Samstag , 19. September 2020
Wie kann Schulalltag in Corona-Zeiten aussehen? Zum Start des neuen Schuljahres bewegen sich Schulleiter zwischen Sorgen und Hoffnung. Quelle: Gregor Fischer/dpa

Regelbetrieb an Schulen startet: Direktorin zieht besorgtes Fazit

Der Regelbetrieb ist am Montag an den Schulen in Berlin und Schleswig-Holstein gestartet. Während in Berlin die Maskenpflicht gilt, trugen sie viele Schüler in Norddeutschland freiwillig. Eine Berliner Schulleiterin warnt vor der Enge in Schulgebäuden und kritisiert die Senatsverwaltung – doch nicht überall ist man unzufrieden.

Berlin. Der erste Tag im normalen Schulbetrieb seit den Schulschließungen nach Ausbruch der Corona-Pandemie ist vorbei, da zieht Schulleiterin Birgit Strohmeyer ein düsteres Fazit: “Es war sehr voll und ist nicht umsetzbar gewesen, dass nur Rechtsverkehr stattfindet”, sagt Strohmeyer dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) am Montagnachmittag. Für ihre Schüler am Berliner Andreas-Gymnasium im Stadtteil Friedrichshain verteilt sie zwar viel Lob. In Richtung Landespolitik – die in allen Bundesländern für die Schulen zuständig ist – übt sie jedoch deutliche Kritik.

Es sind Worte, wie man sie oft hört in jenen Bundesländern, die nach den Sommerferien wieder in den Schulalltag starten – oft mit späten, unklaren Vorgaben; oft mit dem Gefühl, dass die Schulen von der Politik alleingelassen worden sind. Berlin ist eins von den drei Bundesländern, in denen die Schule in dieser Woche wieder anlief, in Mecklenburg-Vorpommern hatte der Regelbetrieb bereits vorige Woche wieder begonnen – mit teilweise verheerenden Ergebnissen.

Es sei ungewohnt gewesen, dass die Schüler nun wieder da sind, berichtet die Berlinerin Strohmeyer nach ihrer Premiere in der “neuen Normalität”. Sie freue sich über deren Disziplin: “Nicht einer hatte seine Maske vergessen. Wir mussten nur hin und wieder in den Pausen daran erinnern, sie aufzusetzen, wenn nicht gegessen und getrunken wird.” Die Masken seien auch deshalb so wichtig, weil es keine Möglichkeit gebe, die Abstandsregeln einzuhalten. Auch deshalb nicht, weil Baumaßnahmen an der Schule stattfänden.

Wie sollen die Vorgaben eingehalten werden?

Strohmeyer schaut auf die Enge in den Schulgebäuden mit Sorge: “Das ist schon bedenklich. Es stand ja im Musterhygieneplan, dass wir die Schülergruppen nicht mischen sollen. Aber das soll mir mal einer sagen, wie das am Gymnasium geht.” In der Oberstufe gebe es Kurs- und Wahlpflichtunterricht. Dass die Schüler sich in einheitlichen Lerngruppen bewegen, sei nicht einzuhalten.

Ohnehin müsse an jeder Schule individuell erarbeitet werden, wie die Vorgaben umgesetzt werden. So sei das Querlüften schwierig, weil viele Fenster nach Süden ausgerichtet und die Rollladen heruntergelassen seien. Strohmeyer habe also Keile gekauft, um die Türen offen zu halten, und setzt nun mehr Aufsichtskräfte ein, denn sämtliche Räume, auch die mit der Technik, blieben nun in den Pausen offen. Die fünften und sechsten Klassen würden die Pausen unter Aufsicht auf einem Spielplatz vor dem Schulgelände verbringen. Die elften und zwölften Klassen müssen das Schulgelände in den Pausen eigenständig verlassen.

Im Falle einer Corona-Infektion an ihrer Schule würde das Gesundheitsamt entscheiden, wie verfahren wird. Ob etwa eine Klasse oder die ganze Schule unter Quarantäne gestellt wird, erklärt Strohmeyer. Es gebe aber auch Fälle, für die sie den Verfahrensweg festgelegt hat. So habe sie für den Fall einer Erkältung im Kollegium und bei den Schülern entschieden, dass die Betroffenen damit zu Hause bleiben müssen: “Der Krankenstand wird dadurch natürlich hochgehen.”

Der Corona-Stundenplan in der Hinterhand

Weitere Maßnahmen, etwa Räume anzumieten oder Klassen zu teilen, kämen nicht infrage, dafür gebe es am Andreas-Gymnasium keine personellen Möglichkeiten. Die Schule habe allerdings schon vorgearbeitet für den Fall, dass es wieder zu zeitweisen Schließungen kommt: “Die stellvertretende Schulleiterin hat den Corona-Stundenplan fertig. Wir können nahtlos wieder ins Homeschooling gehen oder ausgewählte Klassen zweiteilen, sodass sie getrennt in die Schule kommen können. Wenn hier wieder zu ist, weiß jeder, was er zu tun hat. Da sind wir diesmal besser vorbereitet.”

Grund, sich zu ärgern, hat Birgit Strohmeyer dennoch: “Sehr wichtige Informationen von der Senatsverwaltung kamen viel zu spät.” Sie habe erst am Dienstagabend vor Schulstart den Handlungsleitfaden für das Schuljahr erhalten. Da hatte sie bereits viele und nun falsche Informationen an das Kollegium weitergegeben. Der neue Handlungsleitfaden sieht unter anderem geänderte Leistungsbewertungen vor, so gibt es etwa andere und auch weniger Oberstufenklausuren. Grund dafür seien die massiven Ausfallzeiten im vergangenen Schuljahr. “All diese Informationen kamen viel zu spät. Das ist einfach unverantwortlich.”

Zuversicht in Schleswig-Holstein: “Plan schafft Transparenz”

Doch nicht überall ist man unzufrieden. Auch in Schleswig-Holstein kamen die Schüler am Montag aus den Ferien zurück. Jan Henning Steuer, Schulleiter des Hans-Geiger-Gymnasiums in Kiel, zog am Nachmittag eine positive Bilanz des ersten Schultags. ”Wir hatten einen – gemessen an den Umständen – normalen Schultag”, sagte Steuer. Schüler und Lehrer hätten den Eindruck vermittelt, dass sie sich freuten, wieder gemeinsam in die Schule zu kommen. Eine Maskenpflicht gilt in Schleswig-Holstein nicht – wohl aber eine dringende Empfehlung, eine Maske zu tragen. Dem seien die allermeisten Schüler nachgekommen, berichtete Steuer.

Die Landesregierung in Schleswig-Holstein hat einen Plan herausgegeben, mit welchen Maßnahmen an den Schulen im Land auf Anstiege der Infektionszahlen im Landkreis oder Infektionen bei Schülern oder Lehrern reagiert werden soll. Steuer begrüßte das: “Der Plan schafft Transparenz. So wissen wir, was passiert, wenn sich die Situation verändert.” Außerdem zeige die Politik so ihren Willen, Präsenzunterricht wieder dauerhaft möglich zu machen.

Spannend, so Steuer, könnte es in einigen Wochen werden. Dann könnten die Schüler vermehrt die Regeln infrage stellen. “Dann müssen wir behutsam darauf hinwirken, dass das Konzept weiter eingehalten wird”, sagte Steuer. Das müsse aber mit gegenseitigem Verständnis und im Dialog passieren. Denn: “Die Situation ist für uns alle neu, und wir alle müssen uns erst daran gewöhnen.”

 

 

Von Juliane Schultz, Tammo Kohlwes/RND