Samstag , 19. September 2020
Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) kann sich eine Regulierung von Werbung für ungesundes Essen vorstellen. Quelle: imago images/photothek

So argumentiert die Industrie gegen ein Werbeverbot für Junkfood

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) zeigt sich offen für eine schärfere Regulierung der Werbung für Süßigkeiten und Fast Food. Die Industrie zeigt sich “überrascht” und spricht von “Symbolpolitik”. Doch die Idee hat auch viele Unterstützer – mit noch mehr Argumenten.

Berlin. Die Idee eines weitgehenden Werbeverbots für ungesundes Essen – “Junkfood” mit besonders viel Zucker, Fett oder Salz, aber geringem Nährwert – im Fernsehen sorgt bei der Lebensmittelindustrie für heftige Kritik. Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) hat sich für einen solchen Schritt grundsätzlich offen gezeigt.

“Ich meine, wir müssen an Kinder gerichtete Lebensmittelwerbung stärker in den Blick nehmen”, erklärte Klöckner nach einem entsprechenden Vorstoß der Grünen. Das bedeute auch, über weitergehende Beschränkungen in dem Bereich nachzudenken. Zuvor hatte die Grünen-Gesundheitspolitikerin Kirsten Kappert-Gonther gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) eine stärkere Regulierung angemahnt, wie sie in Großbritannien bereits umgesetzt wird. Dort darf entsprechende Werbung in TV und Internet künftig erst ab 21 Uhr gezeigt werden. Angesichts steigender Zahlen von Übergewichtigen in der Bevölkerung und etwa 15 Prozent fettleibiger Kinder gebe es einen “dringenden Handlungsbedarf”, hatte Kappert-Gonther erklärt.

Lebensmittelverband attackiert Klöckner

Der Lebensmittelverband Deutschland hält die Debatte für falsch und attackiert Klöckner: “Es ist überraschend, wie wenig Vertrauen die Ministerin in ihre eigene Politik hat, wenn sie ernsthaft Werbeverbote für denkbar hält. Wir vertrauen weiter dem grundgesetzlich geschützten Erziehungsauftrag der Eltern. Man kann Kinder nicht unter einer Käseglocke aufwachsen lassen. Vielmehr müssen sie lernen, mit Medien und Werbung umzugehen und selbst Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen”, sagte Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer des Verbands, dem RND.

Auch die Lobbyorganisation “Wirtschaftliche Vereinigung Zucker” hält von der Idee eines weitreichenden Werbeverbots wenig: “Ja, unsere gesellschaftliche Herausforderung ist Übergewicht. Hierbei hilft aber vor allem der Blick auf die Kalorienbilanz: Wer mehr isst, als er verbraucht, nimmt zu. Anstatt sich also auf TV-Werbung und Symbolpolitik zu konzentrieren, ist doch die Frage nach dem Pauseknopf und mehr Bewegung viel wichtiger”, erklärte Hauptgeschäftsführer Günter Tissen dem RND.

Doch eine stärkere Regulierung hat auch viele Unterstützer. Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (SPD) erklärte: “Ich schließe mich der Forderung persönlich voll an. In einer Zeit, in der Übergewicht als dominierender Risikofaktor für den schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung gesichert ist, darf nicht für Junkfood geworben werden.”

Foodwatch: “Die Zeit von Überraschungseiern muss vorbei sein”

Martin Rücker, Geschäftsführer von “Foodwatch”, hält eine weitere Regulierung von “übergriffiger Junkfood-Werbung” auf allen Kanälen vor allem mit Blick auf Kinder für überfällig: “Weil die Lebensmittelindustrie mit Limo, Süßwaren und ungesunden Snacks höhere Renditen erzielen kann als mit gesunden Produkten, setzt sie auf allen Kanälen alles daran, Kinder ganz gezielt auf diese Produkte anzufixen”, sagte er dem RND. “Ob mit Anzeigen, Social-Media-Kampagnen, Comicfiguren, Testimonials, Spielzeugbeigaben oder auf anderem Wege: Nur noch ausgewogene Lebensmittel im Einklang mit den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollten direkt an Kinder vermarktet werden dürfen. Die Zeit von ‘Überraschungseiern’ und ‘Paulas verrückter Welt’ muss vorbei sein.”

“Frühstücksflocken für Kinder zum Beispiel enthalten im Schnitt doppelt so viel Zucker wie Produkte für Erwachsene, daran haben auch die seit Jahren bestehenden Selbstverpflichtungen der Industrie nichts geändert”, argumentiert Anne Markwardt, Lebensmittelexpertin beim Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). Ein TV-Werbeverbot alleine reiche nicht aus, notwendig sei vielmehr eine Regulierung der gesamten Produktkategorie für alle Kommunikationskanäle und verbindliche Obergrenzen bei Zucker, Fett und Salz. Laut einer VZBV-Umfrage befürworten 83 Prozent der Verbraucher solche gesetzlichen Höchstmengen. “Die Zeit freiwilliger Selbstverpflichtungen muss vorbei sein, denn sie sind nachweislich erfolglos”, sagte sie dem RND.

Den Sechs- bis 19-Jährigen steht nach Schätzungen jährlich Taschengeld in Höhe von 20 Milliarden Euro zur Verfügung. Den “Quengelmarkt”, also den Geldbetrag, den Eltern ausgeben, weil sie von Kindern dazu gedrängt werden, schätzen Experten auf 70 Milliarden Euro im Jahr.

Von Christian Burmeister/RND