Menschen laufen im Dijons Vorort Gresilles an einem abgebrannten Lieferwagen vorbei. Quelle: Philippe Desmazes/AFP/dpa

Tagelanger Bandenkrieg in Dijon – “In dieser Form nie da gewesen”

Über mehrere Tage hinweg kam es in einem Einwandererviertel der Stadt im Burgund zu brutalen Auseinandersetzungen zwischen Tschetschenen und Jugendlichen maghrebinischer Abstammung. Warum konnte der Staat sie erst nach mehreren Tagen stoppen?

Die Szenen sind mit einer Handykamera gefilmt, verwackelt und wirken dennoch wie aus einem Actionfilm – doch sie stammen aus dem realen Leben. Auf einem Platz ziehen vermummte, schwarz gekleidete Männer ihre Kreise. Sie tragen schwere Waffen und Eisenstangen mit sich, die sie mit drohenden Gesten in die Kamera halten. Mülleimer und Autos liegen lichterloh brennend auf der Straße und geben schwarze Rauchschwaden von sich. Eine Videoaufnahme zeigt ein Auto, das in rasender Geschwindigkeit auf die Menschen zufährt, sie nur knapp verfehlt, sich überschlägt und liegen bleibt.

All das ist seit einer Woche im Einwandererviertel Les Grésilles in Dijon passiert. Über mehrere Tage hinweg lieferten sich Schlägertruppen der tschetschenischen Gemeinschaft und ortsansässige Jugendliche meist maghrebinischer Abstammung heftige Bandenkämpfe. Der Auslöser war am vergangenen Freitag eine Schlägerei vor einer Shishabar im Stadtzentrum als Vergeltung für das Verprügeln eines 16-Jährigen tschetschenischer Abstammung einige Tage zuvor, offenbar durch lokale Drogendealer. In der folgenden Nacht erschienen rund 50 Tschetschenen im Viertel Les Grésilles für weitere Kämpfe. Bei Schüssen vor einer Pizzeria wurde ein Mann verletzt. In der Nacht darauf sollen bis zu 300 kampfbereite Tschetschenen gezählt worden sein, die teilweise aus ganz Frankreich, Belgien und Deutschland angereist waren. “Drei Abende in Folge war eine Bande ständig da, und alle, die in der Nähe vorbeikamen, wurden zusammengeschlagen”, berichtete ein 36-Jähriger in den Medien. “Sie forderten, ihnen denjenigen zu bringen, der den 16-Jährigen verprügelt hatte.”

Staatsanwalt von Ausbrüchen schockiert

In der Folge zeigten sich mehrere junge Männer aus dem Viertel ebenfalls schwer bewaffnet und vermummt in den Straßen, schossen in die Luft und bauten Barrikaden auf. Sie filmten sich dabei und stellten die bedrohlichen Videos ins Internet. Einige der Bewohner der umliegenden Plattenbauten applaudierten ihnen. Man fühle sich vom Staat im Stich gelassen und müsse sich selbst verteidigen, klagte ein Mann in der Zeitung “Le Monde”. In den Banlieues, den oft vernachlässigten Vororten, kommt es seit Jahren immer wieder zu gewalttätigen Unruhen.

“Es handelt sich nicht um einen Krieg, aber es sind schwere Vorkommnisse, die in Dijon und auch anderswo in dieser Form eigentlich nie da gewesen sind”, sagte der zuständige Staatsanwalt Eric Mathais über das Geschehen am Rande der eigentlich so beschaulichen Hauptstadt des Burgund, die sonst kaum in den Schlagzeilen ist.

Kritik an Regierung: Wurde zu spät eingegriffen?

Die Regierung schickte schließlich zur Verstärkung der Polizei Spezialeinheiten mit insgesamt 260 zusätzlichen Beamten, die Bürgermeister François Rebsamen dringlich gefordert hatte, um die Lage zu beruhigen. Auch Laurent Nuñez, Staatsminister im Innenministerium, begab sich nach Dijon und versprach eine “extrem harte Antwort”. Sechs Verdächtige wurden inzwischen festgenommen, und am Freitag kam es zu mehreren Hausdurchsuchungen bei der Fahndung nach Waffen, Munition und Drogen.

Dennoch wurde der Regierung vorgeworfen, zu spät eingegriffen zu haben, auch von der Rechtspopulistin Marine Le Pen, die sich persönlich nach Dijon begab. Dort kritisierte sie den “Abstieg in eine entzivilisierte, extrem gewalttätige Gesellschaft, das Gegenteil des Märchens vom friedvollen Zusammenleben”, und sie forderte Ausweisungen krimineller Ausländer, den Entzug von Aufenthaltsgenehmigungen und Asylrechten. Le Pen will politisch Kapital aus den Vorfällen schlagen, zumal in einer Woche in Frankreich die zweite Runde der Kommunalwahlen stattfindet.

Von Birgit Holzer/RND