Freitag , 18. September 2020
SPD-Co-Vorsitzender Norbert Walter-Borjans: “Fleisch ist ein Produkt, das mit hohem Einsatz an Energie und anderen Rohstoffen entsteht. Wert und Preis stehen oft in einem krassen Missverhältnis.” Quelle: Kay Nietfeld/dpa

SPD-Chef Walter-Borjans befürwortet höhere Fleischpreise

Nach dem Corona-Ausbruch bei dem Schlachtkonzern Tönnies fordert SPD-Chef Norbert Walter-Borjans höhere Preise für Fleisch. Der Lebensstandard von Geringverdienern dürfe nicht durch die Ausbeutung der noch Schwächeren gesichert werden, so der SPD-Politiker. Stattdessen müsse über Verteilungsgerechtigkeit geredet werden.

Berlin. Der SPD-Parteivorsitzende Norbert Walter-Borjans hat sich nach dem Corona-Ausbruch bei dem Schlachtkonzern Tönnies für höhere Fleischpreise ausgesprochen und eine Debatte über mehr Verteilungsgerechtigkeit gefordert. “Fleisch ist ein Produkt, das mit hohem Einsatz an Energie und anderen Rohstoffen entsteht. Wert und Preis stehen oft in einem krassen Missverhältnis”, sagte Walter-Borjans dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). “Der Fall Tönnies zeigt, wie wenig Beachtung der Frage geschenkt wird, wie Nahrung – immerhin unsere wichtigste Lebensgrundlage – produziert wird”, kritisierte Walter-Borjans. “Alles ist dem Gewinnstreben und der Effizienz untergeordnet – Hauptsache am Wochenende gibt es Steak im Sonderangebot.”

Die Politik habe die Aufgabe, gute Arbeitsbedingungen und artgerechte Tierhaltung zu gewährleisten, so der SPD-Chef weiter. “Natürlich verteuert das die Produkte. Deshalb gehört zur Lösung dazu, dass Klein- und Mittelverdienende mehr Geld in der Tasche haben – durch faire Löhne und ein gerechtes Steuersystem.”

Über Verteilungsgerechtigkeit reden

Dass Geringverdiener sich nur billiges Fleisch leisten könnten, sei ein Beleg dafür, dass die Verteilung des Reichtums in Deutschland nicht stimme, sagte Walter-Borjans. “Wenn Klein- und Mittelverdiener in Deutschland ihren Lebensstandard nur sichern können, weil Osteuropäer in unseren Schlachthöfen oder Näherinnen in Bangladesch für unsere Textilien ausgebeutet werden, dann läuft etwas gewaltig schief”, kritisierte der SPD-Chef.

“Wir müssten den Lebensstandard von Geringverdienern durch eine bessere Verteilung bei uns sichern – und nicht durch Ausbeutung der noch Schwächeren.” Über diese Verteilungsfragen werde die SPD im Bundestagswahlkampf reden.

An der Fleischbranche übte Walter-Borjans scharfe Kritik. “Die Fleischindustrie hat ein System aufgebaut, in dem Arbeitskräfte wie Glieder einer Lieferkette behandelt werden: Alles muss möglichst billig sein”, sagte er dem RND.

“Arbeitsminister Hubertus Heil braucht jetzt alle Unterstützung, um endlich mit den Missständen in der Fleischindustrie aufzuräumen. Ich fordere die CDU und CSU auf, weitere Verzögerungsmanöver zu unterlassen”, so der SPD-Politiker.

RND/ani

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Fassung der Meldung war Norbert Walter-Borjans mit einer Kritik an einer Äußerung von CDU/CSU-Fraktionschef Ralph Brinkhaus zitiert. Walter-Borjans nimmt diesen Satz zurück: “Meine Aussage über CDU/CSU Fraktionschef Ralph Brinkhaus, dass er die Verhältnisse bei Tönnies als Begleiterscheinungen der Marktwirtschaft abtue, beruht auf einer nicht belastbaren Quelle”, sagte Walter-Borjans inzwischen dem RND. “Es gehört für mich zur Fairness im politischen Streit, den an ihn gerichteten Vorwurf zurückzunehmen. Das tue ich hiermit. Mir lag es fern, einen unzutreffenden Eindruck von der Haltung des CDU/CSU-Fraktionschefs zu den Vorgängen bei Tönnies zu erwecken.” Wir haben den entsprechenden Satz gestrichen.

Von Andreas Niesmann/RND