Montag , 28. September 2020
Rheinland-Pfalz, Ramstein: Donald Trump (3.v.r), Präsident der USA, und Melania Trump (5.v.r), First Lady der USA, begrüßen während eines Zwischenstopps auf dem Stützpunkt der US-Luftwaffe in Ramstein Militärangehörige. (Archivbild) Quelle: Andrew Harnik/AP/dpa

Ramstein und der Abzug der Amerikaner: “Dann wäre das hier totes Land”

Die US-Regierung droht damit, einen Teil ihrer Truppen aus Deutschland abzuziehen. Für Ramstein in der Pfalz wäre das eine Katastrophe – vor allem wirtschaftlich. Ein Besuch in der wohl amerikanischsten Kleinstadt Deutschlands.

Ramstein. Die Macht des Bürgermeisters endet an Schalter drei der Besucherschleuse zur Air Base Ramstein vor einem jungen US-Soldaten mit raspelkurzem dunklen Haar in Tarnfleckuniform hinter Sicherheitsglas.

Er wolle gern einen Begleiter mit auf die Base nehmen, erklärt Ralf Hechler dem jungen GI und hält dazu den Ausweis vor die Scheibe, den die US-Armee ihm ausgestellt hat, dem Vorsteher der pfälzischen Verbandsgemeinde Ramstein-Miesenbach, und der ihm erlaubt, genau das zu tun: Begleiter mit auf die Base zu nehmen, die ja auf dem Grund seiner Gemeinde liegt.

“Mein Territorium”, so hatte er es zuvor noch erklärt, in seinem Büro, mit einer Spur Ironie in der Stimme, weil es ja nicht sein eigener Boden ist, natürlich nicht, aber schon der seiner Kommune.

Doch der junge GI sieht den Ausweis nur flüchtig an. “Das geht heute nicht”, sagt er dann.

Ralf Hechler wirkt überrascht oder eher konsterniert. “Ich bin der Bürgermeister”, sagt er. “Es ist wichtig.”

Der junge Soldat bleibt hart. Erhöhte Sicherheitsstufe, erklärt er noch, “Charlie” statt “Bravo”, daher keine nicht militärischen Gäste. Warum, das erklärt er nicht. Es kann an Corona liegen, an einer Übung, was auch immer. Klar ist nur, dass die Auskunft endgültig ist.

Bürgermeister Hechler, 48 Jahre, kurzes graues Haar, dunkle Blousonjacke, Jeans, geht hinaus, wie geschlagen steht er auf dem kleinen Parkplatz an der Zufahrt West zur Air Base Ramstein. So etwas, sagt er, habe er in seinen vier Bürgermeisterjahren noch nicht erlebt. Später am Nachmittag versucht er es dann noch mal, am Telefon fragt er nach.

Das Ergebnis ist das gleiche.

Es mag eine untypische Szene sein. Weil es regelmäßige Treffen mit den Amerikanern gibt, sogar mehr als früher, und weil er, der gelernte Kaufmann und Fußballer, schnell einen Draht zu den Menschen findet, auch zu den Generalen, die ja immer mal wechseln.

Aber dieser Tage steht so eine Szene eben unfreiwillig auch noch für etwas anderes: Für die Einseitigkeit von Entscheidungen und für die Rätsel, vor die das Verhalten der Amerikaner die Deutschen manchmal stellt.

Unter Freunden ist es ein Affront

Jedenfalls war es auch eine sehr einseitige Überlegung, mit der das Weiße Haus die Bundesregierung in der vergangenen Woche überraschte. 9500 der noch knapp 35.000 US-Soldaten in Deutschland sollten abgezogen und verlegt werden, so berichteten es zunächst US-Medien. Präsident Donald Trump habe sogar schon ein entsprechendes Dekret unterschrieben. Mitte der Woche bestätigte die deutsche Regierungssprecherin dann zumindest, dass die US-Administration die Bundesregierung über diese Überlegungen informiert habe – von gemeinsamen Gesprächen war da allerdings nicht die Rede, nicht von einem Dialog. Unter Freunden ist so etwas eigentlich ein Affront.

Und auch der Grund blieb im Dunkeln. Verärgerung über die aus US-Sicht zu niedrigen Verteidigungsausgaben der Deutschen? Verärgerung über die Absage der Kanzlerin beim G-7-Gipfel, den Trump ausrichtet? Ist das nun ernst gemeint? Oder eine leere Drohung? Und was heißt das für Ramstein, mit 8000 Soldaten der größte Stützpunkt außerhalb der USA?

