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Ein junger Demonstrant am Donnerstag vorm Kanzleramt – vorschriftsmäßig mit Maske. Quelle: imago images/Mike Schmidt

Corona-Krise und Klimakrise: Solidarität ist keine Einbahnstraße

Fridays for Future fordert angesichts der sich verschärfenden Klimakrise Rücksicht der Älteren ein. Wenn es darum geht, in der Corona-Krise selbst Rücksicht zu nehmen, verhalten sich nicht wenige Junge weniger sensibel. Das kann nicht sein, findet Markus Decker.

Die Szene ereignete sich schon zu Pfingsten in der Berliner U-Bahn. Und sie sprach für sich. Damals fuhren zwei Teenagerinnen relativ demonstrativ ohne Maske mit. Und als sie von einem Mitfahrenden darauf hingewiesen wurden, erwiderte eine der beiden: “Kümmern Sie sich doch um Ihr Leben!” Die Erwiderung war ebenso dreist wie dumm. Nicht zuletzt um sein Leben kümmerte sich der Mann ja gerade.

Nun lagen zwischen ihm und dem Mädchen augenscheinlich mehrere Lebensjahrzehnte. Gut möglich, dass es dem Älteren wegen dieses Unterschieds an Verständnis für die Äußerung der Jüngeren fehlte. Dennoch sorgen “diese jungen Leute” seit Beginn der Corona-Krise immer wieder mal für Verdruss.

Kein Anliegen so berechtigt

Denn einerseits ist in den vergangenen Jahren eine Jugend-Bewegung herangewachsen, deren Anführerin Greta Thunberg am Donnerstag völlig zu Recht und auf eigenen Wunsch hin von Kanzlerin Angela Merkel empfangen wurde. Auch wenn nicht zuletzt ältere Herren das oft nicht wahrhaben wollen: Es gibt wohl keine jugendliche Protestbewegung, deren Anliegen je so berechtigt war wie das von Fridays for Future.

Die Zeichen der Katastrophe stehen in diesem Sommer mal wieder unübersehbar an der Wand – die Hitze, der Mangel an Regen, die Brände, das Abschmelzen des Eises in Grönland. Mittlerweile wird ernsthaft diskutiert, wie lange unsere Wasserreserven noch reichen. Es geht um unsere gesamte industrielle Lebensweise. Ja, es geht um unsere Existenz.

Dabei fordert Fridays for Future die Solidarität der Älteren ein. Die Bewegung hat das Interesse und die Moral auf ihrer Seite. Und sie könnte von der Corona-Krise profitieren – weil die CO₂-Emissionen womöglich dauerhaft sinken und die Lage zeigt, wie entschlossen Krisenbewältigung sein kann.

Die jungen Corona-Party-Macher sind wohl eher nicht dieselben, die gegen die Verursacher des Klimawandels protestieren. Auch gibt es viele unbelehrbare Nichtmaskenträger mittleren Alters, die ihre Ignoranz zur Schau tragen. Trotzdem steht das teilweise rücksichtslose Verhalten nicht weniger junger Leute in der Corona-Krise in einem klaren Gegensatz zu jugendlichen Solidaritätsappellen in der Klimakrise.

Viele Neuinfizierte jung

Dafür gibt es neben der Alltagserfahrung auch empirische Belege. So lag das Durchschnittsalter der Neuinfizierten bei uns zuletzt bei 34 Jahren – Anfang April waren es noch 52 Jahre. Und der österreichische Gesundheitsminister Rudi Anschober (Grüne) twitterte soeben: “In den letzten 8 Tagen wurden 262 Reiserückkehrer aus Kroatien positiv getestet. Durchschnittsalter 23,5 Jahre! Mehr als zwei Drittel Männer.” Er mahnte: “Reißt euch zusammen und übernehmt auch Verantwortung!”

Als der U-Bahnfahrer seinerzeit der Teenagerin begegnete, war er so perplex, dass er nicht wusste, was er antworten sollte. Dabei lag die Antwort auf der Hand: “Solidarität ist keine Einbahnstraße.”

RND

 

 

Von Markus Decker/RND