Im Zuge der Black-Lives-Matter-Demonstrationen wird auch das kritische Weißsein eingefordert. Quelle: imago images/ZUMA Wire

Deutschland und sein koloniales Erbe: Das kollektive Vergessen

30 Jahre lang war das Deutsche Reich Kolonialmacht und unterdrückte Menschen in Afrika, Asien und im Pazifik. Eine Zeit, die im kollektiven Gedächtnis keine Rolle spielt, obwohl an jeder Ecke – für Weiße wohl unbewusst – an die Kolonialgeschichte erinnert wird.

Moshi, 1900. Die Deutschen hängen den Aufständischen Mangi Meli, Anführer der Chagga, an einem Baum neben dem Verwaltungsgebäude der Kolonialregierung auf. Den Kopf schlugen sie ab und brachten ihn nach Deutschland, für Forschungszwecke.

Berlin, 2020. Mnyaka Sururu Mboro ist noch immer dabei, das Versprechen einzulösen, das er seinem Dorf im heutigen Tansania gegeben hat: den Schädel von Mangi Meli nach Hause zu bringen. Denn ohne den Schädel drohen Naturkatastrophen, so der Glaube.

Auch 2020: In Bristol werfen Demonstranten die Statue von Sklavenhändler Edward Colston in den Fluss, in Boston wird die Statue von Christopher Kolumbus geköpft. Können Nationen, die Menschenschlächter feiern, wie der britische Soziologe Danny Dorling einst sagte, ernsthaft antirassistisch sein? Sind diese Nationen bereit, sich mit der strukturellen Ungerechtigkeit auseinanderzusetzen, die mit Menschen begann, die bisweilen als Helden verehrt werden?

Deutschlands “Platz unter der Sonne”: Das Kolonialreich

Tansania, Ruanda, Burundi, Namibia, Togo, Kamerun, Nauru, Samoa, Palau, die Marshallinseln, Neuguinea und Kiautschou in China, dazu kleine Teile von Ghana, Mosambik und Botswana – so sah Deutschlands “Platz unter der Sonne” Ende des 19. Jahrhunderts aus. Die Länderbezeichnungen gab es noch nicht, stattdessen hießen die Kolonien Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwestafrika oder Deutsch-Neuguinea. 30 Jahre währte die deutsche Kolonialgeschichte – deutlich kürzer als die der Portugiesen, Briten, Spanier, Niederländer oder Dänen, die schon im 16. Jahrhundert den Handel mit Afrika – und mit Afrikanern – für sich entdeckten.

2020. Koloniale Spuren und Gedanken finden sich im Alltag, oft unbewusst für Weiße. Denn in Deutschland verdrängt man die unrühmliche Zeit lieber – immerhin waren andere Nationen länger und grausamer in Afrika unterwegs. Doch um eine antirassistische Gesellschaft zu formen, braucht es diese Auseinandersetzung. Es geht nicht nur um die Unterdrückung von Afrikanern durch Europäer, es geht um eine weiße Dominanz, die schwarze Bevölkerung drangsalierte und abwertete. Also das, was sich bisweilen heute noch findet.

Afrodeutsche werden in ihrer Heimat mit Mördern ihrer Ahnen konfrontiert

Schwarze Deutsche werden in ihrer Heimat noch immer mit den Mördern ihrer Vorfahren konfrontiert, weil Straßen nach Nachtigal, Wissmann, von Lettow-Vorbeck oder Trotha benannt sind. Lüderitz sind 63 Straßen in Deutschland gewidmet, allein in Hannover finden sich zwölf Straßennamen mit kolonialem Bezug. Wißmann, der für den Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika sorgte, wird mit einem Denkmal in Bad Lauterberg im Harz geehrt.

