Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) fordert zum Weltflüchtlingstag mehr Schutz für Geflüchtete in der Pandemie. Quelle: Getty Images

Weltflüchtlingstag: Maas erinnert an Gefahr durch Corona für Flüchtlinge

Knapp 80 Millionen Menschen weltweit mussten aus ihrer Heimat fliehen. Am Weltflüchtlingstag fordern Politiker mehr Engagement und Aufmerksamkeit. Besonders im Fokus: Die Auswirkungen der Pandemie auf Geflüchtete.

Hannover. Angesichts des Weltflüchtlingstages am 20. Juni weist Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) auf die Gefahr durch das Coronavirus für Flüchtlinge hin. “Die Zahl der Menschen, die vor Krieg, Konflikt und Verfolgung fliehen mussten, ist erneut gestiegen. 79,5 Millionen Menschen mussten ihre Heimat verlassen und leben in ihren Herkunftsländern als Binnenvertriebene oder sind über Landesgrenzen hinweg geflohen”, heißt es in einer entsprechenden Mitteilung.

Und die große Mehrheit der Geflüchteten finde Zuflucht in den Nachbarländern Europas, die häufig selbst unter Krisen und Armut leiden. “Gerade jetzt – angesichts der globalen Verbreitung des Corona-Virus – sind Schutz und Versorgung von Flüchtlingen eine Notwendigkeit, die oft über Leben und Tod entscheidet”, wird Maas zitiert.

Die Schutzräume für Flüchtlinge müssten trotz Grenzschließungen aufrecht erhalten bleiben. “Menschen, die weltweit von Flucht und Vertreibung betroffen sind, müssen ein Leben in Würde führen können. Und sie müssen die Möglichkeit bekommen, ihr Potenzial zu entfalten und einen positiven Beitrag in ihren Aufnahmegemeinde zu leisten”, sagte Maas.

Bedford-Strohm fordert mehr Unterstützung für Flüchtlinge

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, hat unterdessen zu mehr Unterstützung für Flüchtlinge aufgerufen. “Verschließt eurer Herz nicht. Und helft”, sagte Bedford-Strohm in einem am Weltflüchtlingstag veröffentlichen Facebook-Video. “Indem Ihr Menschen, die hier Zuflucht suchen, begleitet. Indem Ihr euch politisch für mehr Solidarität mit Geflüchteten einsetzt.”

Im vergangenen Jahr seien fast 80 Millionen Menschen aus ihrer Heimat geflohen, mehr als je zuvor, erklärte der bayerische Landesbischof. “Die meisten von ihnen finden Zuflucht in den armen Ländern dieser Welt.” Gleichzeitig würden in Corona-Zeiten immer weniger Geflüchtete in den besser gestellten Ländern aufgenommen. “In der Europäischen Union lagen die Zahlen im April um 87 Prozent unter denen des Vorjahres.”

Bedford-Strohm rief die Bürger in Deutschland dazu auf, mit ihrem Geld dazu beizutragen, dass Menschen in Würde leben können, wo immer sie sind. Auch sollte für Flüchtlinge gebetet werden, um sie dem Vergessen zu entreißen.

Grünen-Chefin ruft Horst Seehofer zur Verantwortung

Auch Grünen-Chefin Annalena Baerbock sagte dem , RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): “Die Zahl der weltweiten Flüchtlinge steigt immer weiter an. 80 Millionen Menschen sind inzwischen auf der Flucht, erleben tagtäglich Leid, Verlust, Angst, Ungewissheit. Die Corona-Krise könnte diese Entwicklung noch verschärfen.”

“Nach wie vor hat die Europäische Union kein faires Asylsystem, was dem Anspruch von Humanität und Ordnung gerecht wird”, beklagte die Bundestagsabgeordnete. “Die Bundesregierung hat mit der Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft dazu den Schlüssel in der Hand”, so Baerbock.

Besonders Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) stehe in der Pflicht, die Blockade bei der Schaffung eines solidarischen Asylsystems zu lösen. “Jahrelang hat der deutsche Innenminister behauptet, er könne ja nicht anders, weil die anderen Mitgliedstaaten nicht wollten. Nun kann und muss die Bundesregierung zeigen, dass sie Verantwortung übernimmt”, sagte Baerbock.

