Freitag , 18. September 2020
Jürgen Trittin war von 1998 bis 2005 Umweltminister. Im Bundestag vertritt er seine Partei zurzeit im Auswärtigen Ausschuss. Foto: Soeren Stache (dpa) Quelle: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dp

Ex-Umweltminister Trittin: “Sind bereits mitten in schleichender Katastrophe”

Der frühere Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) sieht einige Entwicklungen des Klimawandels bereits als unumkehrbar an. Dennoch sei der politische Druck für mehr Klimaschutz wichtig und habe bereits Wirkung gezeigt.

Göttingen. Dass der Kampf gegen die Klimakrise nicht so entschlossen geführt wird wie der Kampf gegen die Corona-Krise, liegt nach Ansicht des früheren Bundesumweltministers Jürgen Trittin auch daran, dass wirksamer Klimaschutz mit einer Veränderung unserer Wirtschaftsweise einhergehen müsste. Auch treffe die Klimakatastrophe mit voller Wucht zunächst andere, sagt der Grünen-Politiker im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) im Interview.

Herr Trittin, in der Corona-Krise haben viele Regierungen, auch die Bundesregierung, große Entschlussfreudigkeit und Tatkraft demonstriert. Sie haben mit weitreichenden Maßnahmen, mit viel Geld – und, was Deutschland betrifft, bislang erfolgreich – die Krise und ihre Auswirkungen bekämpft. Warum wird so viel Tatkraft nicht auch angesichts der Klimakrise an den Tag gelegt? Warum geht bei Corona so viel und beim Klima vergleichsweise wenig?

Trittin: Zunächst muss man feststellen: Die Bundesregierung hat in der Corona-Krise sämtliche ideologische Dogmen, die sie bisher sehr hochgehalten hat, über Bord geworfen – also keine schuldenfinanzierten Investitionen, keine europäischen Anleihen. Gott sei Dank, das war sowieso nicht haltbar. Zu Ihrer Frage: Es gibt einen Punkt, in dem sich die Corona-Krise und die Klimakrise voneinander unterscheiden. Die Corona-Krise ist eine sichtbar eingetretene Krise, die kurzfristig bekämpft werden muss.

Beim Klima geht es dagegen um die Begrenzung einer langfristigen und nicht reversiblen Krise – das ist eigentlich die Krux, die die nationale und internationale Klimapolitik seit Jahrzehnten begleitet. Es gab immer das Argument vieler Umwelt- und Klimapolitiker, die gesagt haben, wir haben den Rhein sauber gekriegt, nachdem er dreckig war. Und wir haben das Waldsterben beendet, nachdem ein großer Teil des Waldes abgestorben war. Bei der Klimakrise geht es nun aber eher darum, Prävention zu betreiben, weiteren Schaden zu verhindern. Und dafür einschneidende Maßnahmen oder sogar eine komplette Veränderung unserer Wirtschaftsweise auf den Weg zu bringen. Und das ist unendlich viel schwieriger.

Liegen die Schwierigkeiten beim Kampf gegen die Klimakrise auch daran, dass der große Crash, anders als bei Corona, vielen noch weit weg erscheint? Zeitlich, aber auch geografisch, da die Klimakrise mit voller Wucht ja zuerst andere trifft?

Ja, die Klimakrise trifft zunächst andere. Aber gleichzeitig hat es in Deutschland einen wirklichen Anschub für eine Klimabewegung gegeben, weil wir mittlerweile das dritte Jahr in Folge haben, in dem es eine Dürre gibt. Es wird also auch hier gesehen, hier wahrgenommen, dass sich etwas verändert.

Wir sind also schon mittendrin?

