Montag , 26. Oktober 2020
Am 6. Juni kam es nach dem Tod von George Floyd in den USA in ganz Deutschland zu Protesten gegen Rassismus, wie hier in Berlin. Quelle: imago images/Sabine Gudath

Zwei Monate nach den Black-Lives-Matter-Demos in Deutschland: Was bleibt?

Nach den großen Protesten Anfang Juni ist es um Black Lives Matter in Deutschland schnell wieder ruhiger geworden. Aktivisten beklagen vor allem fehlende Reaktionen aus der Politik. Was bleibt nach zwei Monaten von den Protesten der Antirassismusbewegung – und wie soll es weitergehen?

Berlin. Zwei Monate nach den deutschlandweiten Protesten für Black Lives Matter mit Zehntausenden Teilnehmern ist es um die Bewegung wieder deutlich ruhiger geworden. Während in mehreren Städten der USA, zum Beispiel in Portland, Oregon, weiterhin täglich Demonstranten und Sicherheitskräfte aufeinandertreffen, scheint die Zeit der großen Proteste hierzulande bereits wieder vorüber. Was bleibt – und wie geht es weiter?

“Die Leute erkennen, dass es nicht um Schwarz gegen Weiß geht”

“Mehr Menschen trauen sich, zu sprechen, mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit zu gehen”, sagt Perla Londole. Die 22-jährige Mainzerin hat sich nach dem Tod von George Floyd für die Organisation von Protesten in mehr als 30 Städten in Deutschland eingesetzt.

Die Demonstrationen hätten einen Wandel angestoßen, ist Londole überzeugt – auch bei der weißen Mehrheit: “Die Menschen fangen an, nachzudenken, zu recherchieren, zu hinterfragen.” Das sei ein wichtiger Schritt im Kampf gegen Rassismus.

Eine zunehmende Vernetzung und mehr gegenseitige Unterstützung erkennt seit den Protesten im Juni Audrey Boateng, die die Demonstrationen in Hamburg organisiert hat. Bei den Kundgebungen hätten viele Menschen Kontakte geknüpft. Nun würden überall Kurse zum richtigen Umgang mit rassistischen Angriffen und für Selbstverteidigung angeboten.

Vor allem aber bemerke sie in den vergangenen Wochen ein gestiegenes Bewusstsein dafür, dass der Kampf gegen Rassismus eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei, so Boateng: “Die Leute erkennen, dass es nicht um Schwarz gegen Weiß geht, sondern um Schwarz und Weiß gegen Rassismus.”

“In der Politik bleibt es bei Lippenbekenntnissen”

Dennoch: Von manchem sind die Aktivisten auch enttäuscht. “Noch fehlt die Rückmeldung von oben”, sagt Boateng. Eine Klage, die Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) teilt: “Die politischen Verantwortlichen erwecken nicht den Eindruck, dass sie verstanden haben.” Wie auch in früheren Fällen reagierten Politiker auf Proteste gegen Rassismus wie auf eine Modeerscheinung: “Es bleibt bei Lippenbekenntnissen.”

“Die Bundesregierung hat die gesellschaftliche Debatte zur Kenntnis genommen”, heißt es in der Antwort einer Regierungssprecherin auf Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND). “Von rassistischer Diskriminierung, Gewalt, Ausgrenzung und Ungleichbehandlung betroffene Menschen bedürfen des Schutzes und der Solidarität.”

Es tut sich etwas in Sachen Rassismus

Bewerten wolle die Regierung die Black-Lives-Matter-Proteste aber nicht, so die Sprecherin. Sie verweist auf den seit Juni arbeitenden “Kabinettsausschuss zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus” sowie den “Nationalen Aktionsplan gegen Rassismus”. Die Bundesregierung wolle das Thema künftig “noch stärker in den Fokus nehmen”.

Auch andernorts tut sich etwas: Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes beteiligt sich nach Angaben ihres Leiters Bernhard Franke an einem “Afrozensus” zur Identifizierung von Rassismus in der Arbeitswelt. Bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa) sprach man zuletzt zusammen mit Experten über Rassismus in der Alltagssprache. Eine Onlinepetition zur stärkeren Thematisierung von Rassismus im Unterricht steht bei fast 100.000 Unterzeichnern.

Black Lives Matter muss sich konsolidieren

“Es ist jetzt entscheidend, dass wir in der Öffentlichkeit bleiben”, sagt Della – gerade weil die großen Proteste sich wohl nur kurz gehalten haben. Es gehe als Nächstes darum, die gewonnene Aufmerksamkeit der zumeist jungen Menschen längerfristig zu bewahren und die der Politik zu gewinnen: “Rassismus ist kein Thema für das Sommerloch.”

Dafür wollen die Aktivisten neben dem Protest auf der Straße verstärkt anderweitig aktiv werden. “Wir bieten Workshops an, wollen in Kindergärten und Schulen gehen”, sagt Boateng. Keine einfache Aufgabe, wie Londole zugibt – schließlich seien viele Aktivisten im Juni sprichwörtlich ins kalte Wasser geworfen worden. Nun müsse man sich auf die Konsolidierung der Bewegung konzentrieren.

Um in einem dauerhaften Dialog mit politischen Vertretern etwas erreichen zu können, brauche die Bewegung konkrete Forderungen, weiß Londole. Diese würden aktuell erarbeitet. Boateng sagt: “Wichtig ist, dass wir wissen, wofür wir stehen.” Dann könnte es auch wieder Demonstrationen geben – Zeitpunkt offen.

 

Von Tammo Kohlwes/RND