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Trump, Trump, Trump: Ungefähr so lässt sich das Wahlprogramm der US-Republikaner zusammenfassen. Quelle: Nati Harnik/AP/dpa

Die Republikaner: Durch und durch trumpifiziert

Die US-Republikaner waren einst eine stolze, selbstbewusste Partei. Doch seit dem Wahlerfolg von Donald Trump findet keine Debatte mehr über die Zukunft der Partei oder des Landes statt. Die “Grand Old Party” setzt alles auf eine Karte – eine riskante Strategie.

Liebe Leserinnen und Leser,

schön, dass Sie sich die Zeit nehmen für unseren wöchentlichen Newsletter “Die Schicksalswahl – der Kampf ums Weiße Haus”. Heute werfen wir einen genaueren Blick in die Republikanische Partei und leuchten deren sonderbares Verhältnis zu Donald Trump aus. Was treibt die Republikaner dazu, den umstrittensten Präsidenten der US-Geschichte zu stützen? Was erhofft sich die “Grand Old Party” von einem abermaligen Wahlsieg Trumps – und wie aussichtsreich sind ihre Hoffnungen angesichts wachsender Zweifel am Trump’schen Krisenmanagement?

Erste Antworten auf diese Fragen bietet der noch bis Donnerstag andauernde Parteitag der US-Republikaner. In Charlotte haben am Montag die – zuvor auf Fieber getesteten – 336 Delegierte Trump offiziell zu ihrem Kandidaten für die Präsidentschaftswahl am 3. November nominiert, stellvertretend für alle 2550 Delegierten der Partei. Ein einstimmiges Votum. Frei von jeglicher Selbstkritik.

Lieber überbieten sich die Rednerinnen und Redner in Lobpreisungen für Trumps angeblich famoses Krisenmanagement – und ergehen sich in düstersten Warnungen vor dem Untergang Amerikas unter Führung der US-Demokraten. Zu erleben ist eine durch und durch trumpifizierte Partei.

Von heute an verlagert sich der physisch gestartete Parteitag auf die Bildschirme. In der vergangenen Woche setzten die US-Demokraten bei der Kür von Joe Biden zu ihrem Kandidaten Maßstäbe in der noch jungen Disziplin virtuell abgehaltener Parteitage. Es wird spannend sein, zu sehen, ob die Politinszenierung der Republikaner der Professionalität der Demokraten standhalten kann oder diese gar übertreffen wird.

Die Ansprüche sind jedenfalls hoch: Der Showman Trump will aus dem Parteitag ein TV-Ereignis machen. Dafür haben Trumps Wahlkampfstrategen sogar zwei Produzenten der Reality-TV-Show “The Apprentice” verpflichtet – also die Macher jenes Krawallformats, das einst Trumps Image als Macher und Mogul begründete.

Die Hauptrolle in der Republikaner-Show spielt selbstverständlich Trump selbst. Abend für Abend. Auch heute, morgen und übermorgen wird der Präsident zur Primetime das Wort haben. Für die übrigen Redner sind lediglich Statistenrollen vorgesehen. Ihnen fällt die Aufgabe zu, Trump in strahlendem Licht erscheinen zu lassen – 176.000 Corona-Toten und 30 Millionen Arbeitslosen zum Trotz.

Zu sehen und zu hören sind Trumps loyalste Unterstützer – darunter auffallend viel Familie: Ehefrau Melania Trump, die Töchter Ivanka und Tiffany Trump, die Söhne Eric und Donald Trump Jr. sowie dessen Freundin Kimberly Guilfoyle. Die im Ton sehr laute, im Inhalt apokalyptische Rede der einstigen Fox-Moderatorin Guilfoyle hätte gute Chancen auf die Auszeichnung “bizarrster Moment des Konvents”. Jedenfalls bisher.

Die Partei ist in den Schatten der Dynastie geraten, als die Trump seine Familie ausgibt. Wie es tatsächlich um den Frieden bei den Trumps bestellt ist, erfahren Sie im Familienporträt unseres US-Korrespondenten Karl Doemens.

