Mehrere Tausend Menschen demonstrieren mit einem fast neun minütigen Kniefall auf dem Münchner Königsplatz während einer “Silent Demo” gegen Rassismus. Links hält eine Frau ein Plakat mit der Aufschrift “I can’t breathe” in die Höhe. Anlass ist der gewaltsame Tod von George Floyd in den USA. Quelle: Peter Kneffel/dpa

Warum es keine Rassen gibt – aber Rassismus real ist

Die Väter und Mütter des Grundgesetzes wollten sich von den Nationalsozialisten abgrenzen: Niemand solle wegen seiner Rasse benachteiligt werden, schrieben sie 1949. Heute erkennen wir: Menschliche Rassen sind Fiktion, Rassismus ist real. Zeit, den Begriff aus der Verfassung zu streichen.

Berlin. Es gibt eine Partei in Deutschland, in der es auch für kluge Leute zum guten Ton gehört, sich dumm zu stellen. In einer komplexen Debatte wie der um die Streichung des Begriffs “Rasse” im Grundgesetz ist immer Platz für ein, zwei unterkomplexe Wortmeldungen.

Auftritt Stephan Brandner, Volljurist, Mitglied im AfD-Bundesvorstand und Justiziar der AfD-Bundestagsfraktion: “Wenn es Rassen gibt, ist die aktuelle Fassung des Grundgesetzes nicht zu beanstanden, sondern geradezu zwingend, denn dann wurde die Formulierung zu Recht gewählt. Wenn es hingegen keine Rassen geben sollte, gäbe es auch keinen ‘Rassismus’, und die gesamte Diskussion der letzten Tage wäre noch weniger nachvollziehbar, als sie eh schon ist.”

Auftritt Erika Steinbach, langjährige Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen und CDU-Bundestagsabgeordnete, jetzt Vorsitzende der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung: “Rasse wird aus dem Grundgesetz gestrichen, dann gibt es endlich keinen Rassismus mehr. Aha! Wo keine Rasse, da kein Rassismus!”

Die Grünen-Politiker Aminata Touré und Robert Habeck haben gefordert, den Begriff “Rasse” aus Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetzes zu streichen und ihn durch eine Formulierung wie “rassistische Zuschreibungen” zu ersetzen. “Es gibt keine Rassen, es gibt nur Menschen”, argumentieren sie. Eine Unterteilung von Menschen in Kategorien widerspräche dem Grundsatz aus Artikel 3, Absatz 1: “Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.”

In der akademischen Welt wird diese Debatte schon lange geführt. Nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd in Minneapolis Ende Mai und den darauffolgenden weltweiten Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus hat sie nun auch die deutsche Politik erreicht.

Zustimmung bis in die CDU hinein

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) zeigt sich offen für eine Änderung, Innenminister Horst Seehofer (CSU) will dem nicht im Weg stehen. Die Staatsministerin für Integration, Annette Widmann-Mauz (CDU), sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): 70 Jahre nach Entstehung des Grundgesetzes brauche Deutschland “eine Formulierung, mit der wir unserer historischen Verantwortung gerecht werden, ohne die Sicht der Täter einzunehmen”. Dazu gehöre, “Rassismus in Artikel 3 beim Namen zu nennen, statt von Rasse zu sprechen”.

Dazu aber ist es nötig, erst einmal ein Paradox beim Namen zu nennen: Auch wenn menschliche Rassen eine Fiktion sind, ist Rassismus real. Viel zitiert werden in diesen Tagen zwei kurze englische Sätze einer französischen Soziologin. Colette Guillaumin schrieb 1995: “Race does not exist. But it does kill people.” In etwas ungelenker Übersetzung: “Es gibt zwar keine Rassen, aber die Vorstellung von ihnen kann tödlich sein.”

Wie tödlich, das wussten die Väter und Mütter des am 23. Mai 1949 verkündeten Grundgesetzes nur zu gut. Artikel 3 sollte ein Bollwerk sein gegen die Entrechtung, Ausgrenzung, Ausbürgerung und Vernichtung, die sie im Nationalsozialismus erlebt hatten und die sich nie wiederholen sollte. Sie schrieben: “Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.”

Sie schrieben das vor dem Hintergrund der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden, vor dem Hintergrund der “Nürnberger Rassengesetze” von 1935, geprägt von einer Zeit, in der “Rassenkunde” an den Schulen unterrichtet und “Rassenschande” zum Straftatbestand gemacht wurde. Die Anti-Nazis im Parlamentarischen Rat nutzten die Sprache der Täter, vielleicht mussten sie es, um sich von ihnen abzugrenzen. Zu tiefe Spuren hatten pseudowissenschaftliche Disziplinen wie Rassenkunde und Rassenlehre hinterlassen. Von “Rassismus” hingegen sprach 1948/1949 in Europa noch so gut wie niemand. Erst die US-Bürgerrechtsbewegung machte den Begriff populär.

