Samstag , 24. Oktober 2020
Kaum war die DDR verschwunden, wurde er in seiner Heimatregion umgehend wiederentdeckt: Friedrich Nietzsche. Quelle: RND

Friedrich Nietzsche: Ein Bürgerschreck kehrt zurück

120 Jahre nach seinem Tod ist Friedrich Nietzsche als “Krisendenker” en vogue – auch in seiner mitteldeutschen Heimat, wo er lange Zeit tabuisiert war. Selbst die Neuen Rechten berufen sich auf ihn. Dabei verachtete der Philosoph Deutschtümelei und Antisemitismus zutiefst.

Auch er ist wieder da. In der Region zwischen Leipzig und Weimar, wo Friedrich Nietzsche biografische Spuren hinterließ, wird der Philosoph heute wieder verehrt – 120 Jahre nach seinem Tod am 25. August 1900. Selbstverständlich ist das nicht, denn die DDR hatte Nietzsches Bücher in den Giftschrank verbannt und sich einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Philosophen, der “mit dem Hammer philosophierte” – so einer seiner Buchtitel –, verweigert.

In ostdeutschen Philosophenkreisen erzählte man sich eine Episode, die sich so oder so ähnlich in der “Götterdämmerungsphase” der DDR abgespielt haben soll: Ein greiser Mann, Professorentyp mit Bart, geriet beim Anblick einer in einem Ostberliner Schaufenster liegenden Faksimileausgabe von Nietzsches “Ecce homo” dermaßen in Rage, dass er seinen Krückstock schwingend in den Laden stürmte und den Verkäufer mit den Worten irritierte: “Nehmen Sie sofort diesen Faschisten aus dem Schaufenster!”

Auf dem Index, im Giftschrank, gelöscht

Was war geschehen? Wolfgang Harich, ein orthodox-marxistischer Philosoph, der sich selbst als Gralshüter der reinen Lehre verstand, sah im Verkauf der ersten in der DDR gedruckten Nietzsche-Ausgabe den Vorboten einer Nietzsche-Renaissance. Und der wollte er sich entgegenstellen, zur Not unter Zuhilfenahme des Stocks. Für den Greis waren Nietzsches Schriften, die ihn als jungen Mann tief beeindruckt hatten, eine “Riesenkloake”, gespeist aus den Eingeweiden des Faschismus. Es sei daher ein Gebot “geistiger Hygiene”, Nietzsches Schriften nicht zu verlegen, nicht zu interpretieren, nicht zu zitieren. “Ins Nichts mit ihm”, forderte Harich in einem Aufsatz. Nietzsche sollte bleiben, wo er im Osten Deutschlands 40 Jahre lang geschmort hatte – auf dem Index, im Giftschrank, gelöscht im Nebel des Vergessens. Selbst die Spuren von Nietzsches irdischem Dasein – ob in Röcken, Naumburg oder Weimar – waren dem Verfall preisgegeben. Nichts sollte an den “größten deutschen Schriftsteller unter den Denkern” erinnern, als den ihn Martin Walser bezeichnete.

Kaum war die DDR verschwunden, wurde Nietzsche in seiner Heimatregion umgehend wiederentdeckt. Mehr noch: Man baute ihm, der einst “Götzenanbetungen” verachtete, Denkmäler. Was den Philosophen wohl selbst überrascht hätte, schrieb er doch wenig Schmeichelhaftes über seine Heimatorte. In seiner Autobiografie “Ecce homo” nannte er “Naumburg, Schulpforta, Thüringen überhaupt, Leipzig” “verbotene Orte” und “Unglücksorte für meine Physiologie” – im Kontrast zu jenen Orten, an denen er sich wohlfühlte: das Schweizer Dorf Sils Maria, Nizza oder Genua.

Nietzsche ist gerade im Osten en vogue

Sein Geburtsort Röcken ehrt ihn dennoch mit einer bronzenen, weiß überstrichenen Figurengruppe im Garten des Pfarrhauses, geschaffen vom Bildhauer Klaus F. Messerschmidt. In Naumburg, wo Nietzsche den Großteil seiner Jugend verbrachte, sitzt er als vom Bildhauer Heinrich Apel geschaffenes Denkmal mit ausgestreckten Beinen auf einem Stuhl, sein Blick verliert sich im Nichts. Und in Weimar ist die Villa Silberblick, das einstige Nietzsche-Archiv, zum Museum und Ziel von Jüngern des Philosophen geworden; sein Nachlass ist Teil der Stiftung Weimarer Klassik.

