Politiker davon überzeugt, dass es eine nationale Airline braucht, die besonders in Krisenzeiten im Dienste des Heimatlandes agieren kann.

Die EU-Kommission jedenfalls hat das komplexe Konstrukt schon abgesegnet, verlangt allerdings, dass die Kranichlinie an ihren wichtigsten Flughäfen – Frankfurt und München – insgesamt 48 wertvolle Start- und Landerechte an Konkurrenten abgibt. Das soll Wettbewerbsverzerrungen verhindern.

Seit Mittwochabend ist klar, dass die Zustimmung zu dem Paket auch gesichert ist: Der entscheidende Großaktionär Heinz Hermann Thiele will mit seinen Stimmen die nötige Zweidrittelmehrheit nicht verhindern. “Ich werde für die Beschlussvorlage stimmen”, sagte Thiele der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”.

Vor einer Woche hatte Thiele in einen Interview mit der gleichen Zeitung noch das Gegenteil gesagt – und damit alle Lufthansa-Verantwortlichen geschockt. Das Schicksal der Airline hing tagelang an dem 79-jährigen Milliardär aus München. Er hatte die Krise und den daraus resultierenden Tiefflug der Aktie genutzt, um sich zunächst einen Anteil von 10 Prozent zu sichern, den er kurzfristig auf 15 Prozent gesteigert hat.

Damit konnte Thiele die für eine Zustimmung der virtuell versammelten Eigner notwendige Zweidrittelmehrheit verhindern. Er ätzte gegen die Staatsbeteiligung: “Kommt ein Sanierungsplan auf den Tisch mit einem vermuteten Abbau von Tausenden Arbeitsplätzen, gerät die Bundesregierung in die politische Bredouille”, sagte er noch vor Kurzem. Da werde dann viel geredet und viel zerredet. Das verzögere den Gesundungssprozess und führe letztlich zu höheren finanziellen Belastungen. Worauf der Großaktionär hinauswollte, ist für Insider klar: Derzeit bringt die Lufthansa an der Börse nur rund 4,4 Milliarden Euro auf die Waage. Doch das Potenzial soll erheblich höher liegen. Um dies zu heben, brauche es einen Radikalumbau. Das Vorbild dafür könnten Billigflieger wie Ryanair oder Easyjet sein. Ryanair bewegt sich an den unteren Limits dessen, was mit den EU-Standards in puncto Soziales und Arbeitsrecht in Einklang zu bringen ist.

Diese von Gewerkschaftern kritisierte Knauserigkeit hat den Ryanair-Aktionären enorme Dividenden gebracht. Obwohl erheblich kleiner als die Lufthansa, ist der irische Billigflieger wegen seiner Renditestärke an der Börse mehr als 12 Milliarden Euro wert.

Es gibt kein Wir-Gefühl mehr

Die Belegschaft war für die Zukunft der Lufthansa immer der entscheidende Faktor. Nicht nur weil das Personal neben der Spritrechnung der größte Kostenposten ist. Es geht um erheblich mehr als Gehälter und Planstellen.

Wie in kaum einem anderen großen Unternehmen spielen für die Beschäftigten ihr Selbstverständnis und der Kampf um Wertschätzung eine Rolle. “Mit dem früheren Wir-Gefühl ist es schon länger dahin”, sagt der Pilot mit den 21 Dienstjahren. In dem Konzern arbeiten Menschen, die sich für einen speziellen Lebensstil entschlossen haben, der sie ständig über längere Zeit von der Familie trennt, weil sie in ferne Länder fliegen.

Lufthansa-Leute haben immer auch ihre Aufgabe als Botschafter Deutschlands in dunkelblauen Uniformen ernst genommen, haben den Nimbus von deutscher Seriosität und Verlässlichkeit gepflegt. Das hat ein Gemeinschaftsgefühl erzeugt – nicht nur unter den Piloten. Langjährige Beschäftigte schwärmen noch immer von den Partys, die früher gefeiert wurden. Überdurchschnittliche Bezahlung kam hinzu.

Viel von dem ist in vielen Sparrunden verschwunden. Beschäftigte am Check-in-Schalter gehen vielfach mit einem Gehalt nach Hause, das dem einer Kassiererin im Supermarkt vergleichbar ist. Bei den Kämpfen der Angestellten, vom Chefpiloten bis zum Sacharbeiter in der Verwaltung, geht es immer auch darum, weitere Demütigungen zu verhindern.

Piloten wollen auf 45 Prozent Lohn verzichten

Die Pilotenvereinigung Cockpit (VC), die Flugbegleitergewerkschaft Ufo und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi haben in den vergangenen Tagen mit Airline-Chef Spohr verhandelt, um vor der Sonderhauptversammlung eine Einigung über den Personalabbau zu schaffen. “Die Kabine als größte Einzelgruppe gibt einen Krisenbeitrag für die Beschäftigung”, sagte Ufo-Geschäftsführer Nicoley Baublies am Dienstag. Das Volumen für die mögliche Senkung der Personalkosten belaufe sich über mehrere Jahre verteilt auf 700 Millionen Euro. Im Gegenzug werde die Lufthansa “voraussichtlich” einen Kündigungsschutz für vier Jahre zusichern.

Die Piloten haben einen Gehaltsverzicht von rechnerisch bis zu 45 Prozent angeboten, was 350 Millionen Euro ausmachen kann. Die Gegenleistung: “Unser Ziel ist, dass alle Piloten an Bord bleiben”, sagte Markus Wahl, VC-Präsident, in einem Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Verdi-Vize-Chefin Christine Behle betont: “Die Lufthanseaten arbeiten seit Jahrzehnten loyal und zuverlässig. Sie verdienen Sicherheit und eine klare Zukunftsperspektive.” Die Verdi-Verhandler sollen ein ganzes Bündel von Vorschlägen eingebracht haben: Verzicht oder Stundung von Zuschlägen und von Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Teilzeit, Vorruhestand und Qualifizierungsmaßnahmen für Beschäftigte, deren Jobs wegfallen. Doch am Mittwochnachmittag sah es noch nicht nach Einigungen aus. Verdi hatte denn auch schon zuvor angekündigt, dass die Gespräche am Freitag fortgesetzt werden.

Thieles Zweifel trotz Kehrtwende nicht beseitigt

Aktionär Thiele traf sich mit Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zu Nachverhandlungen über das Rettungspaket. In der Sache habe es wenig Bewegung gegeben, hieß es anschließend. Aber was brachte Thiele dann zum Umdenken?

“Es gibt nach wie vor unterschiedliche Positionen mit den Regierungsvertretern”, sagte Thiele im aktuellen FAZ-Interview. Seine Zweifel seien nicht beseitigt. Letztlich habe er jedoch nicht für eine Insolvenz stimmen können. Es sei klar, dass er als Ankeraktionär mit seiner Investition künftig im Risiko stehe, so Thiele weiter, der Schätzungen zufolge zu den vermögendsten Deutschen gehört. “Deshalb werde ich auch in Zukunft Einfluss nehmen auf die Entwicklung der Lufthansa.” In welcher Form er dies genau zu tun gedenkt, sagte er nicht.

Der vor allem von den Arbeitnehmern befürchtete Kahlschlag nach einer Pleite scheint damit vom Tisch. “Mit der staatlichen Hilfe können Arbeitsplätze erhalten und Einkommen gesichert werden”, sagt Verdi-Vize-Chefin Behle. Die Frage ist nur: wie lange?

Von Frank-Thomas Wenzel/RND