Mittwoch , 28. Oktober 2020
Für RND-Autor Matthias Koch wäre sie die ideale Wahl, um Vize-Präsidentin unter Joe Biden zu werden: Condoleezza Rice. Quelle: dpa/RND Montage Behrens

Vizepräsidentin Condoleezza Rice? Warum diese Kandidatin für Joe Biden eine gute Wahl wäre

Ist Condoleezza Rice nicht Republikanerin? Ja. Und war sie nicht Außenministerin bei George W. Bush? Ja. Aber genau deshalb wäre Rice eine ideale Ergänzung zu Demokrat Joe Biden. Denn Amerika braucht jetzt nichts dringender als eine große nationale Versöhnung, meint Matthias Koch.

Eine Frau soll es sein, das hat Joe Biden schon früh wissen lassen. Sehr viel mehr aber hat man nicht gehört über seinen Vorschlag fürs Amt des Vizepräsidenten der USA. Allerdings wird mit einer Nominierung schon sehr bald gerechnet.

Diesmal geht es um weit mehr als irgendeine Personalie. Schon wegen Bidens Alter von 77 Jahren hätte seine künftige Vizepräsidentin eine sehr starke Stellung in der Regierung; man würde sie vom ersten Tag an immer auch als Nachrückerin für den Fall des Falles sehen.

Es gibt bei den Demokraten viele respektable Frauen, die das Amt ausfüllen könnten. Kamala Harris, die charismatische und ehrgeizige Senatorin aus Kalifornien, ist wohl die chancenreichste. Susan Rice, die einstige Nationale Sicherheitsberaterin von Barack Obama, wäre ebenfalls eine gute Wahl. Jede Frau auf Bidens beeindruckender Liste bringt spezielle Erfahrungen mit und spezielle Qualitäten. Manche könnten wohl sogar nebenbei helfen, einen Swing State zu gewinnen, etwa die Kongressabgeordnete und frühere Polizeichefin Val Demings aus Florida und die Gouverneurin Gretchen Whitmer aus Michigan.

Heute ist die Zeit nicht nur reif für eine Frau

Keine würde Aufsehen erregen, nur weil sie eine Frau ist. So war es einst noch bei Geraldine Ferraro, die 1984 als erste weibliche Vizepräsidentschaftskandidatin in den Ring stieg, an der Seite des glücklosen Walter Mondale.

Heute ist die Zeit aber nicht nur reif für eine Frau. Es geht jetzt um sehr viel mehr. Biden will und muss das Miteinander in den tief gespaltenen USA wieder stärken. Die Risse, die sich durch die amerikanische Gesellschaft ziehen, verlaufen nicht nur zwischen Schwarz und Weiß. Hinzu kommt eine unheilvolle ideologische Spaltung des Landes. Ein Geniestreich Bidens läge deshalb darin, nicht nur den Schwarzen die Hand zu reichen, sondern zugleich dem vernünftigen Teil der Republikaner.

Aus der Sicht der Demokraten ist Rice in der falschen Partei

Dafür stünde Condoleezza Rice. Es ist nur so ein Gedanke. Ja, die Frau ist aus Sicht der Demokraten in der falschen Partei. Und ja, als Außenministerin unter George W. Bush stand sie für eine Linie, die man “tough” nennt. Aber sie entzieht sich längst jeder Art von kleinkarierter Kategorisierung. Vieles an ihr würde viele überraschen. Drei Beispiele:

Condoleezza Rice bringt philosophische Tiefe mit. “Ich liebe Hegel”, sagt die Stanford-Professorin. Zu ihren Lieblingsdenkern zählt James Madison, der Erfinder der Gewaltenteilung in den USA. Mit ihr käme keine Quotenfrau ins Weiße Haus, sondern eine Intellektuelle – die auch zur weltweiten Auseinandersetzung zwischen Demokratie und Autoritarismus einiges beizutragen hätte. Sie denkt quer. Kürzlich ließ sie in einer Diskussion des Aspen-Instituts aufmerken, als sie sagte, es sein “ein Problem der Linken”, dass sie immer schon wüssten, was Schwarze wollten und was für sie gut sei. Den Deutschen übrigens hat Condoleezza Rice schon einmal sehr geholfen – ohne dass die meisten dies hierzulande überhaupt mitbekommen hätten. Als Beraterin von George Bush senior und als russischsprachige US-Diplomatin bei den Vereinten Nationen befürwortete sie von der ersten Stunde an die Wiedervereinigung Deutschlands, entgegen den damaligen Vorbehalten in Paris und London. Die Geschichte von “Condi”, der hochbegabten Überfliegerin, die zwei Klassen übersprang und Konzertpianistin werden wollte, ist nur die halbe Geschichte. Die ersten Kapitel ihres Lebens spielen weit abseits des Elitären. Als 1963 weiße Rassisten vom Ku-Klux-Klan einen Bombenanschlag auf eine von Schwarzen besuchte Baptistenkirche in Birmingham verübten, starben vier kleine Mädchen – darunter eine Freundin von Condoleezza Rice.

Diese Frau könnte ihrem Land einmal mehr behilflich sein

Aufgewachsen ist Rice in einer nach Rassen getrennten Gegend in Alabama. Dort hätte damals niemand mit der Wimper gezuckt, wenn ein weißer Polizist einen Schwarzen getötet hatte. “Das wäre nicht mal als Fußnote in der örtlichen Zeitung erwähnt worden”, schrieb Rice im Juni in einem Aufsatz in der “Washington Post”.

Dieser Aufsatz war ein Zeichen von ihr: verräterisch und erfreulich zugleich. Diese Frau, spürten die Leser, könnte ihrem Land einmal mehr behilflich sein. In ihrem Aufsatz ist ausdrücklich von einem “Weg in Richtung Heilung” die Rede und davon, dass man mehr miteinander reden müsse, weniger übereinander. Das Ziel müsse es sein, die gegenwärtigen Ängste als “vereinte Amerikaner” zu überwinden.

Vereinte Amerikaner: Ein Ticket Biden/Rice könnte eine ungeheure Zugkraft entfalten. Es wäre ein Zeichen für ein neues, kooperatives Denken in den USA – das ausstrahlen könnte auf die gesamte westliche Welt.

Von Matthias Koch/RND