Wenn ich wie neulich bei einem Besuch im Emsland sehe, dass auf früheren Moorflächen heute Sandtornados entlangwandern, dann ist der Wandel schon heute eindrücklich erlebbar. Und ich glaube, das ist auch der Grund, warum sich so viele jüngere Menschen bei “Fridays for Future” engagiert haben. Und das ist einer der Gründe, warum der Druck da war auf die neue EU-Kommission mit Ursula von der Leyen an der Spitze, so etwas wie einen “Green Deal” und ambitioniertere Klimaschutzziele auf den Weg zu bringen. Das Problem bleibt trotzdem bestehen. Wie wir jetzt zum Beispiel in Sibirien erleben. Dort haben wir im Mai zehn Grad über den langfristigen Durchschnittstemperaturen gehabt. Das Auftauen von Permafrostböden ist ein nicht reversibler Prozess. Wir sind da über einen der Kipppunkte hinweg.

In der Klimaschutzdebatte fordern viele Wissenschaftler nicht nur, dass schneller und mehr gehandelt werden muss, um das Klima zu retten. Sie weisen auch darauf hin, dass Klimaschutz für den Staat und die Wirtschaft umso teurer wird, je länger damit gewartet wird.

So ist es. Würde man wissenschaftlich begründet an die Frage gehen, würde man feststellen, dass kein Klimaschutz nicht nur die ökologisch fatalste, sondern auch die absolut teuerste Variante ist. Da muss man einfach nur die auch schon mehr als zehn Jahre alte Studie von Sir Nicholas Stern gelesen haben, um das zu verstehen (der Stern-Report ist ein 2006 veröffentlichter Bericht des ehemaligen Weltbank-Chefökonomen Nicholas Stern. Der 650 Seiten umfassende Report untersucht insbesondere die wirtschaftlichen Folgen der globalen Erwärmung; Anm. RP). Trotzdem ist der Prozess etwas kompliziert.

Inwiefern?

Der politische Druck der vergangenen Jahre hat zu Veränderungen geführt, die am augenfälligsten sind, wenn man sich die Ergebnisse in Europa in Relation zur Finanzkrise 2009 anschaut. 2009 haben Deutschland und die EU mit den Zinssenkungen ein Programm gefahren nach dem Motto: Wir fahren ganz blind mit keynesianisch finanzierten Maßnahmen die Wirtschaft wieder hoch. Während in Ostasien, Südkorea und China gezielt die Krise genutzt worden ist, um in Batterietechnologien, erneuerbare Energien und Ähnliches zu investieren.

Jetzt erleben wir mit dem Konjunkturpaket der Bundesregierung immerhin zielgerichtete Maßnahmen – Greenpeace bezeichnete das Paket sogar als “blassgrün”. Und wir erleben, mit welcher Beharrlichkeit und Standfestigkeit die EU-Kommission daran festgehalten hat, ihren verkündeten “Green Deal” nicht der Corona-Krise zu opfern. Sondern ihn zu nutzen, um die wirtschaftlichen Folgen der Krise zu überwinden. Hier hat also gegenüber 2009 ein Umdenken stattgefunden. Das ist nach meiner festen Überzeugung nicht erklärbar ohne den politischen Druck und die Erfolge, die eine globale Klimabewegung erzeugt hat.

Tatsächlich war der Klimaschutz vor Corona in fast aller Munde, auch wegen des von Ihnen beschrieben Drucks von der Straße durch “Fridays for Future” und anderer. Von einem Tag auf den anderen war dann Corona das beherrschende Thema, Protest auf der Straße war zunächst nicht möglich. Hat Corona also in gewisser Weise nicht auch den Klimaschutz ausgebremst?

In der kurzfristigen Betrachtung hat Corona sogar dazu geführt, dass nach den Schätzungen der Internationalen Energieagentur die Treibhausgase in diesem Jahr um mehr als 5 Prozent zurückgehen werden. Das ist der größte Rückgang, den wir seit Langem erlebt haben. Wir landen ungefähr bei einem Zustand an jährlichen Emissionen, den wir vor zehn Jahren hatten. Interessant ist dabei auch, dass die Energienachfrage – zumindest bei den konventionellen Energieträgern – sogar um insgesamt 8 Prozent zurückgegangen ist. Ein Effekt, der die weitere Anreicherung der Atmosphäre zumindest kurzfristig verlangsamt hat.

