Dienstag , 22. September 2020
Wladimir Putin zeigt sich historisch bewandert, was die Sowjetunion und Stalin angeht. Doch was hält die Zukunft parat? 75 Jahre nach dem 2. Weltkrieg hält Russland eine Militärparade ab. Trotz Pandemie. Und dann? Quelle: imago images/ITAR-TASS/dpa/RND Montage Behrens

Russland hat Raketen – aber keinen Plan für die Zukunft

Wladimir Putins Fixierung aufs Vergangene ist persönlich verständlich – führt aber politisch zu nichts Gutem. Russland muss an neuen Perspektiven arbeiten: ökonomisch, technologisch – und nicht zuletzt im Umgang mit seinen Nachbarn in der EU. Deutschland sollte versuchen, zu einer neuen Art von Entspannung beizutragen. Ein Kommentar von Matthias Koch.

Witja Putin konnte keine Spuren hinterlassen in dieser Welt. Der kleine russische Junge starb bereits als Zweijähriger während der furchtbaren Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht.

Wladimir Putin, Jahrgang 1952, hat seinen Bruder nie kennengelernt. Diese Geschichte hilft beim Verständnis des heutigen russischen Präsidenten. Noch immer kreisen in Putins Kopf viele Gedanken um Vergangenes.

Dieser Tage veröffentlichte der russische Präsident in der amerikanischen Zeitschrift “The National Interest” einen weltweit beachteten historischen Aufsatz. Titel: “Die wahren Lektionen am 75. Jahrestag des Kriegsendes.” Der Staatspräsident schwingt sich auf zum ranghöchsten Historiker seines Landes, zuvor ließ er Archivmaterialien neu durchleuchten.

Das Ergebnis lautet, grob übersetzt: Eigentlich war die Sowjetunion, außenpolitisch jedenfalls, besser als ihr Ruf. Die Westeuropäer hätten sich teils als dumm, teils als hinterhältig erwiesen. Und gegen Stalin könne man sagen, was man wolle – aber jedenfalls habe der die Strategien der anderen Staaten verstanden. Nach Putins Anschauung der Dinge musste Stalin den Hitler-Stalin-Pakt schließen, weil ihm nichts anderes übrig blieb.

Wie wäre es mit Wasserstoff, Quantencomputern, künstlicher Intelligenz?

Europa hätte kein Problem, wenn Putins Thesen nur Thema eines historischen Streitgesprächs wären, in einem irgendeinem Salon. Dummerweise aber binden Putins Lehren aus der Geschichte derzeit die reale und aktuelle Politik Russlands, jeden Tag, rund um die Uhr.

Bei den Militärparaden in Moskau tritt jetzt wieder das One Trick Pony Russland auf die Bühne und beweist schon Bekanntes. Ja, Russland hat Raketen. Ja, Russland hat Panzer. Und ja, Russland kann eine Menge Leute in Marsch setzen. Aber gibt es vielleicht auch mal irgendetwas Neues?

Wie beispielsweise stellt sich Moskau das künftige Nebeneinander oder vielleicht sogar Miteinander seiner 150 Millionen Einwohner mit den 450 Millionen EU-Europäern vor? Liegen nicht in einem engeren ökonomischen Zusammenrücken faszinierende Chancen für beide Seiten? Und müsste nicht ein bislang von fossilen Brennstoffen so abhängiges Land wie Russland interessiert sein an den technologischen Neuerungen, an denen die EU jetzt arbeitet, vom grünen Wasserstoff über Quantencomputer bis zu künstlicher Intelligenz?

Natürlich zögert man als Deutscher, den Russen Tipps zu geben, erst recht im Umfeld einer Nachfeier zum 9. Mai. Dennoch sollte 75 Jahre nach Kriegsende der Gedanke zugelassen werden, dass es in dem gigantischen Land zwischen Ural und Pazifik Zeit ist für einen Blick nach vorn.

Genau den aber bekommt Putin nicht hin. Schlimmer noch: Er fällt sogar zurück hinter den gegenwärtig erreichten Zustand.

Zum Schluss seines Aufsatzes spricht er sich feierlich für ein Treffen von fünf Staaten aus, denen er eine ordnende Kraft zumisst: Russland, China, USA, Frankreich und Großbritannien. Es sind die Atommächte. Sollen diese fünf jetzt die Welt neu aufteilen und vielleicht Europa auch noch einmal spalten?

Sprachlosigkeit und Fantasielosigkeit überwinden

Man kann dieses Denken in rein militärischen Kategorien wahlweise betrüblich finden oder gefährlich. Ein gutes Zeichen jedenfalls liegt darin nicht. Der außenpolitisch versierte Alt-Grüne Ralf Fücks sieht in Putins neuen Texten “eine explizite Abkehr von der gemeinsamen europäischen Friedensordnung”.

Deutschland sollte in diesem prekären Moment alles tun, um für eine neue Art von Entspannung zu werben. Die Sprachlosigkeit und die Fantasielosigkeit im deutsch-russischen Verhältnis müssen überwunden werden.

Hilfreich wäre ein neuer Anlauf zu einer friedlichen Regelung des Ukraine-Konflikts im Sinne des Minsker Abkommens. Und hilfreich wäre es auch, wenn Russland schlicht und einfach damit aufhören würde, in Syrien Krankenhäuser zu bombardieren. Dass dies immer wieder geschehen ist, hatte im Mai zuletzt Amnesty International in einer umfangreichen Studie festgestellt.

Hauptleidtragende übrigens sind, wenn Bomben die Trümmer tanzen lassen, heute wie damals die ohnehin schon Schwächsten in der Gesellschaft. Kinder zum Beispiel, wie der kleine Witja.

 

 

Von Matthias Koch/RND