Mittwoch , 28. September 2022
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Alexej Nawalny, Oppositionsführer aus Russland, spricht bei einem Protest in Moskau. Quelle: Pavel Golovkin/AP/dpa

Kreml findet Rückschlüsse der Charité im Fall Nawalny “vorschnell”

Die russische Regierung will keine schnellen Schlüsse im Fall des mutmaßlich vergifteten Nawalnys zulassen. Immerhin seien die Erkenntnisse der russischen Ärzte nach ihren ersten Untersuchungen keine anderen als die der deutschen Kollegen - nur sei die Schlussfolgerung eine andere.

Moskau. Die russische Regierung hat die Einschätzung der Berliner Charité, dass der Regierungskritiker Alexej Nawalny vermutlich vergiftet wurde, als vorschnell bezeichnet. “Wir verstehen nicht, warum es unsere deutschen Kollegen so eilig haben, das Wort “Vergiftung” zu verwenden”, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Dienstag in Moskau der Agentur Interfax zufolge. “Diese Version war eine der ersten, die unsere Ärzte in Betracht gezogen haben.” Um welche Substanz es sich handele, sei aber noch unklar, sagte Peskow.

Der Oppositionelle wird seit Samstag an der Berliner Klinik behandelt. Ärzte gehen nach einer Auswertung von klinischen Befunden davon aus, dass Nawalny vergiftet wurde. Der Regierungskritiker liegt bereits seit Donnerstag im Koma. Zunächst wurde er in einem Krankenhaus in Sibirien versorgt, dann kam er auf Drängen seiner Familie und seines Teams mit einem Spezialflugzeug nach Deutschland.

Sprecher: Haben nichts Neues von der Charité erfahren

Nach Angaben der Charité deuten die ersten Untersuchungen auf eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer hin, die bei Nawalny gefunden wurde. Laut Charité wurde die Wirkung des Giftstoffes mehrfach in unabhängigen Laboren nachgewiesen. Um welche Substanz es sich handelt, war zunächst unklar.

Nach Angaben von Peskow "stimmt die medizinische Analyse der deutschen Ärzte absolut mit unserer überein, aber die Schlussfolgerungen sind unterschiedlich". Mit Blick auf die Mitteilung der Charité vom Vortag sagte Peskow: "Wir haben nichts Neues erfahren." Russische Ärzte seien aber bereit, Proben der ersten Analyse den Ärzten in Berlin zur Verfügung zu stellen.

Vergiftung durch Medikamenteneinnahme?

Es gebe viele Gründe, weshalb ein Cholinesterase-Wert sinken könne, sagte der Kremlsprecher. Eine Möglichkeit sie die Einnahme von Medikamenten. "Weder unsere noch die deutschen Ärzte konnten diesen Grund bisher feststellen."

Cholinesterasen sind körpereigene Enzyme, sie sind im Stoffwechsel unverzichtbar für den Abbau bestimmter Stoffe, insbesondere des Botenstoffs Acetylcholin im Gehirn. Sogenannte Cholinesterase-Hemmer blockieren dieses Enzym.

Die genauen Umstände des Falls sind noch unklar. Nawalny gehört zu den schärfsten Kritikern von Kremlchef Wladimir Putin. Auf den 44-Jährigen wurden schon mehrere Anschläge verübt.

Frankreich spricht von “kriminellem Akt”

Frankreich verurteilte die mutmaßliche Vergiftung Nawalnys indes als “kriminellen Akt”. “Frankreich drückt seine tiefe Besorgnis über diesen kriminellen Akt aus, der gegen einen wichtigen Akteur des russischen politischen Lebens verübt wurde”, hieß es am Dienstag aus dem Außenministerium in Paris. “Die für diese Tat Verantwortlichen müssen ermittelt und vor Gericht gestellt werden.”

Es sei nun von wesentlicher Bedeutung, dass die russischen Behörden eine rasche und transparente Untersuchung durchführten, die es ermögliche, die Umstände festzustellen, unter denen diese Tat begangen worden sei. Frankreich wünschte Nawalny außerdem eine baldige Genesung und bekräftigte seine Bereitschaft, ihn und seine Familie zu unterstützen.

Maas fordert erneut vollständige Aufklärung von Russland

Außenminister Heiko Maas (SPD) forderte Russland erneut dazu auf, den Fall “in voller Transparenz” aufzuklären. “Das ist ein schwerwiegender Vorgang, auch aufgrund der Bedeutung, die Herr Nawalny hat für die russische Opposition. Deshalb ist es für uns unabdingbar, dass alles getan wird, um die Vorgänge aufzuklären und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen”, sagte er am Dienstag in Athen.

Maas betonte, auch Moskau müsse ein Interesse an der Aufklärung haben. “Aufgrund der Ereignisse, die wir hier erleben mussten, mit dem Tiergarten-Mord und dem Bundestags-Hack täte Russland gut daran, deutlich zu machen, dass man aus Geschehenem gelernt hat”, sagte er. Wenn Russland ein Interesse an guten Beziehungen habe, zu Deutschland aber auch zur Europäischen Union, könne das Land jetzt einen guten Beitrag dazu leisten.

RND/dpa