Ein neues Krankenhaus wird gerade gebaut

Ralf Hechler hat darauf keine Antwort. Er hat nur eine Hoffnung. Und um sie zu nähren, lädt er ein zu einer kleinen Tour um die Base, vorbei an der Baustelle, eine der größten Deutschlands derzeit, auf der das neue US-Militärkrankenhaus gebaut wird, für eine Milliarde Euro. Und aus der Ferne zeigt Hechler auf die Base, auf neue Straßen, neue Häuser, “gebaut nach deutschem Baurecht”, wie Hechler betont, dazu eine eigene Einkaufsmall mit Hofbräu Ramstein.

“Ich kann mir nicht vorstellen, dass man das alles aufgibt”, sagt Hechler. Es wäre widersinnig. Aber was heißt das schon?

Als im letzten Jahr der US-Botschafter in Berlin einen Abzug andeutete, da kam anschließend einer der US-Generale zu Ralf Hechler, legte einen Arm um ihn und sagte: “Ralf, keine Angst, wir bleiben noch sehr lange hier.”

Jetzt hat der Bürgermeister seine Vertrauten auf dem Stützpunkt auch gefragt, was an den Ankündigungen dran ist. Die Antwort lautete: Wir warten auf Anweisungen. “Aber wir sollten das ernst nehmen.”

“Die Leute zucken schon zusammen”, sagt Hechler. “Die Taktung wird kürzer.”

Weite Welt in der Westpfalz

Hier, in der westpfälzischen Provinz, trösten sie sich gern damit, dass es ja noch andere Standorte gibt, die vor ihnen dran wären. Spangdahlem, Grafenwöhr, das sind die Namen, die dann fallen.

Aber wenn es um amerikanische Standorte in Deutschland geht, dann geht es immer auch um Ramstein. Weil Ramstein, der mit Abstand größte aller Stützpunkte, auch ein Spiegel des deutsch-amerikanischen Verhältnisses ist, einer schwierigen Beziehung.

Wenn man diese Beziehung analysieren wollte, dann war die euphorische erste Phase die Zeit nach dem Krieg, als die Amerikaner Caterina Valente und Freddy Quinn nach Ramstein holten, mehr als 60 Kneipen in der Kleinstadt öffneten und ein Hauch von Befreiung und weiter Welt in die Westpfalz zog.

Der erste und der zweite Zaun

Dann war da das RAF-Attentat 1981 auf das Nato-Hauptquartier. Damals wurde der erste Zaun um die Air Base gebaut, die Abschottung begann. Dann kam das Attentat vom 11. September 2001. Da wurde der zweite Zaun um die Air Base gebaut.

Heute ist Ramstein ein Ort mit auffallend vielen Pick-up-Autohändlern, mit Kombibad und erstaunlich vielen Kindergärten, eine Kleinststadt mit 18-Millionen-Etat. Es gibt hier deutsch-amerikanische Ehen. Aber vor allem gibt es knapp 5000 Zivilisten, Amerikaner wie Deutsche, die ebenfalls auf der Base arbeiten, und viele Ramsteiner, die Häuser und Wohnungen an die GIs und ihre Familien vermieten. Es gibt hier deutsch-amerikanische Freundschaft; vor allem aber gibt es die Einsicht, dass man gegenseitig voneinander profitiert. “Immer wenn die Menschen selbst etwas davon haben, ist die Akzeptanz auch höher”, sagt Ralf Hechler.

Die Ramsteiner wissen jedenfalls, dass es ohne die Amerikaner in ihrer Gegend deutlich dunkler aussähe. Weil hier, nach dem Ende der Textilindustrie, wenig ist, das die Menschen sonst nähren könnte.

Andreas Hausmann ist 52 Jahre alt, er ist Betriebsleiter zweier Hotels und Restaurants, des Hofbräu Ramstein auf der Air Base und des Big Emma, der Dicken Emma, 75 Mitarbeiter beschäftigen sie insgesamt. Das Big Emma ist eine Kombination zweier Welten, amerikanische XXL-Portionen treffen auf deutschen Regionalitätsanspruch. Das Ergebnis ist dann ein knapp 30 Zentimeter hoher Burger, der “High Tower Burger”, eine Kreation zu Ehren eines Generals unter seinen Gästen, oder das Ein-Kilo-Schnitzel, die Gäste sind zur Hälfte Deutsche, zur Hälfte Amerikaner.