Nietzsche, so scheint es, ist gerade im Osten en vogue. Einen “großen Nachholbedarf” macht Elmar Schenkel, Professor für Anglistik an der Universität Leipzig und Mitglied im Vorstand des Nietzsche Vereins Röcken, dafür verantwortlich. “Nietzsche hat immer dann Konjunktur, wenn große Systeme in die Krise geraten”, so Ralf Eichberg, Leiter des Nietzsche-Dokumentationszentrums in Naumburg. “Nietzsches Stunde schlug, als sich die Heilsversprechen des Sozialismus in Luft auflösten. Er ist jetzt angesagt, da die Heilsversprechen der sozialen Marktwirtschaft zu erodieren drohen. Er bereitet uns vor, ohne fest gefügte ideologische Leitlinien auszukommen”, sagt Eichberg. Aus eigenen Erfahrungen als junger Student erzählt der Philosoph, dass es auch in der DDR – trotz der offiziellen Tabuisierung – ein enormes Interesse an Nietzsche gab.

Modern wirkt Nietzsche auch heute noch, “weil er versucht, die Situation des Menschen in größter Nüchternheit in den Blick zu nehmen – den Menschen als ein Wesen, das sich weder auf Gott noch auf eine ewige Moral verlassen kann, sondern sich und seine Welt selbst erschaffen muss, mit allen Risiken und Nebenwirkungen”, erklärt der ausgewiesene Nietzsche-Kenner Prof. Andreas Urs Sommer von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Von einem “Nietzsche-Kult” in Deutschland würde der Schweizer aber nicht sprechen, weil “das Interesse in Übersee – insbesondere in Nord- und Südamerika, in China, in Korea und in Japan – erheblich größer ist als unter deutschen Akademikern”. Dass Nietzsche weltweit der “populärste Philosoph überhaupt” sei, glaubt Elmar Schenkel, “das zeigen unsere Briefe”, erklärte er im Interview mit der Zeitschrift “Forschung und Lehre”.

Nietzsches Gedanken können eine Art Rausch auslösen

Denn Nietzsches Gedanken können eine Art Rausch auslösen – und das macht ihn so anziehend, für Menschen jeglicher politischer Überzeugung. Seine Schriften, die sich keiner Systematik unterwerfen, sind wie ein unerschöpflicher philosophischer Steinbruch, aus dem sich jeder bedienen kann. Auch neurechte Ideologen, die geflissentlich ignorieren, dass Nietzsche Nationalismus, völkischen Chauvinismus, jede Form von Deutschtümelei und Antisemitismus abgrundtief verachtete. Dennoch wird ihm von Mitgliedern der Identitären Bewegung als Vordenker gehuldigt, neben Ernst Jünger und Carl Schmitt. “Nach Schopenhauer war Nietzsche für mich ein frühes prägendes Lektüreerlebnis … Von dem, was Nietzsche in der Genealogie der Moral über das Ressentiment schreibt, lässt sich eine direkte Linie zum Gutmenschentum ziehen, dem sich die AfD entgegenstellt”, äußerte Marc Jongen, einst Assistent des Philosophen Peter Sloterdijk, heute AfD-Chefideologe, in der “Zeit”.

Substanziell begründet ist das nicht, glaubt Prof. Sommer. Als anti-egalitaristischer, antidemokratischer Stichwortgeber taugt Nietzsche zwar stets als Bürgerschreck, “beruft man sich auf ihn, ist für öffentliche Aufmerksamkeit gesorgt”, so der Schweizer. “Weil er aber jeden Glauben an Definitives und Letztgültiges verweigert, müsste er strammen Parteifunktionären – egal ob marxistischen oder faschistischen – eigentlich ein Gräuel sein.”

Neue Bücher zum Thema: Sue Prideaux: “Ich bin Dynamit”. Deutsch von Thomas Pfeiffer u. a. Klett-Cotta. 560 Seiten, 26 Euro; Heinrich Meier: “Nietzsches Vermächtnis”. C. H. Beck. 351 Seiten, 28 Euro; Urs Andreas Sommer: “Nietzsche und die Folgen”. J. B. Metzler. E-Book 16,95 Euro.

Von Harald Stutte/RND