Mittwoch , 30. September 2020
In der Kreisfeuerwehrschule für den Kreis Gütersloh in Rheda-Wiedenbrück werden die mobilen Teams aus Bundeswehr und Hilfsorganisationen gebildet, die anschließend im gesamten Kreis Gütersloh die Menschen in Quarantäne aufsuchen und testen. Quelle: David Inderlied/dpa

Kreis Gütersloh und Corona: Zurück in den Lockdown

Wegen des Corona-Ausbruchs im Fleischwerk Tönnies gelten im Kreis Gütersloh jetzt wieder die Corona-Maßnahmen. Kneipen sind wieder zu, größere Treffen verboten, und die Menschen fragen sich: Was wird aus dem Urlaub?

Rheda-Wiedenbrück/Gütersloh. Der Fisch wird schlecht. Ganz sicher. Genauso wie der Rest der Ware, heute erst angeliefert, im Wert von Hunderten Euro. Das sagt Iris Bettinger, während sie in dem Raum steht, den sie an diesem Freitag eröffnen wollte, feierlich, mit einem Barbecue, 40 Gäste waren eingeladen. Zwei Bauarbeiter hämmern noch in den Ecken, sonst ist die Erweiterung ihres Restaurants beinahe fertig. Zu einem Zeitpunkt, an dem es nicht schlechter laufen könnte.

Bettinger, kurze blonde Haare und helle Stimme, ist die einzige Sterneköchin im Kreis Gütersloh, sie betreibt das Hotel Reuter in der Innenstadt von Rheda-Wiedenbrück. 20 Mitarbeiter, alle in Kurzarbeit. Das bleibt jetzt auch erst mal so. Vor dem Eingang sitzt Miteigentümer Armin Weisenberger. Er liest auf seinem Handy die Nachrichten und sagt: “Das ist jetzt richtig scheiße.”

Laschet gibt sich Mühe, die explosive Nachricht eher nebenbei zu verkünden

10.41 Uhr am Dienstagmorgen. Mit elf Minuten Verspätung beginnt Armin Laschet in der Düsseldorfer Staatskanzlei eine Pressekonferenz, bei der er eine Premiere verkünden muss: Zum ersten Mal wird in Deutschland nach den Corona-Regeln ein regionaler Lockdown verfügt. Betroffen ist der Kreis Gütersloh nach dem massenhaften Auftreten des Virus bei Arbeitern des Fleischkonzerns Tönnies.

Laschet gibt sich Mühe, die explosive Nachricht eher nebenbei zu verkünden, als logische “zweite Stufe” nach der Schließung von Schulen und Kindergärten vor einer Woche. Er spricht fast beiläufig von der Quarantäne für mehr als 7000 Tönnies-Beschäftigte, auch vor einem Covid-19-Test. Dafür habe es Lob vom Charité-Chefvirologen Christian Drosten gegeben. En passant erwähnt er die drei Hundertschaften, die diese Quarantäne durchsetzen sollen.

Aber es gelingt ihm nicht. Die Nachricht, auch wenn sie niemanden mehr überrascht, ist zu schlecht, und Laschet wirkt viel zu unsicher. Bis zum 30. Juni, vielleicht auch länger, werde der ganze Kreis “zurückgeführt auf die Maßnahmen, die vor wenigen Wochen gegolten haben”. Fast alles, was im Land des Lockerers Laschet wieder erlaubt war, wird erneut untersagt: Kontaktverbot, Kneipenschließungen, Kulturleben wieder dicht, Picknick und Grillen in Parks wieder verboten.

”Eigentlich sind wir jetzt wieder auf dem Stand, an dem wir im März waren”, sagt Iris Bettinger in Rheda-Wiedenbrück. Was also tun? Erst mal das Barbecue absagen. Und dann abwarten. Mehr geht gerade nicht: “Menschen rufen an und sagen mir, wir würden ja eigentlich kommen, aber wir trauen uns nicht.”

Ein Vater macht sich Sorgen um die Gesundheit seines Kindes – ein Säugling

Ein anderes Hotel, eine andere Stadt, eine andere Klasse: An der Neuenkirchener Straße vor den Toren der Stadt Gütersloh sind die Menschen aufgebracht. Bereits seit Sonntag stehen sie unter Quarantäne. “Wir haben keine Getränke, kein Wasser, keine Lebensmittel, keine Windeln für die Kinder”, rufen sie. “Wir leben hier wie die Hunde”, schimpft ein Mann auf Rumänisch.

Ein Knirps wuselt über den Platz vor dem Eingang des Hauses, das seit vielen Jahren eine Unterkunft für Mitarbeiter der Fleischwarenbranche ist. Er wird zurückgepfiffen. Quarantäne. “Die Zimmer sind für uns zu klein, wenn wir hier zwei Wochen lang eingesperrt sind”, klagt eine junge Frau, die aus dem Fenster blickt. Rechts und links von ihr zeigen sich zwei Mädchen im Kindergartenalter. Über ihre Schulter blickt ihr Mann.

Ihre größte Sorge: “Wir sind nicht infiziert, aber wir werden es bestimmt bald sein”, fürchtet eine Mutter. In einzelnen Zimmern seien Infizierte und Nicht-Infizierte gemeinsam untergebracht worden, glaubt sie. Ein Vater macht sich Sorgen um die Gesundheit seines Kindes – ein Säugling.

In der Mittagszeit erscheint Holger Mix, Pastor der Gütersloher Christus-Kirche. Er ist von einer Dolmetscherin des Kreises alarmiert worden und bringt Trinkwasser, Getränke, Grundnahrungsmittel. Pastor Mix ist verärgert: “Ich habe kein Verständnis dafür, wenn die es nicht schaffen, hier die Leute zu versorgen.” Er meint die verantwortlichen Unternehmen, vor allem Tönnies.

