Dienstag , 29. September 2020
Donald Trump, Präsident der USA, geht auf dem Südrasen des Weißen Hauses, nachdem er von seinem Golfclub in New Jersey zurückkehrt ist. Quelle: Patrick Semansky/AP/dpa

Anti-Rassismus-Proteste: Jetzt geht auch Trumps weiße Wählerschaft demonstrieren

Die Demonstrationen gegen Rassismus in den USA sind vom Bild nicht mehr nur geprägt von afroamerikanischen oder jungen weißen Menschen. Sie haben rasch auch das weiße Kleinstadt-Amerika erfasst – traditionelles Trump-Country. Wie sich das auch auf die Wahl im November auswirken könnte.

New York. Im Städtchen Cadillac im US-Staat Michigan, wo lange eine rechtsextreme Gruppe ihren Sitz hatte, protestierten Hunderte Bewohner gegen Rassismus. Auch an anderen Orten mit rechter Vergangenheit oder sogar Gegenwart gingen viele auf die Straße, so etwa in Mount Vernon in Ohio oder Manheim in Pennsylvania. Die Protestbewegung gegen die Benachteiligung von Schwarzen hat sich rasch auf das überwiegend weiße Kleinstadt-Amerika ausgeweitet – und damit auf Teile des Landes, die Donald Trump einst zum Wahlsieg verholfen hatten.

Organisatoren und Medien zählten in den Staaten Michigan, Ohio, Pennsylvania und Wisconsin mehr als 200 solcher Demonstrationen, viele davon in Orten mit weniger als 20.000 Einwohnern. “Das macht es so verblüffend, dass diese Proteste in ländlichen Gegenden stattfinden, in denen weiße Nationalisten präsent sind”, sagt Lynn Tramonte, die die Demonstrationen der Bewegung “Black Lives Matter” in Ohio verfolgt.

Ohne Michigan, Pennsylvania, Wisconsin und Ohio wird es für Trump schwer

Diese Proteste in republikanisch geprägten Gebieten stellen Trumps Fähigkeit auf die Probe, seinen alten weißen Wählerblock wieder hinter sich zu versammeln. Falls ihm das nicht gelingt, hätte er nur noch wenige Optionen, vor allem da er zugleich auch in den Vorstädten weiter an Rückhalt verliert.

“Wenn Präsident Trump die weißen Wähler der Arbeiterklasse im ländlichen und kleinstädtischen Michigan, Pennsylvania, Wisconsin und Ohio nicht halten kann, dann weiß ich nicht, wie er die Wahl gewinnen könnte”, sagt Terry Madonna, Direktor des Zentrums für Öffentliche Angelegenheiten am Franklin & Marshall College in Lancaster in Pennsylvania. “Kann man ausschließen, dass er dort nicht mehr auf so viel Enthusiasmus wie früher stoßen wird? Nein, das kann man nicht.” In allen vier Staaten hatte Trump 2016 gewonnen, teils allerdings mit nur knapper Mehrheit.

Demonstrationen in sämtlichen US-Bundesstaaten

Umfragen deuten zwar darauf hin, dass der Präsident bei weißen Wählern ohne Uni-Abschluss weiter auf Unterstützung zählen kann. Allerdings erscheinen diese nun offener dafür, für Trumps designierten demokratischen Rivalen Joe Biden zu stimmen, als es vor vier Jahren bei Hillary Clinton der Fall war.

Auslöser für die Proteste war der Tod des Afroamerikaners George Floyd durch Polizeigewalt im Mai in Minneapolis. In Hunderten Städten und Gemeinden in sämtlichen US-Staaten kam es zu Demonstrationen in einem selten oder sogar nie dagewesenen Ausmaß. Das bedeutet freilich nicht, dass Biden nun unbedingt in ländlichen Bezirken gewinnen wird, die klar an Trump gegangen waren. Allerdings könnte es dem Herausforderer gelingen, dem Amtsinhaber so viele Stimmen abzujagen, dass diese Staaten insgesamt wieder an die Demokraten fallen.

Handvoll Stimmen in Bezirk können Unterschied machen

In den diversifizierten Vorstädten der vier Staaten dürfte der Kampf um das Weiße Haus zwar intensiver ausgefochten werden. Dort hatten die Demokraten bereits bei den Kongresswahlen 2018 Zugewinne verbucht. Dennoch kommt viel auf die großen, dünner besiedelten Regionen dazwischen an. Hier könnten schon ein geringes Plus für die Demokraten oder leichte Verluste für Trump genügen, um das Wahlergebnis zu ändern.

Wenn Biden jeden Staat gewinnt, den Clinton 2016 gewonnen hatte, und dazu Michigan, Pennsylvania und Wisconsin zurückerobert, wäre ihm eine Mehrheit der Wahlmännerstimmen sicher. Am knappsten war es vor vier Jahren in Michigan, wo Trump mit einer Mehrheit von nur 10.704 von mehr als 4,7 Millionen Stimmen gewonnen hatte.

“Diese knappen Zahlen, ein paar zusätzliche Stimmen hier und da, wir reden von einer Handvoll Stimmen pro Bezirk: Das kann einen Unterschied machen”, sagt die demokratische Landrätin Betsy Coffia aus dem Bezirk Grand Traverse in Michigan. Dort und in fünf angrenzenden Bezirken hatten 2008 etwas mehr als 11.000 Wähler für Obama gestimmt – und acht Jahre später Aufzeichnungen zufolge entweder nicht gewählt oder Trump unterstützt.

RND/AP