Dienstag , 22. September 2020
Menschen sitzen in Stockholm vor einem Cafè. Quelle: Johanna Lundberg/Bildbyran via Z

Schwedens Corona-Weg: Der geplatzte Traum

Der schwedische Sonderweg in der Corona-Krise galt vielen als Vorbild. Doch das war nur ein Wunschtraum, kommentiert Christian Burmeister. Was dort momentan vor sich geht, muss auch für Deutschland eine Warnung sein.

Berlin/Stockholm. Schweden ist als Sehnsuchtsort und Vorbild in der Corona-Krise Geschichte. Der Traum vieler, die Pandemie fast ohne die lästigen Einschränkungen für Wirtschaft und Privatvergnügen schadlos überstehen zu können, ist geplatzt. Nun musste Schweden die höchste Zahl an Neuinfektionen seit Beginn der Krise melden: 1474 innerhalb von 24 Stunden. Auch wenn zuletzt mehr getestet wurde, bleibt es eine dramatische Zahl für ein eher kleines Land.

Vor Kurzem hatte der oberste Virologe des Landes, Andres Tegnell, zugeben müssen, dass sein Kurs vor allem zu Beginn zu lax war und dass sein ursprüngliches Ziel der Herdenimmunität noch immer Lichtjahre entfernt ist. Die Regierung in Stockholm war ihm nahezu blind gefolgt, obwohl die meisten Länder ganz anders verfuhren. Es gab in Schweden fast nur “Empfehlungen”, die vor Kurzem eilig “nachgeschärft” wurden. Sogar ein kompletter Lockdown scheint in der jetzigen Situation nicht mehr ausgeschlossen. Der Schaden ist aber so oder so schon angerichtet: Die Zahl der Covid-Toten liegt im Vergleich um ein Vielfaches höher als in den meisten europäischen Ländern. Dabei ist Schweden deutlich dünner besiedelt als beispielsweise Deutschland. Der eigentlich so starke schwedische Sozialstaat hat die Schwächsten im Stich gelassen. Wohl auch deshalb sinkt laut Umfragen das Vertrauen in die schwedische Politik insgesamt erheblich.

Eine neue, unangenehme Erfahrung

Der eher freigiebige Kurs konnte auch nicht verhindern, dass die schwedische Wirtschaft ähnlich eingebrochen ist wie anderswo. Und dann kam noch eine völlig unbekannte, unschöne Erfahrung hinzu: Die Nordmänner und -frauen sind im Ausland plötzlich unerwünscht. Die Grenzöffnung zu den direkten Nachbarländern ist bis auf Weiteres gescheitert. Die Bundesregierung hat die Reisewarnung für das Land nicht aufgehoben, und Urlaubsrückkehrern aus Schweden droht vielerorts Quarantäne.

Was lässt sich aus diesem schwedischen Debakel lernen? Vielleicht: Zu lockere Corona-Regeln bringen zwar kurzfristig Erleichterung und Popularität, können die Dinge langfristig aber erheblich verschlimmern. Diese Erkenntnis ist nicht unbedingt neu, aber selten so anschaulich wie in diesem Fall.

Deutschland bewegt sich mit angekündigten Lockerungen wie in Thüringen momentan mit großen Schritten auf das schwedische Regelniveau zu, obwohl ein Impfstoff oder eine Heilung höchstens am Horizont schimmern. Geht das schief, können die Verantwortlichen nicht sagen, sie seien nicht gewarnt gewesen.

Von Christian Burmeister/RND