In der Pflicht stehen grundsätzlich die Arbeitgeber, betont eine Sprecherin des Kreises. Später heißt es, auch das DRK und das Technische Hilfswerk würden nun bei der Versorgung helfen. Eine Mammutaufgabe für die Verantwortlichen, ohne Frage. Doch es war Zeit genug.

Beherbergungsverbot für Menschen aus dem Kreis in Bayern

”Viel zu spät” käme der erneute Lockdown, kritisiert Thomas Kutschaty, SPD-Fraktionschef im Düsseldorfer Landtag. Seit Wochen grassiert das Virus unter den Arbeitern in den Fleischfabriken. Von den 6140 getesteten Tönnies-Mitarbeitern seien 1553 mit dem Coronavirus infiziert, dazu gebe es einige Infektionen im familiären Umfeld, gibt Laschet bekannt.

“In der Bevölkerung” seien die Infektionen nicht angestiegen, sagt er – und präzisiert kurze Zeit später, “in der Bevölkerung, die nicht bei Tönnies beschäftigt ist”. Es ist der zweite vielsagende Lapsus des Ministerpräsidenten binnen einer Woche. Kurz nach Bekanntwerden der Infektionen bei Tönnies hatte Laschet gemutmaßt, dass “Rumänen und Bulgaren” das Virus mitgebracht hätten.

Bislang seien lediglich 24 nicht bei Tönnies beschäftigte Menschen positiv getestet worden. Dennoch ist jetzt der ganze Kreis betroffen. “Was nicht geht, ist, Gütersloh unter Generalverdacht zu stellen”, sagt Laschet, “dafür gibt es gar keinen Anlass.” Dabei geschieht das längst: Gütersloher Touristen wurde die Unterkunft auf Usedom verwehrt, auch Bayern verhängt ein Beherbergungsverbot für Menschen, die aus einem Landkreis mit mehr als 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner anreisen. Schleswig-Holstein will nachziehen.

Am Wochenende beginnen die Sommerferien in Nordrhein-Westfalen. Wer jetzt wegfahren will aus Gütersloh, soll sich besser schnell testen lassen. Covid-19-Tests sind für die Bevölkerung kostenlos, kündigt Laschet an. Aber dürfen die Gütersloher überhaupt in den Urlaub fahren? “Man kann nur dringend appellieren, nicht aus dem Kreis herauszufahren”, sagt der Ministerpräsident und räumt auf Nachfrage ein: “Es gibt aber kein Ausreiseverbot.”

Und dann bittet er um Verständnis für die selbst angerichtete Verwirrung: “Das haben wir noch nicht erlebt, dass ein ganzer Kreis, aber nur der Kreis, in den Lockdown geht. Durch diese Sondersituation müssen wir jetzt durch.” Aber bleibt es bei einer einmaligen Sondersituation? Auch der Nachbarkreis Warendorf hat die Grenze von 50 Neuinfektionen bereits gerissen, dort soll der Ausbruch aber noch besser lokalisierbar sein.

Und was ist mit Clemens Tönnies, den viele hier als den Schuldigen zur Rechenschaft ziehen wollen? “Jetzt geht es um den Schutz der Bevölkerung, Schadensersatzfragen werden danach erörtert”, wiegelt Laschet ab. “Die Kooperationsbereitschaft hätte größer sein können”, schiebt er noch nach.

In Rheda, so sagen sie, gibt es niemanden im Ort, der nicht jemanden kennt, der bei Tönnies arbeitet. Er ist der mächtigste Mann der Stadt, zahlt viel Gewerbesteuer, investiert in Infrastruktur und Bildung. Er bestimmt, wo es langgeht. Deswegen, glaubt Inge Bultschnieder, wagen es nur wenige, ihn öffentlich anzugreifen. Seit 2013 engagiert sich Bultschnieder für die Fleischarbeiter. Mit ihrer Interessengemeinschaft “WerkFAIRträge” berät sie die Menschen, die oft kein Deutsch sprechen, zu ihren Rechten, hilft ihnen beim Gang zum Arzt oder den Behörden.

”Seit Jahren versuchen wir dem Teil der Bevölkerung, der anders denkt, klarzumachen, was hier eigentlich geschieht”, sagt sie. “Aber ich treffe hier immer wieder auf Menschen, die mir sagen: ‘Lass die Rumänen doch 4,50 Euro die Stunde kriegen, ist doch mehr als bei denen zu Hause.‘” Die ganze Stadt, glaubt sie, profitiert von dem System der Werkverträge, über die Tönnies laut eigenen Angaben die Hälfte seiner Arbeiter beschäftigen lässt.

Bultschnieder hofft, dass nun, nachdem NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann angekündigt hat, diese systematische Auslagerung von Verantwortung für die eigene Belegschaft verbieten zu wollen, sich wirklich etwas ändert. Auch vor Ort. Dass auch die Stadtgesellschaft endlich einsieht, dass diesen billigen Arbeitskräften Unrecht getan wird. “Das ist schon kurios: Seit Jahren kämpfen wir mit unserer Initiative gegen dieses System, und jetzt kommt das Coronavirus und führt es hoffentlich zu einem Ende”, sagt die Aktivistin.

Am Hotel Reuter baut man darauf, dass Tönnies selbst es für Rheda wieder einmal richten wird. “Ich glaube, dass Clemens Tönnies etwas unternehmen wird, um den Schaden für die Stadt wieder gutzumachen”, sagt Mitinhaber Weisenberger. Im Grund sei er doch ein ganz netter Kerl.

 

Von Peter Berger, Martin Krause, Jonah Lemm, Jan Sternberg/RND