Dienstag , 29. September 2020
Politik, Polizei, Bundeswehr: Mit vereinten Kräften versucht der Landkreis Gütersloh den Corona-Ausbruch im Fleischbetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück in Schach zu halten. Quelle: imago images/Noah Wedel

Corona-Ausbruch bei Tönnies: Zeit für Härte

Trotz steigender Corona-Zahlen unter seinen Arbeitern verweigert der Fleischkonzern Tönnies den Behörden die Zusammenarbeit. Das lässt tief blicken in ein System organisierter Verantwortungslosigkeit, kommentiert Marina Kormbaki. Doch auch den Staat trifft eine Mitverantwortung für den drohenden Lockdown.

Berlin. Der Staat zeigt sich hart und handlungsfähig. Um diesen Eindruck ist die Führungsriege des Landkreises Gütersloh bemüht, als sie am Samstag geschlossen vor die Presse tritt.

Das Vertrauen in den Fleischfabrikanten Tönnies sei “gleich null”, sagt der Leiter des Krisenstabs. Der Landrat verkündet die Schließung des Betriebs und stellt die Beschäftigten inklusive Management unter Quarantäne. Die Bundeswehr rückt an, um Abstriche zu nehmen.

Es sind Worte und Taten, die beruhigen sollen. Doch ihre Schärfe lässt erahnen, wie bedrohlich die Lage in Ostwestfalen ist. Der Lockdown lässt sich vielleicht schon bald nicht mehr vermeiden.

Das engagierte Krisenmanagement des Landkreises steht in scharfem Kontrast zur organisierten Verantwortungslosigkeit von Deutschlands größtem Schweineschlachter. Tönnies hat den Behörden die Adressen seiner Beschäftigten vorenthalten – zu Menschen also, die akut bedroht sind von einer tödlichen Lungenkrankheit, gegen die es kein Medikament gibt. Die Tönnies-Führung verweist auf den Datenschutz. Das ist ruchloses, fahrlässiges Verhalten. Gerichte sollten klären, ob es nicht auch kriminell ist.

Die Fleischbarone von Tönnies würden allerdings wohl kaum so dreist auftreten, wenn sie anderes als Milde und Nachlässigkeit im Umgang mit ihren Praktiken gewohnt wären. Die Behörden haben zugelassen, dass die Arbeits- und Lebensbedingungen für Menschen aus Osteuropa in Rheda-Wiedenbrück und vielen anderen Orten, an denen Tiere getötet oder Gemüse geerntet wird, elend sind. So elend, dass das Virus bei ihnen jetzt leichtes Spiel hat.

Mitverantwortlich ist der Bund, weil er Ausbeutung über Werkverträge und Subunternehmer duldet. Mitverantwortlich sind auch Länder und Kommunen, weil sie an Kontrolleuren sparen, die in den Betrieben nach dem Rechten sehen sollten. Hart und handlungsfähig hätte sich der Staat vor langer Zeit schon zeigen müssen.

Von Marina Kormbaki/RND