Mittwoch , 28. Oktober 2020
Markus Söder (CSU) steht neben einem Baum im Hofgarten hinter der bayerischen Staatskanzlei. Nun reist er an die Nordsee. Quelle: Peter Kneffel/dpa

Die Macht der Bilder: Markus Söder will ins Watt

Es ist noch nicht allzu lange her, da posierte CSU-Chef Markus Söder mit Kanzlerin Angela Merkel vor märchenhafter Kulisse des Schlosses Herrenchiemsee. Nun reist er nach für zwei Tage an die Nordsee und will mit Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther durchs Watt wandern. Über politische Inszenierungen und die Macht der Bilder.

München. Markus Söder umarmt einen Baum. Markus Söder nimmt Schutzmasken in Empfang. Markus Söder präsentiert einen weiß-blauen Mundschutz. Er posiert mit Emmanuel Macron oder in einem Stollen tief im Inneren der Zugspitze. Oder zuletzt natürlich: Markus Söder und Angela Merkel auf einem Schiff auf dem Chiemsee, der See glitzert, die Alpen im Hintergrund. Und nachher auf Schloss Herrenchiemsee erst, die Kanzlerin und Bayerns Ministerpräsident im prunkvollen Spiegelsaal. Bayern aus dem Bilderbuch und in voller Pracht. Solche Fotos finden sich anschließend überall, online und in jeder Zeitung.

Man kann mit Gewissheit sagen: Keines dieser Fotos und dieser Motive ist zufällig entstanden. Polit-Profis, die meisten jedenfalls, legen seit jeher Wert auf eindrucksvolle Fotos und, ja, auch gewisse Selbstinszenierungen. Derartige Termine und Fotomotive werden oft minutiös geplant, auch die bayerische Staatskanzlei hat einen eigenen Fotografen. „Visuelle Inszenierungen sind nicht neu, das gibt es schon seit Jahrzehnten“, sagt Christian von Sikorski, Professor für Politische Psychologie an der Universität Koblenz-Landau. Und Söder beherrscht das Geschäft, in bayerisch-fränkischer Perfektion.

Die Fotos vom Chiemsee verteidigt er übrigens: „Wenn man eine Kanzlerin nach Bayern einlädt, dann präsentiert man sich von der Sonnenseite und zeigt, was der Freistaat zu bieten hat. Wenn Gäste kommen, holt man auch das gute Geschirr und Besteck heraus.“

Das „gute Geschirr“ holt am Donnerstag und Freitag nun auch Söders schleswig-holsteinischer Amtskollege Daniel Günther (CDU) heraus. Söder reist für zwei Tage an die Nordsee – und wird dort, auf eigenen Wunsch, Naturidylle pur erleben: Meer, Watt, Seehunde. Gemeinsam wollen die beiden Unions-Ministerpräsidenten durchs Wattenmeer wandern, begleitet voraussichtlich von einem großen Medien-Tross. Dabei darf man davon ausgehen, dass Söders Staatskanzlei bei solchen Terminen auch außerhalb Bayerns ein gewichtiges Wörtchen mitredet.

„Daniel Günther hatte mich eingeladen. Es ist ein freundschaftlicher Gedankenaustausch“, sagt Söder und nennt den Besuch „ökologisch ausgerichtet“. „Die Alpen und die Küste, die Berge und das Meer sind die natursensibelsten Regionen in Deutschland. Hier ist der Klimawandel schneller spürbar. Wir wollen auch ein Statement setzen, dass es für die Union wichtig ist, sich weiter um Natur- und Artenschutz zu kümmern.“ Hightech-Betriebe oder Forschungsprojekte, die sich zum Beispiel mit der Wasserstofftechnologie oder mit der Windenergie befassen, stehen dagegen nicht auf dem Besuchsprogramm.

Experte: Inszenierungen durch Social Media noch wichtiger geworden

Von Sikorski analysiert jedenfalls: „Man erzeugt mit solchen Terminen einen Publikationsdruck.“ Söder und Günther schafften es damit, in Medien zu kommen, auch in regionale. „Und an schöne Bilder und eindrückliche Fotos werden sich die Menschen noch länger erinnern.“

Und mit Social Media neuen Medienkanälen seien Inszenierungen noch einmal viel, viel wichtiger geworden. „Man weiß, dass Bilder und visuelle Eindrücke Wahlen entscheiden können. Denn wenn ein Politiker auf Fotos sympathisch wirkt oder Handlungsfähigkeit demonstriert, kann das einen Eindruck auf unentschlossene Wähler machen.“

Heißt übersetzt: Wenn Söder doch Kanzlerkandidat werden würde, könnten ihm solche Fotos an der Küste dort wohl zusätzliche Stimmen bringen? Söder betont freilich, sein Platz sei in Bayern. Der Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuter aber sieht als Grund für die Reise schon auch, dass Söder zeigen wolle, dass er sich eben auch in Norddeutschland bewegen könne und nicht nur in Bayern oder Berlin.

Von Sikorski warnt allerdings auch: „Grundsätzlich droht bei ganz starken Inszenierungen ein Bumerangeffekt. Es ist ein schmaler Grat, weil bestimmte Gruppen die Inszenierung als solche erkennen und ablehnen.“ Das gelte vor allem dann, wenn es nur noch um den inszenierten Moment an sich und nicht mehr um Inhalte gehe.

Auch Politologe Oberreuter betont, visuelle Inszenierungen seien in der Politik schon immer wichtig gewesen. Als Beispiele nennt er Gipfel-Inszenierungen, bildträchtige, berühmte Begegnungen wichtiger Staatsmänner, aber etwa auch den auf einem Pferd reitenden Wladimir Putin. „Bilder sollen auf das Publikum einwirken“, sagt Oberreuter. Und sich mit Fotos in Szene zu setzen, das habe Söder schon immer gekonnt. „Er spielt auf dieser Klaviatur mit großer Meisterschaft.“

Oberreuter konstatiert aber auch, dass Söder nicht nur schöne Bilder produziere, sondern dass dahinter eine erfolgreiche Politik stehe. In den vergangenen Monaten beispielsweise habe sich der 53-Jährige als ernsthafter Kümmerer und zupackender Krisenmanager profiliert.

Söder selber versucht, die Bedeutung von schönen Fotos und Bildern herunterzuspielen. „Natürlich gehört das dazu – aber ihre Bedeutung wird überschätzt“, sagt er – und argumentiert, wie Oberreuter auch: „Wenn der Inhalt nicht stimmt, bringt das beste Bild nichts.“

Grüne in Bayern sehen Söder-PR kritisch

Die Landtags-Opposition sieht die Söder-PR dennoch kritisch. „Markus Söder kennt nur den Superduperlativ und verkauft jede noch so kleine Maßnahme als bayerisches Weltwunder“, sagt Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann. Vor allem über die vielen Fotos lästert Hartmann: „Etwas weniger Platanenkuscheln und mal einen Gang zurückschalten bei der Überinszenierung von Banalitäten täten Markus Söder sicher gut.“

Dabei kann im Übrigen auch mal was schiefgehen mit Fotos und Bildterminen. Als Söder einst im eher mittelprächtig beleuchteten Eingangsbereich der Staatskanzlei ein Kruzifix aufhängte, war viel Blitzlicht nötig. Söder und das Kreuz warfen viele dunkle Schatten – die Bilder wirkten auf manche Betrachter eher etwas gespenstisch.

Im Watt dürfte derlei nicht passieren. Die Sonne soll scheinen an der Küste. Auch wenn Bayerns Staatskanzlei darauf keinen Einfluss hat.

RND/dpa