Donnerstag , 6. Oktober 2022
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Callcenter-Beschäftigte verdienen schlecht: Die Gehälter liegen weit unter dem bundesweiten Durchschnitt aller Branchen. Quelle: Daniel Reinhardt/dpa

Zwei von drei Callcenter-Mitarbeitern verdienen Niedriglohn

Im ersten Quartal dieses Jahres sind die ohnehin niedrigen Löhne nochmals gesunken. Der Linken-Bundestagsabgeordnete Pascal Meiser fordert die Bundesregierung auf, gegenzusteuern.

Berlin. Die Gehälter von Mitarbeitern in Callcentern liegen weit unter dem bundesweiten Durchschnitt aller Branchen. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage des Bundestagsabgeordneten Pascal Meiser (Die Linke) hervor. Sie liegt dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) exklusiv vor.

So ist das mittlere Bruttomonatsgehalt von Callcenter-Beschäftigen in Vollzeit zwar zwischen 2009 und 2019 um 24,6 Prozent auf 2.049 Euro gestiegen. Im Vergleich zum mittleren Gehalt in der gesamten Wirtschaft, das im gleichen Zeitraum um 27,2 Prozent auf 3.401 Euro wuchs, fiel der Zuwachs aber deutlich geringer aus.

Das mittlere Einkommen, der Median, ist ein statistischer Wert, der robuster gegenüber Ausreißern ist als der Durchschnittswert. Das Medienentgelt bezeichnet jenes Einkommen, bei dem es genauso viele Menschen mit einem höheren wie mit einem niedrigeren Lohn gibt. Würde man alle Einkommensbezieher nach der Höhe ihres Verdienstes sortieren und dann zwei gleich große Gruppen bilden, würde die Person, die genau in der Mitte dieser Verteilung steht, den Medianlohn beziehen.

Anfang des Jahres sank der Durchschnittslohn

Der Durchschnittslohn eines Callcenter-Beschäftigten in Vollzeit ist in den ersten drei Monaten dieses Jahres sogar gesunken: Er fiel im Vergleich zum Vorjahr um 2,7 Prozent auf 2.467 Euro brutto. Der durchschnittliche Monatsverdienst von geringfügig Beschäftigten in Callcentern sank sogar noch stärker um 16,7 Prozent, von 383 auf 319 Euro.

In der Branche erhielten Ende vergangenen Jahres 43.000 Vollzeitbeschäftigte oder 61,7 Prozent einen Niedriglohn nach Definition der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Damit liegt der Niedriglohnanteil mehr als dreimal so hoch wie in der gesamten Wirtschaft (18,8 Prozent).

Laut der Regierungsantwort, die sich auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit und des Statistischen Bundesamtes beruft, gab es im Dezember 2019 rund 1600 Callcenter-Betriebe in Deutschland mit insgesamt mehr als 70.000 Vollzeit-Mitarbeitern. Das entspricht einem Plus von fast 25 Prozent in zehn Jahren.

In Hessen (2.588 Euro), Hamburg (2.355 Euro) und Bayern (2.350 Euro) war das durchschnittliche Monatsgehalt von Callcenter-Mitarbeitern in Vollzeit Ende 2019 am höchsten. In Sachsen (1.837 Euro), Bremen (1.886 Euro) und Schleswig-Holstein (1.905 Euro) erhielt der Callcenter-Beschäftigte ein besonders niedriges Gehalt.

Linke: Onlinehandel verstärkt Entwicklung

“Callcenter spielen in unserer Wirtschaft eine immer wichtigere Rolle, sei es im Kundenservice oder im Vertrieb”, sagte Pascal Meiser, der Sprecher für Gewerkschaftspolitik seiner Fraktion ist, dem RND. “Der Boom des Onlinehandels wird diese Entwicklung absehbar weiter verstärken.” Umso skandalöser sei, dass die in den Callcentern entstehenden Jobs immer stärker von der allgemeinen Lohnentwicklung abgehängt werden.

“Die Bundesregierung muss sich den Problemen dieser Branche endlich ernsthaft annehmen und dafür sorgen, dass in der Branche anständige Löhne gezahlt werden”, so Linken-Politiker Meiser weiter. Ein erster Schritt wäre aus seiner Sicht ein Mindestlohn von mindestens zwölf Euro in der Stunde und ein vollständiges Verbot sachgrundloser Befristungen, die aktuell vielerorts dazu führten, dass die Beschäftigten davor zurückschrecken, sich gewerkschaftlich zu organisieren und für Tarifverträge zu kämpfen.

Nach einer Umfrage der Gewerkschaft “ver.di” unter Callcenter-Mitarbeitern sagen über 60 Prozent der Befragten, dass ihr Einkommen nicht ausreicht. Über 50 Prozent von ihnen brauchen einen Zweitjob zum Leben und 23 Prozent beziehen gar ergänzend Hartz IV-Leistungen. Bei fast allen Dienstleistern würden keine Tarifverträge existieren. Deshalb fordert “ver.di” zunächst Mindestlöhne und arbeite zugleich perspektivisch an der Realisierung von Tarifverträgen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es in der Überschrift: “Zwei von drei Callcenter-Mitarbeitern verdienen Mindestlohn. Korrekt ist: Sie verdienen Niedriglohn. Wir haben dies korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.

 

 

Von Marcus Pfeiffer/RND