Samstag , 19. September 2020
Überfüllte Strände in Frejus: Eindrücke aus Südfrankreich. Quelle: imago images/A. Friedrichs

Treten Urlauber die zweite Corona-Welle los?

Die Zahl der Neuinfektionen ist so hoch wie seit Mai nicht mehr. Es liegt nahe, dass Reiserückkehrer und Leichtsinnige dafür verantwortlich sind. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil fordert ein härteres Durchgreifen.

Berlin. Trotz der Hitze in der Hauptstadt ist im Atrium des Bundesgesundheitsministeriums von ausgelassener Sommerzeit nichts zu spüren. Mit ernster Miene tritt Jens Spahn am Donnerstag vor die Kameras. Während viele Politiker in dieser Zeit auch mal zu legerer Kleidung greifen, trägt der Gesundheitsminister Anzug und Schlips.

“Die Pandemie”, so beginnt der CDU-Politiker mit mahnender Stimme, “ist noch nicht vorbei.” Das Virus nehme keine Rücksicht auf Urlaubsstimmung, nicht auf Gewöhnung oder darauf, dass man manchmal von den Hygieneregeln genervt sei. “Wo das Virus eine Chance hat, breitet es sich aus”, warnt der Minister.

Kurz zuvor hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) die neusten Zahlen bekannt gegeben: 1045 Neuinfektionen an einem einzigen Tag. Das ist der höchste Wert seit Anfang Mai. Spahn wirkt sehr besorgt: Wenn die Zahlen so wie in den vergangenen Wochen weiterwüchsen, “dann wird es tatsächlich schwierig”. Seine Botschaft: Wenn jetzt nicht aufgepasst wird, besteht die Gefahr, dass das Virus doch noch außer Kontrolle gerät.

Auch andere Politiker warnen. “Wenn wir nicht aufpassen, sind die Erfolge der letzten Monate im Kampf gegen Corona gefährdet”, sagt etwa SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). “Wir alle müssen uns weiter an Maskenpflicht und Abstandsregeln halten – auch wenn es manchmal nervt. Es ist im Interesse aller, dass Deutschland nicht in eine zweite Welle rutscht.”

Lauterbach sagt, die zweite Welle ist schon da

Steht Deutschland vor einer zweiten Corona-Welle? Seit Tagen wird bereits über diese Frage gestritten. Für den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach (SPD) steht die Antwort seit Donnerstag fest: “Mit einem R-Wert knapp über eins und mehr als 1000 Fällen pro Tag, wobei alle Altersgruppen und Regionen betroffen sind, muss man vom Beginn einer zweiten Welle ausgehen.”

Ende März/Anfang April registrierten die Gesundheitsämter pro Tag weit über 6000 Neuinfektionen. Die Zahl sank dann im Juni auf wenige Hundert ab, seit Tagen steigt sie aber wieder an. Allein durch eine höhere Zahl von Tests lässt sich das nicht erklären.

Es ist aber ohnehin nicht allein die absolute Höhe der Neuinfektionen, über die sich RKI besorgt zeigt. Die Pandemie breitet sich neuerdings im gesamten Bundesgebiet aus. Die Zahl der Landkreise, die über einen Zeitraum von sieben Tagen keinen einzigen Covid-19-Fall übermittelt haben, ist laut RKI in den letzten Wochen kontinuierlich zurückgegangen. 125 Kreise waren am 12. Juni ohne neue Fälle, nun sind es nur noch 68 Kreise.

Mal sind es nur 0,5 Fälle pro 100.000 Einwohner, mal zwei. Auf den Übersichtskarten des RKI sind diese Landkreise damit hellgrau eingefärbt. Das signalisiert: keine Gefahr. Aber wenn sich diese Entwicklung kontinuierlich weiter fortsetzt, könnten schnell bundesweit kritische Marken erreicht werden.

Jeder unerkannt Infizierte kann Ausgangspunkt für ein Superspreader-Ereignis sein – bei einem Besuch in der Kirche, bei Familienfesten oder einer Party. Gerade die Reiserückkehrer sind eine der Variablen, die die Entwicklung so unvorhersehbar machen. Sie können sich im Ausland angesteckt haben und das Virus mitbringen, als unschönes Souvenir.

Hohe Rate von positiven Testergebnissen

Wie real diese Gefahr ist, zeigen die Ergebnisse der Tests: Während die Zahl der positiv getesteten Menschen, die nicht im Auslandsurlaub waren, bei 0,8 Prozent liegt, beträgt die Quote bei Reiserückkehrern teilweise über 2 Prozent. Spahn setzt deshalb auf verpflichtende Corona-Tests nach einem Aufenthalt in einem Risikogebiet. Das gilt ab Samstag. Man müsse ein flächendeckendes “Einsickern” des Virus verhindern, argumentiert der Minister.

Warum nicht früher?

Dabei muss er sich allerdings die Frage gefallen lassen, warum die verpflichtenden Tests erst jetzt kommen. Nichts hätte dagegengesprochen, das schon früher einzuführen. Spahn kontert jedoch mit seinem Standardargument in Corona-Zeiten: Man lerne immer dazu. Und überhaupt: Seit Beginn der Pandemie gelte: Wer aus einem Risikogebiet einreise, müsse sich bei seinem zuständigen Gesundheitsamt melden und sich in eine 14-tägige Quarantäne begeben.

Wäre es aber nicht angebracht, Urlaubsreisen wieder ganz zu verbieten, wie im Lockdown im Frühjahr? Spahn hält das offensichtlich nicht für vermittelbar. “Ich weiß, dass die Urlaubszeit für viele die schönste Zeit des Jahres ist. Und für viele ist sie auch die Belohnung nach den Entbehrungen der letzten Monate”, sagt er.

Klingbeil fordert Konsequenzen für Verweigerer

Deshalb wirbt der Minister eindringlich um die Mitarbeit der Bevölkerung im Alltag: “Maske tragen, Abstand halten, Hygieneregeln einhalten” – das sei ein kleiner Preis gemessen an den Auswirkungen einer ungehinderten Ausbreitung des Virus. “Geben wir weiter aufeinander acht, bleiben wir wachsam, bleiben wir besonnen, halten wir die kleinen Regeln des Alltags ein, um uns gegenseitig zu schützen”, so der Minister: “Corona in Schach zu halten ist ein Langstreckenlauf und ein Teamspiel. Es geht nur gemeinsam.”

SPD-Generalsekretär Klingbeil fordert derweil ein härteres Durchgreifen gegen Maskenverweigerer. “Diejenigen, die leichtfertig keinen Abstand halten und die Maskenpflicht ignorieren, gefährden damit auch, dass Kinder wieder in die Schule gehen und Arbeitsplätze gesichert werden können”, sagte der SPD-Politiker. “Das ist rücksichtslos und unverantwortlich. Dagegen müssen wir schärfer vorgehen. Ich erwarte zum Beispiel von der Deutschen Bahn, dass sie die Maskenpflicht in ihren Zügen konsequent durchsetzt”, so Klingbeil weiter. “Es kann doch nicht sein, dass diejenigen die Dummen sind, die sich an die Regeln halten.”

Von Tim Szent-Ivanyi/RND