Dienstag , 29. September 2020
Die Maskenpflicht ersparte mehr als 140 Kunden eine Covid-19-Infektion: Friseursalon Great Clips in Springfield, Missouri (USA). Quelle: GoogleMaps

Weltnachricht aus US-Friseursalon: Corona-Masken wirken Wunder

In Springfield, Missouri, schnitten zwei mit dem Coronavirus infizierte Friseure bis vor drei Wochen noch mehr als 140 Kunden die Haare. Verblüfft stellen jetzt die Behörden fest: Kein einziger Kunde wurde angesteckt – weil die Mund-Nase-Masken offenbar effektiver wirken als gedacht. Die Nachrichten aus der Provinz machen derzeit Schlagzeilen rund um den Globus – und geben mitten im US-Wahlkampf den Maskenmuffeln zu denken.

Städte namens Springfield gibt es in mehr als zwei Dutzend US-Bundesstaaten, provinziell sind sie alle. Springfield, Missouri aber hat es soeben in die Weltnachrichten geschafft – mit dem kleinen Friseurladen der Kette Great Clips. Hier hatten bis Ende Mai zwei bereits mit dem Coronavirus infizierte Friseure noch mehr als 140 Kunden die Haare geschnitten.

Die Behörden schlugen Alarm. Man fürchtete einen Super-Spreading-Event: In bestimmten Konstellationen genügen ein oder zwei Infizierte, um das Virus wie auf einer Drehscheibe an Hunderte Menschen weiterzugeben. Der Barkeeper eines Skihotels im österreichischen Ischgl erreichte auf diese Art unvergessene europaweite Wirkungen.

Die Beamten in Missouri ordneten eine gründliche Recherche an und zeichneten die möglichen Infektionsketten nach. Kunden von Great Clips wurden zu Tests und Gesprächen gebeten. Zu ihrer eigenen Verwunderung konnten die Behörden am Ende eine komplette Entwarnung geben: Offenbar haben die Masken, die im Salon vorgeschrieben waren, eine Infektion in allen Fällen verhindert – trotz der bei Friseuren üblichen physischen Annäherung.

“Das sind tolle Nachrichten über den Wert von Masken bei der Verhütung von Covid-19″, erklärte Clay Goddard, Direktor des zuständigen Gesundheitsamts von Greene County.

Sogar chinesische Medien griffen den Fall auf

In Springfield erkundigten sich mittlerweile Reporter von nationalen und internationalen Medien nach Details. US-Fernsehsender berichteten von Küste zu Küste, sogar chinesische Medien griffen den Fall auf.

Goddard räumte in diversen Interviews ein, er selbst habe eher zu den Maskenskeptikern gehört und an deren Effizienz gezweifelt. Doch jetzt habe er seine Meinung geändert. Goddard setzt neuerdings auch beim Einkaufen eine Maske auf – was in Missouri derzeit nicht vorgeschrieben ist.

In dem kleinen Salon von Great Clips waren, wie man inzwischen weiß, alle Arten von Masken benutzt worden: dünne OP-Masken, dickere medizinische Masken, Baumwolltücher. Niemand aber durfte sich ohne Maske im Friseursessel zurücklehnen. Ein Kunde berichtete, die Friseure seien da sehr konsequent gewesen: “Ich hatte meine Maske vergessen, da haben sie mich gezwungen, zurückzugehen zum Auto und sie zu holen.”

Die “Washington Post” beschrieb ausführlich den “Ausbruch, der nicht stattfand” und notierte spitz, das Geschehen in Springfield sei das bisher wohl klarste Beispiel für die Wirksamkeit der Masken.

Ein Politikum in Zeiten des Trump-Wahlkampfs

Mehr als in Europa oder Asien ist in den USA der Umgang mit dem Mund-Nasen-Schutz ein Politikum. Die näher rückende Präsidentschaftswahl am 3. November erhöht jetzt noch die Spannungen. Anhänger von US-Präsident Donald Trump tendieren dazu, Vorsichtsmaßnahmen aller Art als sinnlos abzutun. Wer freiwillig eine Maske aufsetzt, etwa beim Einkaufen, wird oft angesehen als jemand, der die Viruspandemie demonstrativ dramatisieren wolle – um ein Zeichen gegen Trump zu setzen.

Amerikanische Gesundheitsexperten mahnen dringend zu einer Entideologisierung dieser Debatten, dringen aber kaum durch.

In Deutschland, wo inzwischen schon eine gewisse Maskenmüdigkeit einsetzt, werden die Nachrichten aus dem Friseursalon von Springfield, Missouri, als willkommenes Argument für die Aufrechterhaltung der Maskenpflicht gesehen: “Das zeigt erneut, wie wirksam Masken sind, selbst auf engem Raum”, schrieb SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach am Freitag auf Twitter.

Auch deutsche Wissenschaftler hatten stets betont, die Masken böten nur einen unvollkommenen Schutz. Immerhin aber scheinen sie die Virenübertragung durch Aerosole doch etwas effektiver zu bremsen, als man anfangs dachte – zumindest beim normalen Sprechen und Atmen.

Für die Wirksamkeit von Masken sprach zuletzt eine Anfang Juni veröffentlichte deutsch-dänische Studie, wonach in Jena eine dort deutlich früher als anderswo eingeführte Maskenpflicht tatsächlich das Infektionsgeschehen eindämmte.

Die Wunderwirkung des umgebundenen Gewebes hat aber Grenzen: Wer heftig hustet, presst Viren sowohl durch chirurgische Masken als auch durch Baumwollmasken glatt hindurch – das ergaben Versuchsreihen asiatischer Wissenschaftler, über die das Ärzteblatt bereits im April berichtete.

Von Matthias Koch/RND