Das alles ist aber nicht das Ergebnis aktiver Klimaschutzpolitik.

Nein. Die spannende Frage ist: Werden wir, wenn wir aus dieser Rezession rauskommen, den Emissionsrückgang durch noch mehr Treibhausgase verspielen? Das war die Erfahrung aus 2009. Oder gibt es tatsächlich ernsthafte Bemühungen, sie dauerhaft zu reduzieren? Zum Beispiel durch klimafreundlichere Antriebskonzepte und durch die Verringerung bestimmter Formen von Mobilität wie dem Flugverkehr. Das ist eine noch offene Frage – und vor allem eine der politischen Auseinandersetzung.

Wie kann es also gelingen, das Steuer klimapolitisch herumzureißen? Muss sich bei uns womöglich auch eine ganz große Katastrophe ereignen – als Katalysator, wie es in der Diskussion um den Atomausstieg etwa Fukushima war?

Wir müssen festhalten, dass wir bereits mitten in einer schleichenden Katastrophe sind. Ich neige nicht zu Weltuntergangsszenarien, aber man muss sich klarmachen, dass das, was in Sibirien passiert, was unterhalb des Grönland-Eises passiert, dass der zukünftig nicht mehr ständig zufrierende Nordpol Anzeichen dieser Katastrophe sind. Zeichen dafür, dass Veränderungen im globalen Klima eintreten werden – selbst, wenn wir jetzt konsequent umsteuern. Früher glaubten viele, dass sich das schon regelt, wenn man nur dem Markt vertraut. Die Erkenntnis wächst, dass genau das nicht passiert.

Die Wirtschaft, die Industrie, ist in der Klimafrage gespalten. Es gibt auch Großbetriebe, die sich verbal, zum Teil aber auch praktisch, hinter eine effektive Klimapolitik stellen. Andere sind der Ansicht, dass ohnehin schon zu viel Klimaschutz betrieben wird. Und dass jetzt, nach Corona, erst mal die Klimaziele nach unten korrigiert werden sollten. Wie sehen Sie das wirtschaftsinterne Kräfteverhältnis?

Es ist in jedem Fall falsch, von DER Wirtschaft zu sprechen. Die Wirtschaft ist gespalten. Die großen Autokonzerne zählen mit ihrem Lobbyverband VDA, dem Verband der Automobilindustrie, klar zu den Bremsern beim Klimaschutz. Sie haben um Kaufprämien auch für Benzin- und Dieselautos gebettelt, gleichzeitig aber 5 Milliarden Euro an ihre Aktionäre ausgeschüttet. Sie haben jetzt eine Niederlage erlitten, denn es gibt im Konjunkturpaket keine Abwrackprämie. Auf der anderen Seite gibt es Finanzinvestoren – durchaus auch zweifelhaften Rufes – wie etwa Blackrock, die zumindest nicht mehr strategisch in fossile Energien investieren. Denn sie wissen, dass die Chancen für die Fossilen langfristig nicht gut sind.

Sie sind bekanntermaßen kein Autofahrer, gelten aber auch als Genussmensch. Gibt es Dinge, auf die Sie persönlich für das Klima schon verzichtet haben oder verzichten würden?

Ich habe und trage noch politische Verantwortung. Die besteht darin, dass ich helfe, den Rahmen dafür zu schaffen, dass sich die Menschen umweltfreundlich verhalten können. Dass ich etwa dazu beitrage, dass SUVs nicht mehr steuerlich gefördert werden. Oder dass die Bedingungen auf Schlachthöfen so geändert werden, dass Fleisch nicht mehr auf eine Weise produziert wird, wie das bislang großenteils der Fall ist.

RND/epd