Montag , 28. September 2020
Ein junges Mädchen hält sich die Hände vor ihr Gesicht - gestelltes Symbolbild. Quelle: Nicolas Armer/dpa

Bund gibt grünes Licht für Kampagne gegen Kindesmissbrauch

Nach den Missbrauchsskandalen in Münster und Bergisch-Gladbach kommt weiter Bewegung in den Kampf gegen sexuelle Gewalt an Kindern. Der Bund gibt nun grünes Licht für eine umfassende Aufklärungskampagne. Die Evangelische Kirche lässt in einer Studie sexuellen Missbrauch unter dem Dach von Kirche und Diakonie untersuchen.

Berlin, Münster. Der Bund will eine umfassende Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagne gegen sexuellen Kindesmissbrauch starten. Die Kampagne soll noch in diesem Jahr konzipiert und dann im Jahr 2021 ausgerollt werden, teilten Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) und der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, am Donnerstag in einer Video-Pressekonferenz mit.

Rörig hatte den Vorschlag bereits im Dezember bei der Gründung des Nationalen Rats zur Bekämpfung von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche eingebracht.

Der Missbrauchsbeauftragte sagte, er freue sich über das grüne Licht durch den Bund. Fünf Millionen Euro sind dafür vorgesehen. Ihm schwebe als Vorbild die „Anti-Aids-Kampagne“ vor, sagte der Unabhängige Missbrauchsbeauftragte. Diese habe es sehr gut geschafft, Tabus zu brechen, über Sexualpraktiken aufzuklären und Hilfsangebote für Betroffene bekanntzumachen.

In Politik, Schulen, Sportvereinen und Kirchen sensibilisieren

Bei der Anti-Kindesmissbrauchs-Kampagne soll es zum einen darum gehen, Menschen in Politik, Schulen, Sportvereinen und Kirchen für das Thema zu sensibilisieren und gleichzeitig Hilfsangebote zu vermitteln – “bundesweit und flächendeckend”, betonte Rörig. “Alleine gewinnen wir den Kampf gegen Missbrauch nicht.”

Der Kampf gegen Kindesmissbrauch komme immer nur dann voran, wenn Missbrauchsskandale wie jüngst in Münster öffentlich würden, kritisierte der Missbrauchsbeauftragte. Dabei sei der Kampf gegen Kindesmissbrauch eine andauernde Aufgabe vor allem mit Blick auf die vielen Kinder und Jugendlichen, die tagtäglich unsichtbar zum Opfer würden, sagte Rörig.

Die jüngste Debatte um Strafrechtsverschärfungen infolge der Missbrauchskomplexe von Münster und Bergisch-Gladbach seien “eindeutig wichtig”, sagte Rörig. Er sei auch mit der Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) im Dialog. Schärfere Gesetze seien sinnvoll, aber man müsse auch vermeiden, dass einem 16-Jährigen, der einer 13-Jährigen einen Zungenkuss gebe, demnächst eine Strafe drohe.

Evangelische Kirche lässt sexuellen Missbrauch untersuchen

Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) will aktiv werden und lässt sexuellen Missbrauch unter dem Dach von Kirche und Diakonie mit einer umfassenden Studie untersuchen. Von einem unabhängigen Forschungsverbund sollen ab Oktober in mehreren Teilstudien Ursachen und Aspekte von sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche untersucht werden, teilte die EKD am Donnerstag in Hannover mit.

Ergebnisse der Studie mit einem Budget von 3,6 Millionen Euro sollen binnen drei Jahren vorliegen. Rund 780 Missbrauchsopfer oft aus zurückliegenden Jahrzehnten hat die Kirche inzwischen ermittelt, vielfach ehemalige Heimkinder. Die von der EKD-Kirchenkonferenz in Auftrag gegebene Studie soll von Betroffenen begleitet werden.

“Wir wollen Geschehenes rückhaltlos aufarbeiten, um so dafür Sorge zu tragen, dass künftiges Leid und Gewalt in Kirche und Diakonie bestmöglich verhindert werden”, sagte die für die Aufarbeitung zuständige Bischöfin Kirsten Fehrs.

“Klären, welche Risikofaktoren bestehen”

“Wir wollen mit den Studien klären, welche besonderen Risikofaktoren für Missbrauch in der evangelischen Kirche und der Diakonie bestehen, etwa in Bezug auf Kinder- und Jugendarbeit, Jugendfreizeiten und Pfadfinderarbeit.” Die Studie ist Teil eines Pakets von Maßnahmen zum Schutz vor Missbrauch, das die EKD im November 2018 beschlossen hat.

Die EKD-Kirchenkonferenz hat zudem dem Inhalt einer Absichtserklärung zur weiteren Zusammenarbeit mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung zugestimmt. Mit der Deutschen Bischofskonferenz hatte der Missbrauchsbeauftragte im April bereits eine Einigung über verbindliche Kriterien und Standards für eine transparente und unabhängige Aufarbeitung von Missbrauch erzielt. Eine ähnliche Vereinbarung wird auch mit der EKD angestrebt.

RND/epd/dpa