Göring-Eckardt fordert unbürokratische Familienvisa

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, hat die Bundesregierung außerdem aufgefordert, die Familienzusammenführung Geflüchteter zu erleichtern. “Familien gehören zusammen. Die Bundesregierung muss endlich unbürokratisch Familienvisa ausstellen”, sagte sie der “Neuen Osnabrücker Zeitung” zum Weltflüchtlingstag an diesem Samstag. Durch die Einschränkungen der Corona-Pandemie werde die Situation für getrennte Familien oft noch verschärft.

Seit Jahren lege die Bundesregierung Müttern, Vätern und Kindern, die durch Flucht getrennt wurden, alle möglichen bürokratischen Hürden in den Weg, kritisierte Göring-Eckardt. "Wenn Jugendliche volljährig werden, solange die Visa-Stellen an den deutschen Auslandsvertretungen noch geschlossen sind, können sie für immer das Recht verlieren, mit ihren Familien zusammenzuleben."

Die Regierung müsse sich jetzt klar dazu bekennen, dass Jugendliche nicht ihr Recht verlieren, mit ihren Familien zusammenzuleben, sobald sie 18 Jahre alt werden, verlangte die Fraktionschefin im Gespräch mit der Zeitung. “Coronabedingt geschlossene Visa-Stellen und schleppende Asylverfahren sind keine Entschuldigung dafür, junge Menschen und Familien dauerhaft auseinanderzureißen.”

FDP will gemeinsames Asylverfahren der EU

Die menschenrechtspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im Bundestag, Gyde Jensen, fordert die Bundesregierung zum Weltflüchtlingstag auf, sich in der EU für ein gemeinsames Asylverfahren in den Mitgliedstaaten einzusetzen. “Ich fordere von der Bundesregierung, dass sie sich jetzt im Rahmen der Ratspräsidentschaft dafür einsetzt, dass wir in der EU endlich ein gemeinsames Asylverfahren auf den Weg bringen. Ein Asylverfahren, das sowohl die Vorgaben aus der Genfer Flüchtlingskonvention erfüllt, als auch in der gesamten Europäischen Union durchsetzbar ist”, sagte Jensen der “Neuen Osnabrücker Zeitung”.

Kinderhilfswerk: Flüchtlingskinder besser integrieren

Das Deutsche Kinderhilfswerk hat unterdessen an Staat und Gesellschaft appelliert, bei der Bildungsintegration von Flüchtlingskindern nicht nachzulassen. “Sie zählen zu den großen Verlierern und Verliererinnen der Corona-Pandemie”, erklärte Anne Lütkes, Vizepräsidentin des Hilfswerkes, anlässlich des Weltflüchtlingstags: “Geschlossene Schulen und Kitas haben bei ihnen in der Regel dazu geführt, dass sie in ihrem Spracherwerb und auch schulisch weit zurückgeworfen wurden.” Die Mädchen und Jungen seien vielfach einfach ihrem Schicksal überlassen worden.

Aus Sicht der Kinderrechtsorganisation sollte deren Integration und Teilhabe an der Gesellschaft stärker als bisher befördert werden. Dazu seien passende Angebote zum Erlernen der deutschen Sprache nötig, ebenso die Bildungsintegration über einen ungehinderten Zugang zu Kindertageseinrichtungen und Ausbildungsstätten sowie eine Schulpflicht für alle Flüchtlingskinder von Anfang an unabhängig von der Bleibeperspektive.

Auch die Teilnahme an niedrigschwelligen Kultur- und Freizeitangeboten mit gleichaltrigen Kindern in der Nachbarschaft hält Lütkes als Schlüsselfaktoren für unabdingbar: “Mit der zunehmenden Normalisierung des Alltags muss noch stärker als zuvor der Blick auf einen gleichen Zugang für alle Kinder zu Unterstützungs- und Förderangeboten gelegt werden.” Sie sprach sich für eine Novellierung des Integrationsgesetzes aus, um diese Ziele schnell zu erreichen.

RND/epd/lz