Was ist bloß los mit den einst so stolzen, selbstbewussten Republikanern? Corona, Armut, fortwährende Polizeigewalt gegen Schwarze: Amerika steckt in einer multiplen Jahrhundertkrise, doch aus dem Kreis der Konservativen sind weder Köpfe noch Konzepte zu vernehmen, die das Land wieder aufrichten könnten.

Gewiss ist die Partei nicht tot. Einzelne Strömungen geben durchaus noch Lebenszeichen von sich. Da sind etwa die ultralibertären Tea-Party-Veteranen um Ted Cruz und Rand Paul, die der Zentralregierung in Washington den Geldhahn am liebsten ganz zudrehen würden. Ihr Mantra: Steuern runter. Ihnen steht der reformorientierte Flügel um Marco Rubio, Tom Cotton oder auch Mitt Romney gegenüber, der das Politikangebot der Republikaner von den Wohlhabenden weg, hin zu den Arbeitern, den “blue-collar workers” lenken möchten.

Und dennoch: Ein Austausch, eine Debatte um den Charakter und die Zukunft der Partei findet seit 2016 nicht mehr statt. Um konkrete Politik geht es auch auf dem Parteitag der Republikaner nicht. Zu groß ist die Furcht der Senatoren, Gouverneure und Kongressabgeordneten davor, mit klaren Standpunkten in der Gunst des Präsidenten und in der Folge auch in der Gunst seiner ressentimentgetriebenen Basis zu sinken. Also erdulden sie Trumps Inkompetenz bei der Bewältigung der Pandemie und ihrer wirtschaftlichen Folgen und nehmen sein rassistisches, frauenverachtendes Auftreten kritiklos hin.

Trump hat sich die Partei zum Untertan gemacht – ganz ohne Zwang und Gewalt. In willfährigem Opportunismus haben sich die Republikaner in den zurückliegenden Jahren dem Präsidenten ergeben. Männer, die 2016 vor Trump warnten, daraufhin wüst von ihm beleidigt wurden und klein beigaben, zählen heute zu dessen treuesten Verteidigern. Warum? Weil sich Loyalität gegenüber Trump offenbar auszahlt. Weil sie Macht verschafft.

Zwei prominente Beispiele: Der damalige texanische Gouverneur Rick Perry nannte Trump ein “Krebsgeschwür des Konservatismus”. Heute ist Perry Trumps Energieminister. Lindsey Graham, Senator für Kentucky, warnte 2016 seine Parteikollegen vor der Nominierung Trumps – “andernfalls werden wir zu Recht zerstört werden”. Schon bald aber wurde Graham Trumps treuester Unterstützer im Kongress – und Vorsitzender des mächtigen, für Trump potenziell gefährlichen Justizausschusses im Senat.

Für derlei plötzliche Sinneswandel hat Stuart Stevens, einstiger PR-Stratege der Republikaner, kürzlich eine buchlange Erklärung vorgelegt. “It was all a lie”, heißt sein lesenswertes Werk über die republikanische Partei, alles gelogen. Darin wirft Stevens seinen Parteifreunden Verrat vor. Unter Trump seien die Republikaner nichts weiter als ein auf Macht versessener Haufen, ohne Werte und Prinzipien. Leitlinien republikanischer Politik – freier Welthandel, fiskalische Disziplin, internationale Allianzen unter amerikanischer Führung – hätten sie bereitwillig dem Trump’schen Populismus geopfert. “Feigheit ist die Haupteigenschaft der gegenwärtigen republikanischen Partei”, lautet Stevens’ Urteil.

Auch er hat sich der Initiative The Lincoln Project angeschlossen, einem Bündnis enttäuschter Republikaner, die zur Abwahl Trumps aufrufen. Die Gruppe ist medial stark präsent, in der Partei bislang aber nur eine Randerscheinung. Kritik an Trump äußern zurzeit nur Republikaner, die nichts mehr zu gewinnen haben. Darunter Has-beens aus dem Umfeld des früheren Präsidenten George W. Bush. In der Partei aber geben jetzt die Trump-Loyalisten den Ton an. Noch überwiegt in dieser sehr weißen, sehr männlichen Partei die Hoffnung, dass Trump abermals das weiße Amerika mobilisieren und mit seinem Wahlsieg die Macht und Privilegien der Republikaner erhalten kann.

