Dienstag , 22. September 2020
Trumps Lieblingspose. Vor seinen jubelnden Anhängern fühlt sich der US-Präsident so richtig wohl. Im März musste er die Massenkundgebungen wegen der Corona-Pandemie unterbrechen – am nächsten Freitag nimmt er sie wieder auf. Quelle: imago images/UPI Photo

Wahlkampf in der Pandemie: Trumps Corona-Rodeo

Während die Infektionszahlen in vielen Teilen der USA dramatisch steigen, lädt der Präsident wieder zu Massenkundgebungen. Mehr als 10.000 Anhänger werden schon nächste Woche in einer Halle in Oklahoma erwartet. Einen Teil des Parteitags verlegt Trump eigens nach Florida. Gesundheitsexperten warnen vor den Gefahren. Die Trump-Kampagne fordert von den Teilnehmern ausdrücklich einen Verzicht auf Haftungsansprüche.

Washington. Am Eingang wird Fieber gemessen. Wer unbedingt will, der bekommt eine Maske. Die Teilnahme erfolgt auf eigene Gefahr. “Mit Ihrer Anmeldung nehmen Sie zur Kenntnis, dass es ein allgemeines Risiko des Kontakts mit Covid-19 gibt”, heißt es auf der Homepage der Trump-Kampagne. Wer ein kostenloses Tickets bestellt, verzichtet auf jegliche Haftung der Veranstalter “für irgendeine Krankheit oder Verletzung”.

Das dürfte die meisten Fans des amerikanischen Präsidenten nicht stören. Donald Trump rechnet fest mit einer vollen Halle, wenn er am kommenden Freitag nach dreieinhalbmonatiger Pause seine Kundgebungen wieder aufnimmt. “Es wird gewaltig sein”, sagt er voraus. Immerhin verfügt das Bok-Center in Tulsa, Oklahoma, über 19.000 Plätze. Eigentlich sollten hier nächste Woche bei “Smoke & Guns” die “härtesten Feuerwehrleute und Polizisten” zu einem Extrem-Box-Wettkampf aufeinanderstoßen. Das Spektakel wurde wegen der Pandemie abgesagt. Auch das Justin-Bieber-Konzert wurde verschoben. Nun lädt der Präsident persönlich die Massen zum Corona-Rodeo.

Nicht nur die Gesundheitsexperten sind entsetzt, weil die Pandemie in den USA mit mehr als zwei Millionen Infizierten fast ungebremst weiter wütet und gerade aus dem Süden des Landes alarmierende Zahlen gemeldet werden. Auch schwarze Bürgerrechtler sind empört über den Auftritt. Am 19. Juni (“Juneteenth”) gedenkt Amerika nämlich der Abschaffung der Sklaverei. Und in Tulsa hatte 1921 eines der schlimmsten rassistischen Massaker stattgefunden. “Das ist nicht nur ein Wink hin zu den weißen Rassisten”, kritisiert Senatorin Kamala Harris die Trump-Kundgebung: “Das ist eine Willkommensparty!”

Doch solche Einwürfe kümmern den Präsidenten herzlich wenig. Er will die Rassismusdebatte und die Corona-Krise so schnell wie möglich hinter sich lassen. “Recht und Ordnung” lautet seine simple Antwort auf die Proteste. “Zurück zur Normalität” ist sein Motto in der Pandemie. Demonstrativ beginnt er an diesem Wochenende die sommerlichen Wochenendtrips zu seinem Golfclub in Bedminster im Bundesstaat New Jersey.

“Ich kann keine Kundgebungen mit freien Reihen abhalten”, sagt Trump

Die Kundgebung in Tulsa, die von einem republikanischen Gouverneur ermöglicht wurde, ist nur der Auftakt zu weiteren Wahlkampfveranstaltungen in Florida, Arizona und North Carolina in den nächsten Wochen. Überall setzt Trump auf prall gefüllte Hallen. “Ich kann keine Kundgebung mit sieben freien Reihen zwischen jedem Zuhörer abhalten”, verkündet er trotzig. Dabei gehören diese Bundesstaaten mit wöchentlichen zweistelligen prozentualen Zuwächsen bei den Infektions- und Sterbezahlen derzeit zu den Hotspots der Corona-Pandemie. Deren Ausbreitung hat sich beschleunigt, seit die Gouverneure auf Druck des Präsidenten vor einem Monat viele Restriktionen aufgehoben haben. In Arizona, wo die Infektionszahl in einer Woche um 28 Prozent auf 31.000 explodierte, sind inzwischen 80 Prozent der Intensivbetten belegt. Experten warnen, dass dringend gegengesteuert werden müsse.

Die Task Force des Weißen Hauses ist abgetaucht

Doch Trump ist entschlossen, die Pandemie zu ignorieren. Die Task Force des Weißen Hauses, die anfangs täglich Pressekonferenzen gab, kommt inzwischen nur noch ein- oder zweimal in der Woche hinter verschlossenen Türen zusammen. Der Epidemiologe Anthony Fauci ist seit Wochen nicht mehr bei regierungsamtlichen Terminen aufgetreten. Dafür gibt es im Netz nun Fotos von Trumps Finanzminister Steven Mnuchin, der mit Bekannten im Innenraum eines Washingtoner Promiitalieners speist, obwohl das in der Hauptstadt noch verboten ist. “Wir können die Wirtschaft nicht dichtmachen”, erteilte der Minister in einem Interview vorsorglich dem Gedanken eines erneuten Lockdowns bei einer zweiten Corona-Welle eine entschiedene Absage.

Auch Trump hat genug von den durch seine eigenen Experten empfohlenen Auflagen. Nachdem der demokratische Gouverneur von North Carolina Abstandsregeln und Kapazitätsobergrenzen für den Parteitag der Republikaner erlassen wollte, drohte der Präsident zunächst mit dem kompletten Abzug der Veranstaltung, bei der bis zu 50.000 Delegierte, Gäste und Journalisten erwartet werden. Am Donnerstag gab dann seine Kampagne bekannt, dass die Sitzungen der Delegierten zwar wie geplant in Charlotte stattfinden sollen. Seine Nominierungsrede und die Party am 27. August verlagert Trump aber kurzerhand nach Jacksonville in Florida, wo ihn der republikanische Gouverneur ohne irgendwelche Auflagen mit offenen Armen empfängt. 15.000 Plätze können in der VyStar Veterans Memorial Arena gefüllt werden. Für die Gesundheitsrisiken haftet der Präsident natürlich nicht.

RND

Von Karl Doemens/RND