DFL-Chef Christian Seifert fühlt sich nicht als Gewinner der Corona-Pandemie.

DFL-Chef Seifert kritisiert Corona-Krisenmanagement der Bundesregierung

Vor einem Jahr nahm die Bundesliga wieder ihren Spielbetrieb auf. Damals war Deutschland Vorreiter, heute sind die Stadien noch immer leer. DFL-Chef Christian Seifert macht dafür auch die Politik verantwortlich.

Der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL), Christian Seifert, hat eine politische Aufarbeitung des Corona-Krisenmanagements von der Bundesregierung gefordert und die Spielmöglichkeiten der Bundesliga als Gradmesser für die Qualität der Pandemiebekämpfung beschrieben. „Würde man die Bundesliga als Gradmesser dafür heranziehen, wie wir durch diese Krise gekommen sind, könnte man also sagen, dass zwischen dem Restart und der möglichen Wiederzulassung von Zuschauern einiges offenbar nicht so gelaufen ist, wie es hätte laufen können“, sagt Seifert dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

„Als wir am 16. Mai 2020 erstmals wieder gespielt haben, waren wir die erste große Profiliga der Welt, die starten durfte. Der Restart war damals – auch in der weltweiten Wahrnehmung – ein Gradmesser dafür, dass Deutschland diese Krise bis dahin besser gemeistert hatte als andere“, erklärt der DFL-Chef. Ein Jahr später seien andere schon deutlich weiter, wenn es darum gehe, wieder Zuschauer zulassen zu dürfen.

„In einer solch beispiellosen Krise kann man nicht alles richtig machen. Aber ich hoffe dennoch, dass die Politik kritikfähig genug ist zu erkennen, wo Fehler gemacht wurden und wo Deutschland Aufholbedarf hat“, meint Seifert weiter. Es gehöre Größe dazu, das einzugestehen. Seiferts Kritik zielt vor allem auf die Impfstoffbeschaffung: „Wenn ich insbesondere daran denke, dass man der EU-Kommission, die weder das Personal noch die Infrastruktur dazu hat, in dieser lebensgefährdenden Situation die Impfstoffbestellung für knapp 450 Millionen Europäer an die Hand gegeben hat, sollte das schon irgendwann erklärt werden.“

Das habe einen großen Schaden angerichtet, kritisiert der DFL-Chef. „Man hätte das zum Beispiel auch dem deutschen Gesundheitsminister zusammen mit einigen seiner europäischen Kollegen überlassen können, die das mit Unterstützung von exzellenten Industrieexperten solidarisch für die EU koordiniert hätten“, konstatiert Seifert rückblickend. Er freue sich, dass Deutschland jetzt auf dem Weg sei zu öffnen. „Aber man sollte bei aller Freude nicht versäumen, den Prozess dahin noch einmal aufzuarbeiten. Dann kann aus dieser Krise wenigstens noch etwas Positives entstehen.“

Seifert: „Fühle mich nicht als Gewinner“

Dass der heimische Profifußball als Profiteur der Pandemie gilt, will Seifert nicht stehen lassen: „Ich fühle mich überhaupt nicht als Gewinner in einer pandemischen Situation, die bereits Zehntausende Menschenleben gekostet hat. Einige Effekte werden uns wirtschaftlich und viele Menschen auch psychisch noch lange beschäftigen.“ Er sei aber stolz, dass die DFL eine Vorreiterrolle eingenommen habe und andere Branchen sich an ihren Konzepten orientiert hätten. Trotzdem: „Natürlich haben wir auch Fehler gemacht. Jeden Tag.“

Grundsätzlich habe die Pandemie auch den Fußball hart getroffen. Die Bundesliga werde in Relation zur letzten Saison vor der Pandemie etwa ein Viertel weniger Umsatz machen. Das liege nicht nur an leeren Stadien. „Im breiten Feld ist der Transfermarkt nahezu kollabiert“, erklärt Seifert dem RND. Trotz finanzieller Einbußen sei die umstrittene Super League in Deutschland nie ein Thema gewesen. Und sie werde es auch weiter nicht sein. „Insbesondere einige italienische und spanische Topklubs werden weiter damit liebäugeln, da das fast schon epochale Missmanagement dort zu katastrophalen finanziellen Situationen geführt hat, die wohl nur durch so eine einmalige Geldschwemme zu beheben wären“, meint der DFL-Chef.

Kritikern der Fußball-WM in Katar wirft Seifert dagegen „Doppelmoral“ vor. „Man sollte Verbesserungen für die Menschen vor Ort im Sinn haben und nicht in einer bequemen Doppelmoral enden.“ Und weiter: „Wenn Deutschland als bedeutende Exportnation nur noch mit Ländern kooperieren würde, die exakt unser Werte- und Rechtssystem haben, wäre das schwierig für den Wirtschaftsstandort und mit Blick auf Arbeitsplätze hierzulande – und den Betroffenen in den entsprechenden Ländern wäre nicht geholfen“, erklärt Seifert. Er betont, Menschenrechte seien ein fundamentales Thema – und es sei wichtig, dass sich zum Beispiel auch die Nationalspieler dazu klar positioniert hätten. „Gleichzeitig berichten Menschenrechtsorganisationen über belegbare Fortschritte in diesem Bereich und lehnen einen Boykott daher ab.“

Von Heiko Ostendorp, Sebastian Harfst/RND