Montag , 28. September 2020
Atlanta: Ein Polizist spricht mit Demonstranten auf einem Highway, den sie zuvor besetzt haben. Ein 27-jähriger Mann wurde am Freitagabend während eines Kampfes von der Polizei erschossen. Die Behörden untersuchen derzeit den Fall. Quelle: Brynn Anderson/AP/dpa

Polizeiausbildung in den USA: Hohe Anforderungen, wenig Training

George Floyd ist kein Einzelfall – oft werden Fälle bekannt, in denen amerikanische Polizisten übertrieben gewaltsam handeln. Grund dafür ist laut einer Studie häufig Überforderung: Die Einsatzkräfte seien kaum auf stressige Lagen vorbereitet.

Burien. Ein Polizist hält in Seattle einen Demonstranten fest, ein Kollege schlägt ihm mehrfach ins Gesicht. Anderswo legen Polizisten einem mutmaßlichen Plünderer Handschellen an, einer drückt dabei ein Knie in den Nacken des Verdächtigen – so, wie es Ende Mai bei George Floyd gemacht wurde. Von beiden Geschehen gibt es Videoaufnahmen. Und zu beiden kam es nur Tage nach Floyds Tod bei einer Festnahme in Minneapolis.

In Atlanta kam es Samstagnacht zu wütenden Ausschreitungen, nachdem erneut ein Schwarzer bei einem Polizeieinsatz erschossen wurde.

Die Tötung des Afroamerikaners führte in den USA und weltweit zu Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus. Die Kritik richtet sich inzwischen auch gegen die Art, wie Polizisten in den USA ausgebildet werden. Forderungen nach einer grundlegenden Reform werden lauter. Denn einiges deutet darauf hin, dass viele Polizisten den Anforderungen ihrer Einsätze nicht gewachsen sind.

Besseres Training allein mag zwar nicht gleich alle Probleme lösen. Doch es wäre laut Experten zumindest ein Schritt in die richtige Richtung. Entscheidende Fähigkeiten würden in der Polizeiausbildung nicht gut genug vermittelt und verinnerlicht, sagt William Lewinski, Leiter des im Staat Minnesota ansässigen Force Science Institute. Dieses unterstützt die US-Strafverfolgungsbehörden mit Forschung, Lehrgängen und Beratung.

In einer Studie hat Lewinskis Institut zwei Jahre lang die Arbeit von drei großen amerikanischen Polizei-Akademien unter die Lupe genommen. In der Auswertung heißt es: Fähigkeiten im Umgang mit einem Schlagstock oder beim Festhalten eines aggressiven Angreifers verschlechtern sich bereits innerhalb von zwei Wochen dramatisch.

Erst kürzlich ergaben Recherchen der Nachrichtenagentur AP, dass fehlende Erfahrung mit Schusswaffen bereits zum unbeabsichtigten Abfeuern von Schüssen durch Polizisten geführt hat. Das gleiche Problem gebe es auch bei Nahkampftechniken, sagt Lewinski.

„Im ganzen Land sind Polizisten völlig unzureichend trainiert“, sagt auch Sean Hendrickson, der in einer Polizei-Akademie nahe Seattle als Ausbilder arbeitet. Die Akademie des Staates Washington gilt als vergleichsweise fortschrittlich. Die AP konnte sich bei einem Besuch jüngst ein Bild von den dort praktizierten Ausbildungsmethoden machen: In einer nachgestellten Wohnung wird angehenden Polizisten über Rollenspiele vermittelt, wie sie eine Situation deeskalieren, einen Angreifer entwaffnen und ihn dann festnehmen können.

Auf einem Parkplatz wird mit Schutzausrüstung der Einsatz des Schlagstocks geübt. Dem Nachwuchs wird auch gezeigt, wie mit einem Verdächtigen umzugehen ist, der Widerstand leistet: Ein Ausbilder spielt den Verdächtigen. Einer der Kursteilnehmer umschlingt dessen Beine, ein anderer ringt ihn zu Boden. Zunächst halten die beiden “Polizisten” den “Verdächtigen” in Rückenlage in Schach. Während der eine noch immer die Beine festhält, drehen sie ihn dann um und legen ihm Handschellen an.

Polizeigewalt: Schulungen oft nur online

Die realen Polizisten, auf aktuellen Videoaufnahmen aus Seattle zu sehen, halten sich allerdings ganz und gar nicht an die Methoden der Akademie. Im Fall der gewaltsamen Festnahme hält niemand die Beine des Verdächtigen fest. Stattdessen drückt einer der Polizisten ein Knie in den Nacken des Mannes, bis sein Partner es wegschiebt.

Im Staat Washington erhalten Polizisten 720 Trainingsstunden. In einigen anderen US-Staaten sind nur 400 bis 500 Stunden vorgeschrieben. Das Gelernte werde danach „unverzüglich schlechter“, sagt Hendrickson. Aber einmal im Dienst, gebe es kaum weitere Trainingseinheiten. Nachschulungen seien oftmals bloß Online-Kurse, also ohne praktische Übungen.

Ab 2014 hatte es in den USA nach mehreren Fällen von tödlicher Polizeigewalt bereits Ansätze von Reformen gegeben. Doch nach der Präsidentschaftswahl 2016 gerieten die Bemühungen ins Stocken. Fehlende Fertigkeiten würden in der Praxis zu schlechten Reaktionen führen, so Hendrickson. „Auch ich war schon in Situationen, in denen ich selbst hektisch war und der andere Polizist locker, ruhig und gesammelt“, räumt er ein. „Es ist alles eine Frage des Trainings. Wenn wir kein Selbstvertrauen haben, werden wir oft laut und beginnen zu fluchen.“ Es gehe also vor allem um die eigene Angst.

Letztlich werde aber in keinem anderen Beruf so wenig trainiert und so viel gefordert, kritisiert Lewinski. Zugleich gibt der Experte zu: Bei manchen Polizisten würde wohl auch ein Zusatzkurs kaum helfen. Konkret nennt er dabei Derek C., der wegen der Tötung von Floyd angeklagt ist. „Ich bin mir nicht sicher, ob Ausbildung einen Unterschied gemacht hätte“, sagt Lewinski. „Was er gemacht hat, war definitiv kriminell.“

RND/AP