Und was, wenn nicht?

Dann werden sich Amerikas Konservative wohl beeilen zu versichern, dass sie ja eigentlich nie so richtig hinter Trump standen. Dass sie bloß halfen, Schlimmeres zu verhindern. Dann folgt eben die Wende auf die Wende. Aber wohin? Nach vier Jahren Trump ist die Partei ideell und personell entkernt. Dabei ist Amerika jetzt mehr denn je auf einen konstruktiven Wettbewerb der Ideen angewiesen.

Zahlen vor den Wahlen: Joe Biden punktet

Der virtuelle Parteitag der US-Demokraten hat ihrem Kandidaten für das Präsidentschaftsamt, Joe Biden, steigende Zustimmungswerte beschert. Einer Umfrage im Auftrag des TV-Senders ABC News zufolge haben inzwischen 45 Prozent der Amerikaner ein ausdrücklich positives Bild von Biden – vor dem Konvent lag der Wert noch bei 40 Prozent. Präsident Trump kommt auf einen Zustimmungswert von 32 Prozent.

Inzwischen halten 86 Prozent der Anhänger der Demokraten Biden für eine gute Wahl – vor dem Parteitag waren es noch 79 Prozent. Besonders beliebt ist der frühere Vize von Präsident Barack Obama unter Afroamerikanern: 69 Prozent äußern sich mit ihm zufrieden. Bei Hispanics liegt der Wert bei 52 Prozent und bei Weißen nur bei 39 Prozent. Biden hatte sich auf dem Parteitag der Demokraten als Heiler und Versöhner einer gespaltenen, verletzten Nation präsentiert.

Unsere Leseempfehlungen

Republikaner-Parteitag – eine Apokalypse namens Biden: In den düstersten Farben malen die Republikaner bei ihrem Parteitag die Gefahr eines Wahlsiegs von “Kommunisten” und “Kriminellen” aus. Die tatsächlichen Probleme des Landes inmitten der Corona-Krise kommen nicht zur Sprache. Dennoch könnte die Veranstaltung bei den Hardcorefans von Präsident Donald Trump verfangen.

Steve Bannon, der Mauerprofiteur: Doppelmoral nach Art des Weißen Hauses: Er war der Chefideologe Trumps und verhalf ihm mit seinen Parolen zum Wahlsieg. Jetzt wurde Steve Bannon festgenommen. Er soll sich mindestens eine Million Dollar an privaten Spenden für die Trump-Mauer zu Mexiko zugespielt haben. Auf geradezu exemplarische Weise führt der Fall die verlogene Doppelmoral der vermeintlichen Law-and-Order-Truppe im Weißen Haus vor – ein Kommentar.

Mit Umfragen haben Beobachter und Politiker 2016 keine guten Erfahrungen gemacht. Zu fehleranfällig war die Demoskopie, zu kompliziert das amerikanische Wahlrecht, zu siegessicher daraufhin die demokratische Partei. RND blickt deshalb genauer auf die aktuellen Umfragen – und berücksichtigt dabei auch das Wahlmännersystem und die besondere Rolle der “Swing States”. Wer nach dieser Betrachtung im Rennen ums Weiße Haus führt? Aktuelle Daten und Infografiken finden Sie hier.

Zitate der WocheWhat’s next? Termine bis zur Wahl

Bis zum 27. August: Wahlparteitag der Republikaner in Charlotte, North Carolina – weitgehend virtuell. Trump wird am Donnerstag im Weißen Haus seine Rede zur Annahme der Wahl halten.

28. August: Die Black-Lives-Matter-Bewegung plant einen “Marsch auf Washington”.

29. September: erste große Fernsehdebatte zwischen Trump und Biden.

Wir hoffen, dass Sie unserem Newsletter zur US-Wahl die eine oder andere neue Erkenntnis abgewinnen konnten. Stay tuned, wie die Amerikaner sagen.

Ihre Marina Kormbaki

PS: Alle Infos zur US-Wahl finden Sie jederzeit auf unserer Themenseite.

Von Marina Kormbaki/RND