Donnerstag , 1. Oktober 2020
Mit einem Schild “Willkommen zurück” begrüßt eine Lehrerin die Viertklässler in einer Grundschule in Schleswig-Holstein. Quelle: Carsten Rehder/dpa

Schulöffnung: Richtiger Schritt oder großes Risiko? Ein Pro und Kontra

Die Schulen sollen wieder aufmachen – spätestens nach den Sommerferien soll der Regelbetrieb losgehen. Überwiegt die Erleichterung für alle Eltern oder die Sorge vor dem Risiko? Die RND-Autoren Tobias Peter und Andreas Niesmann sind da ganz unterschiedlicher Meinung.

Berlin. Nun ist es amtlich: Nach Wochen voller Streit haben sich Bund und Länder wieder auf eine gemeinsame Strategie zum Umgang mit der Corona-Pandemie geeinigt. Wichtigster Punkt: Bei einem positiven Infektionsverlauf sollen die Schulen wieder öffnen dürfen. Spätestens nach den Sommerferien soll der Regelbetrieb beginnen.

Die Entscheidung ist umstritten: bei Schülern, Eltern, Lehrern, Virologen – und auch in der RND-Redaktion. Tobias Peter und Andreas Niesmann haben Argumente pro und kontra zusammengetragen.

Pro: Endlich wieder Schule!

Von Tobias Peter

Der Beschluss der Ministerpräsidenten ist keine Garantie für die Eltern und Kinder, aber er ist zumindest eine klare Zielsetzung. Spätestens nach den Sommerferien sollen die Schulen in allen Ländern in den Regelbetrieb zurückkehren – jedenfalls, wenn sich die Infektionslage in der Corona-Krise weiterhin gleichbleibend gut entwickelt.

Endlich wieder Schule! Viele Mütter und Väter sind am Nebeneinander von Homeoffice und Kinderbetreuung verzweifelt. Auch die meisten Mädchen und Jungen werden glücklich sein, wenn wieder mehr Normalität in ihr Leben einkehrt. Denn die Schule ist nicht nur ein Ort des Lernens, sondern auch einer, an dem man Freunde sieht. Viele sind dort lieber, als sie zugeben würden – jedenfalls, wenn sie gerade keine Fünf in Mathe bekommen haben.

Ohne Risiko ist die Rückkehr zum Schulbetrieb nicht. Deshalb braucht es eine engmaschige Corona-Testung von Lehrern, immer wieder stichprobenartige Tests bei Schülern und gut vorbereitete Hygienekonzepte, bei denen Klassen weitgehend unter sich bleiben. Dazu kommt die Möglichkeit einer Notbremse, also den Betrieb sofort wieder auszusetzen, wenn es Probleme mit den Infektionszahlen gibt. So lässt sich auch den Ängsten von Lehrern und Eltern begegnen.

Bei allen Widrigkeiten ist die Schulöffnung ein Risiko, das wir als Gesellschaft eingehen sollten. So richtig es war, die Corona-Pandemie auch mit diesem Mittel besser unter Kontrolle zu bringen, so richtig ist es jetzt, stärker in den Fokus zu rücken, dass auch Schulschließungen mit Risiken verbunden sind. Mit gesellschaftlichen Risiken nämlich.

Dabei geht es nicht nur um die extremen Fälle, in denen häusliche Gewalt nicht mehr auffällt, weil Kinder nicht auf aufmerksame Lehrer treffen. Wer zu Hause nicht optimal gefördert werden kann, fällt weiter zurück. Die Bildungsungerechtigkeit wächst mit jedem Tag Schule, der ausfällt.

 

Kontra: Die Lage ist extrem fragil – und wird es bleiben

Von Andreas Niesmann

Eltern zu sein ist nicht leicht – und in der Corona-Krise schon mal gar nicht. Die Schließung von Schulen und Kitas während des Lockdowns hat Mütter und Väter vor erhebliche Probleme gestellt. Heimunterricht, Kinderbetreuung, Haushalt, Beruf und Familienleben unter einen Hut zu bekommen, und zwar am besten alles gleichzeitig, das war für die meisten Eltern eine enorme Herausforderung. Viele von ihnen werden sich noch nie so sehr auf den Sommerurlaub gefreut haben wie in diesem Jahr. So gesehen müsste die Aussicht, dass nach den Sommerferien der Regelbetrieb in den Schulen wieder stattfinden soll, für Eltern fast schon eine Verheißung sein.

Wenn da nicht die Sorge um die Gesundheit der Kinder wäre und diese fiese, kleine Ungewissheit, ob denn auch alles gut gehen wird. Die aktuellen Infektionszahlen mögen niedrig sein, aber immer wieder ist von heftigen lokal begrenzten Virus-Ausbrüchen zu lesen. In Nordrhein-Westfalen mussten auch bereits Schulen kurz nach ihrer Öffnung wieder schließen, weil Kinder positiv getestet wurden. Die Lage ist extrem fragil, und sie wird es vorerst leider bleiben.

Die Politik muss alles dafür tun, um das Infektionsrisiko an Schulen so weit wie eben möglich zu minimieren. Dazu gehört, nicht auf Biegen oder Brechen den vollen Regelbetrieb wieder in Kraft setzen zu wollen. Jeder weiß doch, dass die Einhaltung von Hygiene- und Abstandsregeln im normalen Schulalltag ein frommer Wunsch bleibt. Neue Ausbrüche sind da nur eine Frage der Zeit.

Flexiblere Konzepte, etwa eine Konzentration auf die Hauptfächer sowie die kluge Kombination aus Präsenz- und Fernunterricht, wären der bessere Weg. An Vorschlägen von Lehrervertretern mangelt es nicht – sie fordern allerdings Mut und ein wenig Gehirnschmalz. Die Situation erfordert unkonventionelles Denken. Übrigens auch von Eltern, die lernen müssen, mit der Sorge, dass etwas schiefgehen könnte, zu leben. Niemand hat gesagt, dass es leicht werden würde.

Von Andreas Niesmann, Tobias Peter/RND