Adel und Pferdezucht

Woher aber kommt die Einteilung von Menschen in Rassen überhaupt? “Der Begriff der Rasse fand zur Zeit seines ersten vermehrten Auftretens im 15. Jahrhundert vor allem in zwei Kontexten Anwendung: in der Beschreibung machtvoller Adelsfamilien oder herrschaftlicher Dynastien und in der Pferdezucht.” Das schreibt der Historiker Christian Geulen in seiner “Geschichte des Rassismus”.

Im Spanien der Reconquista, also der Rückeroberung des von Arabern besetzten Landes, wurde der Rassenbegriff dann zum ersten Mal zur Unterscheidung einer ganzen Menschengruppe gebraucht, der Juden, und mit den Merkmalen Religion, Kultur und Herkunft verbunden. Doch weil die Christen ihren eigenen Kategorien nicht trauten, stellten sie die Herkunft vor die Religion: Getaufte Juden, die sogenannten conversos, gehörten dann doch nicht dazu, und die Suche nach der “Reinheit des Blutes”, der “limpieza de sangre”, wurde zur gefährlichen Obsession.

Als naturwissenschaftliche Kategorie begann die Karriere des Begriffs erst im späten 18. Jahrhundert, um “eine physiologische Dimension in den Ungleichheiten der Menschen herauszustellen”, schreibt Geulen: “In dieser Funktion war der Rassenbegriff eine der erfolgreichsten Ideen der Moderne. Vom 18. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gab es in der Tat kaum jemanden, der an der Existenz verschiedener Menschenrassen gezweifelt hätte.”

Meistens wurden vier Rassen nach Hautfarben unterschieden, und die weißen Eroberer standen immer ganz oben. Was aber als “Rasse” beschrieben wird, ist vieldeutig und dehnbar, sagt Geulen: “Endgültig definierbar war der Begriff ‘Rasse’ nie – aber das sind Begriffe wie ‘Volk’, ‘Ethnie’, ‘Nation’ oder ‘Gesellschaft’ auch nicht.”

Ob augenfällige Unterschiede überhöht oder im Nachhinein nach differenzierenden Eigenschaften gesucht wurde – immer ging es darum, bestehende rassistische Praxis und Unterdrückung zum “natürlichen Faktor” zu erklären und zu legitimieren, sei es Sklaverei und Ausbeutung, sei es Ausgrenzung, Ausbürgerung, Raub und Vernichtung.

“Heute ist ‘Rasse’ – besonders im Deutschen – fast nur noch historisch interessant”, sagt Geulen. “Daher erscheint es sinnvoll, über seine Verzichtbarkeit hierzulande nachzudenken. Doch in Amerika zum Beispiel ist es etwas anders: Dort wurde und wird dem Begriff ‘race’ gerade in gesellschafts- und rassismuskritischer Absicht eine so wichtige Rolle zugeschrieben wie ‘Klasse’ oder ‘Geschlecht’.”

Und wenn die hispanoamerikanische Bevölkerung in den USA stolz von “la raza” spricht, sind übersetzt eher “unser Volk” und “unsere Leute” gemeint, die eher ihre ethnisch gemischte Herkunft feiern. So kompliziert sind eben die gesellschaftlichen und historisch gewachsenen Realitäten.

Doch der Historiker Geulen gehört nicht zu jenen, die jetzt vehement eine Grundgesetzänderung fordern.”In Reaktion auf einen beobachtbar zunehmenden Rassismus (hierzulande wie anderswo) den Begriff ‘Rasse’ tilgen zu wollen, also zu meinen, dass mit dem Begriff auch die um ihn kreisende Ideologie verschwinden würde, erscheint mir zweifelhaft”, meint er.

Denn Rassismus kann auch auf den Begriff “Rasse” komplett verzichten und stattdessen von Nation, Klasse oder Kultur sprechen – die Mechanismen bleiben die gleichen. Die Neue Rechte von der NPD bis zu den Identitären spricht von “Ethnopluralismus”, um zwischen dem “Fremden” und dem “Eigenen” zu unterscheiden.

Ob Herkunft oder Kultur bei der Definition der Gruppen ausschlaggebend ist, ist auch nur eine Frage der aktuellen politischen Mode. Rassismus ist nichts Dumpfes, Irrationales, von tief sitzenden Vorurteilen Getriebenes. Rassismus ist gemacht, er wird genutzt, um eine Gruppe abzugrenzen und zu überhöhen.

Rassisten ohne Rassenbegriff

Rassismus ist immer aggressiv, denn er ruft immer zu einem “Rassenkampf” auf, der Herstellung einer angenommenen Ordnung. Rassismus beginnt dort, schreibt Geulen, “wo Menschen der Ansicht sind, dass die Bekämpfung bestimmter Gruppen anderer Menschen die Welt besser mache”.

Auch Brandner und seine Parteigenossen sind nichts anderes als Rassisten ohne Rassenbegriff, sie sprechen stattdessen von Volk, Identität, Tradition, Überfremdung. Rassen mögen eine Fiktion sein, Rassismus aber ist real. Diese Erkenntnis, so paradox sie auf den ersten Blick scheint, muss sich in einer ernsthaft geführten Debatte um eine Grundgesetzänderung niederschlagen.

RND

Von Jan Sternberg/RND