Montag , 21. September 2020
“Dass ich naiv sei, hat mir noch nie jemand vorgeworfen”: John Bolton – hier bei einem Auftritt im Weißen Haus – diente vor seiner Zeit bei Donald Trump schon den US-Präsidenten Ronald Reagan, George Bush senior und George W. Bush. Quelle: Evan Vucci/AP/dpa

Ex-Sicherheitsberater John Bolton: “Trump versteht nichts von Atomwaffen”

John Bolton war bis September 2019 Donald Trumps Sicherheitsberater im Weißen Haus. Im exklusiven RND-Interview zieht er eine bittere Bilanz der US-Außenpolitik. “Die Welt ist in den letzten paar Jahren leider unsicherer geworden”, sagt Bolton. Der Präsident versteht laut Bolton nichts von nuklearer Abrüstung und Nichtverbreitung von Atomwaffen – “und zeigt auch kein Interesse, sich damit vertieft zu befassen”.

Mr. Bolton, wie steht es heute, genau 75 Jahre nach dem Atombombenabwurf in Hiroshima , um die nukleare Sicherheit für die Menschheit?

Die Welt ist in den letzten paar Jahren leider unsicherer geworden.

Meinen Sie die letzten dreieinhalb Jahre – also die unter Trump?

Nicht nur. Schon nach den acht Jahren mit Barack Obama war der Westen geschwächt. Inzwischen aber sind die nuklearen Bedrohungen weiter gewachsen, denken Sie an den Iran und an Nordkorea.

Donald Trump hat sich immerhin mit Kim Jong Un getroffen. Das Treffen war eine historische Premiere …

… die aber faktisch nichts bewirkt hat. Trump denkt, persönliche Beziehungen sind der Schlüssel zu allem. So einfach ist es nicht. Kims Nuklearprogramme liefen weiter.

Haben Sie das Chaos unterschätzt, Mr. Bolton?

Aus UN-Quellen kamen diese Woche Hinweise, Kim Jong Un sei neuerdings in der Lage, Raketen mit “Miniatombomben” zu bestücken.

Mich überrascht das nicht im Geringsten. Dreieinhalb Jahre Trump bedeuteten für Kim Jong Un dreieinhalb Jahre Fortentwicklung der nuklearen Programme, Gipfel hin oder her. Wer die Nichtverbreitung von Atomwaffen will, aber Zeit verrinnen lässt, zahlt schon dafür einen Preis. Der Präsident hat diese Zusammenhänge nie begriffen. Trump versteht nichts von Atomwaffen. Und er zeigt auch kein Interesse, sich damit vertieft zu befassen.

Sie waren binnen kurzer Zeit Trumps dritter Sicherheitsberater. Warum haben Sie überhaupt unter einem so katastrophalen Chef angeheuert? Haben Sie das Chaos unterschätzt?

Dass ich naiv sei, hat mir noch nie jemand vorgeworfen. Mir schien es, ich könne in einer für die USA schwierigen Situation zu mehr Ordnung beitragen, zu mehr Kohärenz. Ich habe darauf vertraut, dass die Schwere und Ernsthaftigkeit der Probleme, die auf dem Oval Office lasten, Trump verändern würden – wie jeden Amtsinhaber vor ihm. Darin allerdings habe ich mich in der Tat getäuscht, was ja ich in meinem Buch “Der Raum, in dem alles geschah” detailliert beschreibe.

Schöne Gipfelbilder gab es auch mit Trump und Wladimir Putin in Helsinki. Heute feiert Putin neuartige Überschallwaffen, und Mitte Juli wurde berichtet, die Russen hätten probeweise einen Satelliten im All zerstört.

Beides gibt in der Tat Anlass zu Besorgnis. Russlands Anti-Satelliten-Systeme könnten uns im Ernstfall blind machen. Und bei Russlands Überschallwaffen liegt das Problem darin, dass sie vom Abrüstungsvertrag Start von 2010 nicht umfasst sind. Wir brauchen also umfassendere Abrüstungsverträge, die auch diese neuen Aspekte abdecken.

Was wird aus dem Truppenabzug aus Deutschland?

Müssen, auch mit Blick auf China, alle Demokratien enger zusammenrücken – im Sinne einer “globaleren Nato”, wie sie deren Generalsekretär Jens Stoltenberg vorschlägt?

Ja, diese Ideen gehen in eine sehr gute Richtung. Ich habe sie immer unterstützt, schon als sie erstmals der frühere spanische Premier José María Aznar ins Gespräch brachte.

Im Augenblick sieht es so aus, als zertrümmere Trump schon die real existierende Nato – durch den Truppenabzug aus Deutschland.

Trump ist eine Anomalie. Er steht nicht für eine ernst zu nehmende Strategie in der US-Sicherheitspolitik. Er wollte nur Deutschland auf irgendeine Art bestrafen. Das war ein großer Fehler. Aber ich glaube, es wird relativ einfach sein, diese Entscheidung zu korrigieren und den Schaden zu begrenzen – jedenfalls, wenn Trump die Wahl am 3. November verliert.

Und wenn nicht?

Dann wird es kompliziert. Eine zweite Amtszeit Trumps könnte auf vielen Feldern bereits eingetretene Schäden dramatisch vergrößern.

Sie sind Republikaner seit den Sechzigern. Wählen Sie jetzt den Demokraten Joe Biden?

Nein. Ich schreibe den Namen irgendeines Republikaners auf den Zettel. Mal sehen, wen ich nehme.

Von Matthias Koch/RND