Die Umbenennung scheitert offiziell oft am bürokratischen Aufwand und den Kosten: Adressänderungen sind eine last für Anwohner. Der einfachere Weg: Straßen werden umgewidmet. Nun wird nicht Carl Peters, “der blutigen Hand”, wie er in Tansania heute noch genannt wird, gedacht, sondern Carl Peters, dem Astrophysiker. Oder es wird neu kontextualisiert: Dann wird aus dem von Nazis installierten Denkmal für Peters ein Mahnmal für Kolonialgeschichte – indem eine Tafel mit Text ergänzt wird. So verfestigen sich über Jahrzehnte Namen und Heldensagen in den Köpfen, ohne dass sich wirklich mit der Thematik auseinadergesetzt wird.

Carl Hagenbeck: Legendenbildung statt Aufarbeitung der Menschenzoos

Wer an Carl Hagenbeck denkt, denkt nicht an den Mann, der Afrikaner unter falschen Versprechungen nach Deutschland lockte, um sie im Zoo, zwischen den Tieren, in Völkerschauen auszustellen. Wer an Carl Hagenbeck denkt, denkt an den Zoo. Wer an Edeka denkt, denkt an einen Einkaufsladen, nicht aber an die Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler, wofür die Abkürzung (einst E.d.K.) eigentlich steht.

Hierzulande hat sich auf diese Art eine Kultur des kollektiven Vergessens etabliert. Die Kolonialgeschichte spielt in den Schulen kaum eine Rolle. Die Schwarze Schmach vom Rhein? Der Völkermord an den Herrero und Nama? Höchstens Randnotizen bei der Behandlung des Ersten Weltkrieges. Das hat auch etwas mit Prioritäten zu tun: Die Kolonialverbrechen geschahen meist weit weg an exotischen, fremden Orten. Dann kamen die Nazis. Weil die Deutschen also später in der Geschichte noch Schlimmeres anrichten sollten, wird die Kolonialzeit überlagert.

Das Gefühl der weißen Dominanz tragen wir in uns

Dabei trägt jeder von uns das koloniale Erbe in sich – und damit auch das Gefühl der weißen Dominanz. Das zeigt sich etwa bei Urlaubsfotos aus Ländern des Globalen Südens. Süße afrikanische Kinder mit großen Augen, halb nackte Frauen mit Körperbemalung, Männer mit Speeren – das alles findet sich in Subsahara-Afrika, ist aber nicht die Regel. Genau dieses Klischee wird aber von Reisenden, Medien und Politikern vermittelt.

Auch in der Entwicklungshilfe zeigen sich koloniale Spuren: Sie ist aus der Kolonialbewegung entstanden. Die Umsetzung ist eine andere, der Hintergrund jedoch der gleiche: Der allwissende weiße Europäer muss Kultur, Aufklärung und Bildung nach Afrika bringen, damit die Menschen nicht mehr nackt im Busch leben müssen. Kulturmission nannte man es früher, White-Savior-Komplex heute.

Schwarze müssen Forderungen stellen dürfen

Die Black-Lives-Matter-Proteste erinnern die weiße Bevölkerung an ihre Verantwortung. An eine Geschichte, die sich nicht vergessen lässt. 106 Jahre nach der Aufgabe der letzten Kolonie muss sich Deutschland endlich mit diesem Teil seiner Geschichte auseinandersetzen, um eine gleichberechtigte Gesellschaft zu formieren. Die Autorin Charlotte Wiedemann schreibt in “Der lange Abschied von der weißen Dominanz”, dass diese Zeit mit Konflikten verbunden sein wird. Denn Gleichberechtigung gibt es erst, wenn Schwarze und andere Minderheiten nicht nur ihre Gefühle ausdrücken, sondern Forderungen stellen. Im Lokalen, wenn sie keine Denkmäler von Rassisten mehr sehen wollen. Im Globalen, wenn Staaten die Rückgabe von Raubkunst fordern.

Der Prozess wird wehtun, es müssen neue, gemeinsame Richtlinien des Erinnerns und Gedenkens gefunden werden. Aber einen anderen Ausweg kann es im Jahr 2020 nicht mehr geben.

RND/Miriam Keilbach