Donnerstag , 24. September 2020
Es sollte eine große Comeback-Show sein. Doch Donald Trump sprach am Samstag in Tulsa, Oklahoma, vor halb leeren Rängen. Quelle: Evan Vucci/AP/dpa

Der Präsident drückt den Panikknopf

Er wollte das “große amerikanische Comeback” feiern – doch bei seiner ersten Großkundgebung in der Corona-Krise bekommt Donald Trump die Halle nicht voll. Der Präsident malt ein Horrorszenario für den Fall eines demokratischen Wahlsiegs im November. Im Gedächtnis bleibt vor allem eine bizarre Szene mit einem Wasserglas.

Washington. Es dauert eine Weile, bis die Menge zum ersten Mal richtig in Rage gerät. Donald Trump hat schon seinen Einsatz für konservative Richter, die Erhöhung der Militärausgaben, seine Handelskriege und die Steuersenkung hervorgehoben. Doch echte Stimmung kommt in der Bok-Halle in Tulsa erst auf, als der Präsident eine ganz besondere Fähigkeit vorführt: Er greift mit der rechten Hand ein Glas Wasser und trinkt problemlos daraus.

Da jubeln Tausende Zuschauer, und seine treuesten Anhänger skandieren: ”Four more years!” (“Vier weitere Jahre“). Für einen Moment wirkt auch Trump zufrieden: In seinen besten Momenten kann sich der einstige Reality-TV-Star noch auf sein schauspielerisches Talent verlassen.

Trump in Tulsa: Er redet vor allem über sich

Doch die Vorführung mit dem Wasserglas ist unfreiwillig bezeichnend für die Kundgebung des Präsidenten. Trump will mit ihr beweisen, dass er kerngesund ist und – anders als es die Bilder von seinem Auftritt in der Militärakademie West Point vor gut einer Woche nahelegen könnten – keineswegs unter irgendwelchen neurologischen Problemen leidet.

Ganze zehn Minuten erklärt er bildreich, wie viel Stunden er an diesem Tag in der Sonne gestanden habe, wie oft er den Arm zum militärischen Gruß hob und wie glatt die Rampe von der Bühne gewesen sei, weshalb er beim Trinken die linke Hand zu Hilfe genommen und beim Abgang geschlürft habe. “Das ist eine lange Geschichte”, sagt er. Aber dann redet er immer noch weiter.

Anfang März hatte Trump seine Kundgebungen wegen der Corona-Pandemie ausgesetzt. Seither sind 120.000 Amerikaner an Covid-19 gestorben, und rund 30 Millionen haben ihren Job verloren. Ein Afroamerikaner wurde das Opfer brutaler Polizeigewalt. Im ganzen Land gibt es Proteste gegen Rassismus. Über all das redet der Präsident bei seinem ersten Wahlkampfauftritt nach dreieinhalb Monaten so gut wie nicht.

Sein eigenes Wohlbefinden hält er für wichtiger. “Das große amerikanische Comeback” haben seine Strategen die Veranstaltung getauft. Tatsächlich geht es um das Comeback eines Präsidenten, der in den vergangenen Wochen so stark wie nie zuvor in seiner Amtszeit in die Defensive geraten ist und bei landesweiten Umfragen inzwischen 9 Prozentpunkte hinter den demokratischen Herausforderer Joe Biden zurückgefallen ist.

Doch als der Präsident nach hundert quälenden Minuten die Bühne verlässt, kann man sich an nicht viel mehr als an das Glas erinnern, und man fragt sich, ob tatsächlich nur Wasser darin war. Noch wilder als sonst hat Trump verbal um sich geschlagen, in einer schwindelerregenden Achterbahnfahrt seine Evergreens aneinandergereiht – und doch wie ein enttäuschtes Kind gewirkt, das ebenso ziellos wie ohnmächtig um sich schlägt. In diesem Moment dürfte dem Egomanen schon klar sein, dass sein Comeback in die Hose gegangen ist.

“Fast eine Million” Bestellungen für Eintrittskarten lägen vor, hatte Trump vor wenigen Tagen behauptet und sich gebrüstet: “Bei mir bleibt nie ein Platz frei.” Großspurig hatte seine Kampagne wegen des angeblich gewaltigen Andrangs neben dem Auftritt in der Halle noch eine zweite Rede auf einer Freiluftbühne angekündigt. Dieses Event wird am Samstagabend mangels Zuschauern kurzfristig komplett abgesagt, und die Bok-Arena mit ihren 19.000 Plätzen ist selbst nach Schätzung von Trumps Haussender Fox nur zu zwei Dritteln gefüllt.

Natürlich hat Trump dafür eine Erklärung: Das kleine Häuflein friedlicher Demonstranten draußen vor der Halle hätte seine Anhänger nicht durchgelassen, und die “Fake News” hätten sie mit den Berichten über die Gefahren einer Covid-Infektion verschreckt. Zu der Pandemie, die gerade im Süden und Westen der USA schlimmer als je zuvor wütet, fällt Trump ansonsten nur ein, dass sie “von China geschickt” worden sei, er selbst einen “phänomenalen Job” bei der Bekämpfung gemacht habe und der Ausbau der Testkapazitäten in den USA dummerweise die Statistik der positiven Fälle nach oben treibe. “Deswegen habe ich zu meinen Leuten gesagt: Macht etwas langsamer!”, sagt er ernsthaft.

Joe Biden als Marionette des radikalen Mobs

Über seine Pläne für die nächsten vier Jahre spricht der Präsident nicht. Umso düsterer zeichnet er dafür das Horrorszenario, das bei einem Wahlsieg der Demokraten angeblich droht. Joe Biden sei ein Tattergreis, der kaum noch wisse, wer er sei, aber von den “radikalen Verrückten” in seiner Partei kontrolliert werde, behauptet Trump. Der “linksradikale Mob” wolle die amerikanische Kultur zerstören, die Waffen wegnehmen, die Polizei abschaffen und jede Menge kriminelle Einwanderer ins Land lassen.

Die Demokraten wollten, dass der Aktienmarkt einbricht, behauptet Trump. Dann seien die Ersparnisse fürs Alter verloren. Er lässt wirklich keinen Panikknopf aus. “Joe Biden und seine linksradikalen Demokraten wollen die Amerikaner bestrafen, die zur Kirche gehen, aber nicht die, die Kirchen zerstören”, bindet Trump in einem wirren Satz die von seiner eigenen Regierung unterstützten Corona-Vorsichtsmaßnahmen und die Übergriffe eines kleinen Teils der Anti-Rassismus-Demonstranten zusammen.

So geht das scheinbar endlos weiter. Der Mann, der nach Aussage seines ehemaligen Sicherheitsberaters John Bolton die Behinderung der Justiz zur eigenen Lebensweise gemacht hat und gerade den Staatsanwalt von New York gefeuert hat, der gegen ihn ermittelte, präsentiert sich ernsthaft als letzter Wächter von Recht und Ordnung. “Wenn ich die Wahlen verliere, wird das Land in großen Schwierigkeiten sein”, ruft er warnend seinen Anhängern zu. Draußen im Land fürchten derweil immer mehr, dass es genau umgekehrt ist.

Von Karl Doemens/RND