Mittwoch , 30. September 2020
Unter zunehmender Beobachtung: der CDU-Bundestagsabgeordnete Philipp Amthor. Quelle: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dp

Das Amthor-Augustus-Netzwerk

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Philipp Amthor steht wegen seiner Lobbyarbeit für das Unternehmen Augustus Intelligence und offenkundiger Gegenleistungen in der Kritik. Mindestens ebenso interessant ist das Netzwerk um ihn herum. In ihm versammeln sich viele bekannte Gesichter.

Berlin. So viel bisher über das US-Unternehmen Augustus Intelligence und seinen derzeit prominentesten Mitarbeiter, den CDU-Bundestagsabgeordneten Philipp Amthor, geschrieben wurde, so unklar bleibt letztlich, was das IT-Unternehmen eigentlich genau tut und womit es sein Geld verdient.

Mehr Klarheit herrscht hingegen über jene Personen, die im Dunstkreis des Unternehmens auftauchen: Hans-Georg Maaßen, August Hanning, Karl-Theodor zu Guttenberg. Sie bilden gemeinsam mit Amthor eine konservative Herrenriege.

Hans-Georg Maaßen

Hans-Georg Maaßen war bis zum November 2018 Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Die Nähe zur AfD, verharmlosende Äußerungen über rechtsextremistische Ausschreitungen in Chemnitz und angeblich “linksradikale Kräfte in der SPD” kosteten den 57-Jährigen seinen Job. Seither engagiert sich Maaßen in der “Werte-Union”, einer AfD-nahen Splittergruppe der CDU, und arbeitet in der Kanzlei des Kölner Rechtsanwalts Ralf Höcker mit, der auch die AfD vertritt.

Maaßen und andere flogen dem “Spiegel” zufolge auf Einladung des Augustus-Intelligence-Geschäftsführers Wolfgang Haupt in einem Privatflugzeug nach New York. Auch ist Maaßen mit Haupt und Amthor auf einem Foto in St. Moritz zu sehen. Der Rheinländer Maaßen, so schreibt das Magazin, habe sich im Bundesinnenministerium für einen Augustus-Mitarbeiter eingesetzt, der die deutsche Staatsbürgerschaft habe wieder erlangen wollen. Amthor, der sich unter anderem als Kritiker von Parallelgesellschaften und Clankriminalität profilierte, verteidigte ihn politisch. So gesehen kommt die Nähe nicht von ungefähr.

August Hanning

August Hanning wurde 1998 Präsident des Bundesnachrichtendienstes und rückte 2005 zum Staatssekretär im Bundesinnenministerium auf. 2009 versetzte ihn der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) in den einstweiligen Ruhestand.

Der 74-Jährige stellt sich weniger ins Rampenlicht als Maaßen und äußert sich auch weniger radikal als dieser. Allerdings bezog Hanning ebenfalls kritisch zur Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel Stellung. Überdies setzte de Maizière den Münsterländer vor die Tür, weil der ihm zu selbstbewusst war und als stete Quelle für Indiskretionen galt. Diese Quelle wollte der neue Hausherr offenbar versiegen lassen. Noch heute ist Hanning, der Augustus Intelligence besuchte und wie die Firma an Gesichts- und Objekterkennung interessiert ist, trotz fortgeschrittenen Alters sehr rege: Er ist in diversen Sicherheits- und Beratungsfirmen aktiv. Auffällig ist die sprachliche Verwandtschaft zwischen Hannings Vornamen August und dem Firmennamen Augustus Intelligence.

Karl-Theodor zu Guttenberg

Der Bayer Karl-Theodor zu Guttenberg musste 2011 nach Berichten über seine weithin plagiierte Doktorarbeit als Verteidigungsminister gehen und lebt seither als Unternehmer in den USA. Bei Augustus Intelligence fungiert er als Präsident. Immer mal wieder auftauchende Spekulationen über eine Rückkehr ins politische Geschäft bewahrheiteten sich nie.

Die Parallelen zwischen Guttenberg und Amthor sind frappierend. Zwar kommt der 48-jährige Guttenberg aus begüterten Verhältnisse – anders als Amthor, dessen Mutter als Coach von Callcenter-Mitarbeitern tätig war und über dessen Vater nichts bekannt ist. Doch beide wurden, nicht zuletzt wegen ihres Aussehens und ihres rhetorischen Talents, frühzeitig zur Projektionsfläche für Hoffnungen des konservativen Lagers und nahmen diese Rolle dankbar an. Und nachdem Guttenberg jäh abstürzte, könnte Amthor nun ein ähnliches Schicksal ereilen.

Was Amthor, Maaßen, Hanning und Guttenberg eint: ein konservativer Kompass, ein großes Selbst- und Sendungsbewusstsein, Sinn fürs Geschäftliche – und eine eher gering ausgeprägte Integrität.

Christian Hirte

Eine interessante Nebenrolle hat der ehemalige Ostbeauftragte und Parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Christian Hirte (CDU), der wegen seiner Sympathiebekundung für die Wahl des FDP-Politikers Thomas Kemmerich zum thüringischen Ministerpräsidenten mit Stimmen der AfD gehen musste. Nachdem Amthor sich wegen Augustus Intelligence an Altmaier gewandt hatte, führte der 44-Jährige in dessen Auftrag die anschließenden Gespräche. Er selbst sagt, Amthor bis dahin kaum gekannt zu haben. Es gibt keine Hinweise darauf, dass es anders wäre. Auch hätten sich die Gespräche mit Augustus Intelligence bald erledigt, betont der Thüringer.

Doch ob Zufall oder nicht: Auch Amthor und Hirte ähneln sich. Beide sind Ostdeutsche und relativ jung. Beide sind katholisch. Hirte ist Sprecher des Kardinal-Höffner-Kreises, eines Zusammenschlusses überwiegend katholischer Bundestagsabgeordneter, Amthor seit kurzem Mitglied im Berliner Katholikenrat. Schließlich streben beide den Vorsitz ihrer Landesverbände an und sind auf dem rechten Flügel der CDU zu Hause.

“Gleich und gleich gesellt sich gern”, sagt der Volksmund. Die Amthor-Affäre um das US-Unternehmen Augustus Intelligence ist ein neuer Beleg dafür, dass da was dran ist.

Von Markus Decker/RND