Auf die Abzugsdrohungen reagiert Hausmann mit Gelassenheit: “Wir glauben es einfach nicht mehr”, sagt er. Wobei er auch weiß, dass es schlicht nicht so kommen darf, “ohne die Amerikaner wäre hier nichts, das wäre der Todesstoß”. Sie haben ja selbst schon mal Erfahrungen mit amerikanischer Kühle gemacht: 2003, nach der deutschen Weigerung, am Irak-Krieg teilzunehmen, habe es viel weniger Betrieb auf der Air Base und also viel weniger Besucher und Gäste gegeben, “da waren unsere Hotels ein Jahr lang viel leerer”.

In Ramstein waren sie immer schon auch ein Spielball der großen Politik.

Die Welt der Geschäfte mit den Amerikanern, diese spezielle Form der Wirtschaft, die gibt es in ganz groß und ganz klein, und zu den ganz Kleinen gehört zum Beispiel Frank Dick.

“Amerikaner kommen, Amerikaner gehen”

Dick ist Elektriker, sein Geschäft heißt Franks An- und Verkauf, es liegt in einer ehemaligen Kegelbahn am Rand der Stadt, und wenn er die Grundlage seines Geschäfts beschreibt, dann klingt das so: “Du musst dir vorstellen: Amerikaner kommen, Amerikaner gehen.” Und um alles, was sie dann jeweils brauchen oder nicht mehr brauchen, kümmert er sich.

Dick ist 52, seine Frisur ist eine wunderbare Hommage an die Zeit seiner Jugend, die Achtziger – vorne kürzer, hinten etwas länger. Seine kleine Halle steht voller Waschmaschinen, Trockner, Billardtische, Flipper, und von seinen amerikanischen Kunden ist er begeistert, dankbar seien sie, unkompliziert und überhaupt: “Den Ami hier wegzudenken wäre totes Land.”

Aber Ramstein, das ist natürlich auch ein Symbol für Kriegsgegner, immer wieder gibt es hier Proteste, zuletzt vor allem eben auch, weil die Air Base offenbar als Relaisstation für die Drohnenangriffe dient, die Signale weiterleitet. Und müssten nicht zumindest die einen Abzug begrüßen, die hier protestiert haben?

Aber nicht mal so einfach ist es.

Jeden Monat trifft sich Michael Strake mit seiner Initiative zum Friedensgebet. Strake ist 72, pensionierter Lehrer, Katholik, Pazifist, Pax-Christi-Mitglied, und als er vor 25 Jahren hierherzog, da war er auf eine Art froh: “So eine militarisierte Gegend, da muss es doch was geben”, sagte er und hoffte auf Protest.

Viele sahen im Kreisel das Problem – nicht in der Base

Aber er musste schnell feststellen, dass die Protestler vor allem von außerhalb kamen. Für die Einheimischen, sagt er, sei immer eher der Kreisel auf der Zufahrtstraße das Problem gewesen, nicht dass von der Base aus Kriege geführt wurden.

Es sind jetzt kaum mehr eine Handvoll, die sich zum Friedensgebet treffen, sagt er. Und sie wurden auch immer weiter nach hinten verdrängt, jetzt treffen sie sich auf einem Parkplatz, von dem aus sie die Einfahrt zur Air Base nicht mal sehen können. Dafür werden sie gesehen. “Manche hupen”, sagt Strake. “Und manche zeigen uns den Mittelfinger.”

Und wäre ein Teilabzug jetzt nicht zumindest Genugtuung? Ein kleiner Sieg? Wohl nicht mal das. Das Militär, Gewalt, Kriege, “das entspricht nicht dem, was wir uns unter einem Reich Gottes vorstellen. Da haben wir Besseres zu bieten”, sagt er.

Und was hilft es da, wenn die, gegen die sich sein Protest richtet, vielleicht ein Land weiterziehen, aber für dasselbe stehen?

Damit, findet Strake, wäre dann auch nichts gewonnen.

Eine Diskussion, die kommen wird

Und am Ende sind wohl alle gegen einen Abzug, wenn auch nicht alle aus denselben Gründen. Nur heißt das nicht, dass alles bleiben kann, wie es ist. Ralf Hechler steht am Rand des Air-Base-Geländes, eine startende Transportmaschine erfüllt die Luft mit ihrem Brummen, und er erzählt von dem Ordner, den er in seinem Büro hat. Es ist ein Ordner mit Ideen zur Umnutzung, zu einer Zeit nach der Air Base. Um eine zivile Nutzung des Flughafens geht es da zum Beispiel, das wäre ja eine Idee, zur Not.

“Die Diskussion”, ist Hechler überzeugt, “wird irgendwann kommen.” Aber für dieses Mal wäre er froh, wenn er den Ordner noch eine Weile zulassen könnte.

Von Thorsten Fuchs/RND