Debatte mit Abstand: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Gespräch mit dem Ex-Fußballprofi Gerald Asamoah (von links), der Hamburger Lehrerin Gloria Boateng, der Berliner Schülerin Vanessa Tadala Chabvunga und Daniel Gyamerah vom Thinktank Citizens for Europe in Berlin. Quelle: Getty Images

Diskussion mit Steinmeier: “Es ist noch viel schlimmer”

Auch der Bundespräsident schaltet sich in die Rassismusdebatte ein: “Wir müssen Antirassisten sein”, fordert Frank-Walter Steinmeier. Bei der Streichung des Begriffs “Rasse” aus dem Grundgesetz hat er aber Bedenken. Steinmeier lud vier schwarze Deutsche, darunter der Fußballer Gerald Asamoah, zu einer schonungslosen Diskussion über Rassismus ins Schloss Bellevue ein.

Berlin. Seine schlimmste Rassismuserfahrung hatte Gerald Asamoah mit 18, und Fußball-Deutschland schaute zu.

Da wurde er als Spieler von Hannover 96 im Stadion von Energie Cottbus das ganze Spiel hindurch ausgebuht, beleidigt und mit Bananen beworfen. Für den jungen Fußballer war das ein Schock, und fast schlimmer war, dass er mit niemandem über dieses Erlebnis reden konnte.

“Meine Eltern wollte ich nicht damit belasten”, sagt er nach einem Gespräch mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Berliner Schloss Bellevue. Und von seinen weißen Mitspielern und Bekannten kamen Sätze, wie sie Asamoah sie bis heute oft hört. “So schlimm ist es doch gar nicht.”

Doch, es ist schlimm, sagt der Fastweltmeister von 2002. “Es ist noch viel schlimmer, als sie denken”, sagt die Hamburger Lehrerin Gloria Boateng (die übrigens nicht mit Fußballern verwandt ist). Es ist Alltag, sagt der Berliner Thinktank-Mitarbeiter Daniel Gyamerah: “Unsere Erfahrung ist, dass wir immer wieder anlasslos von der Polizei kontrolliert werden, egal was wir machen.”

Es sei doch nur ein Wort, muss sich die Berliner Schülerin Vanessa Tadala Chabvunga anhören, wenn sie im Bus mit dem N-Wort beleidigt wird und den Busfahrer zu Hilfe holt. “Ich soll hier nicht so herumschreien, hat er gesagt.”

Vanessa musste von ihrer Berliner Schule auf das jüdische Gymnasium wechseln, weil sie ständig rassistisch angefeindet wurde, auch von ihrer Lehrerin: “Würde Hitler noch leben, wärst du jetzt tot”, habe sie gesagt.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte die vier Deutschen zu einer Diskussionsrunde über Rassismus ins Schloss Bellevue geladen. Zum Beginn der Runde fand das Staatsoberhaupt klare Worte: “Es reicht nicht aus, kein Rassist zu sein. Wir müssen Antirassisten sein!”

Rassismus finde sich in vielen Lebensbereichen. “Vom abschätzigen Blick und der verletzenden Bemerkung über Benachteiligungen im Bildungssystem, bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz oder eine Wohnung bis hin zur tödlichen Bedrohung”, sagte Steinmeier.

Er erinnerte an Alberto Adriano aus Mosambik, der vor 20 Jahren in Dessau zu Tode geprügelt wurde. Und er sprach von “Fällen von Gewalt gegen Schwarze in deutschen Gefängnissen, von ungeklärten Todesfällen in der Haft”.

Den Namen Oury Jalloh sprach er nicht aus. Jalloh verbrannte 2005, ebenfalls in Dessau, in seiner Zelle auf dem Polizeirevier.

Zu Rassismusvorwürfen gegen deutsche Sicherheitsbehörden sagte der Präsident, er sei überzeugt: “Die Polizei und Sicherheitskräfte in unserem Land sind vertrauenswürdige Vertreter des Staates. Ausnahmen von dieser Regel sind Ausnahmen geblieben.” Polizei und Sicherheitskräfte verdienten Respekt und Unterstützung. Auch deshalb sei es richtig, dass die Bundesregierung eine Studie zum sogenannten Racial Profiling in Auftrag gebe.

“Rasse” aus dem Grundgesetz – Steinmeier hat Bedenken

Die Debatte um die Streichung des Begriffs “Rasse” aus dem Grundgesetz nennt Steinmeier “zunächst aber legitim”, zeigte sich aber skeptisch. Die “Auflösung” dieser Frage falle “erkennbar schwer”.

Steinmeiers Gäste hielten mit ihrer Ungeduld nicht hinter dem Berg. “Es ist 2020 – und wir reden immer noch über Rassismus”, wundert sich Asamoah, dessen Cottbusser Erlebnis nun schon 22 Jahre her ist. Jahre, in denen sich kaum etwas getan hat, beklagt sich der Fußballer, der Pate des bundesweiten Netzwerks Schule ohne Rassismus ist: “Wir sind zurückgeblieben.”

Die Erfahrungen bleiben gleich, egal in welchem Jahrzehnt sie gemacht werden. Als junger Profi holte sich Asamoah seinen ersten Sportwagen beim Autohändler ab. Fünf Minuten später hielt ihn die Polizei an. “Wenn ein schwarzer Mann in so einem Auto sitzt, muss man doch kontrollieren”, habe der Beamte gesagt. “Die waren wenigstens ehrlich.”

Ehrlicher als der Hamburger Schulleiter, der Gloria Boateng nach dem Bewerbungsgespräch sagte: “Ihr Konzept ist überzeugend, aber ich brauche jemanden, die vom ganzen Kollegium akzeptiert wird.” Was er damit meine, fragte sie zurück. “Das ist doch offensichtlich.”

Nach der Debatte aber fand Asamoah doch noch hoffnungsvolle Worte. Die großen Black-Lives-Matter-Demonstrationen in Deutschland haben ihn bewegt, sagte er. “Das habe ich in diesem Land noch nie erlebt. Und es tut gut, dass so viele junge Weiße dabei sind. Vielleicht ist der Aufschrei dieses Mal nicht nach zwei Wochen vergessen. Vielleicht verändern wir diesmal nachhaltig etwas.”

Von Jan Sternberg/RND