Dienstag , 21. September 2021
Der Rest ist Party: Kira Walkenhorst (links) und Laura Ludwig feiern bei den Spielen von Rio. Quelle: Sebastian Kahnert/zb/dpa

Mein unvergesslicher Goldmoment

Die Olympischen Spiele von Tokio gehen endlich los. RND-Expertin Kira Walkenhorst schreibt hier über olympische Momente an der Copacabana. Und das bange Warten des deutschen Teams auf die erste Medaille.

Als Athletin vor einer entscheidenden Situation zu viel zu grübeln – ein Fehler, der eigentlich nicht passieren sollte. Das kann lähmen. Doch beim Stand von 20:14 musste ich das erste Mal darüber nachdenken, dass meine Partnerin Laura Ludwig und ich bei einem weiteren Punkt Olympiasiegerinnen wären.

Wenige Sekunden später waren wir es: Der Aufschlag von Barbara Seixas im Beachvolleyballfinale 2016 in Rio landete im Aus, wir hatten als erste Europäerinnen die Goldmedaille bei den Frauen gewonnen. In Brasilien gegen zwei Brasilianerinnen.

Der Rest war pure Freude. Den Moment, als ich im Sand auf die Knie sank, die Gänsehaut am ganzen Körper bei der Nationalhymne mit dem Überreichen der Medaille, das alles werde ich nicht vergessen. Schon direkt nach der Dopingprobe gab es den ersten von vielen Caipirinhas in dieser Nacht. Meiner Frau schrieb ich völlig aus dem Häuschen eine Nachricht, mit meinem Vater telefonierte ich.

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Ich bin mit einem Dauergrinsen durch die Gegend gelaufen, und alles lief wie ein Film ab. So eine Goldmedaille ist nicht planbar, auch wenn sich das viele wünschen. Laura und ich sind mit großen Erwartungen ins Flugzeug gestiegen. Edelmetall war unser Ziel.

Auch der Verband hofft auf gute Ergebnisse. Es geht um die Repräsentation unseres Landes. Als Athletin versuchst du, diesen Druck der Öffentlichkeit auszublenden. So habe ich es gemacht – wenig Zeitung oder Onlineartikel lesen. Sich nur auf sich und den Wettkampf fokussieren, keine anderen Sportstätten besuchen. Klar ist: Gibt es in den ersten Tagen keine Medaille, steigt die Unruhe bei allen Beteiligten. Es gibt schließlich nur alle vier Jahre die Möglichkeit, sich und das Land mit seinen Leistungen auf so einer Weltbühne präsentieren zu können.

Klappt es mit einer Medaille, ist das ein unglaublicher Moment. Er entschädigt für so viel Arbeit, die jede Sportlerin und jeder Sportler jahrelang investiert hat. Er entschädigt für den Verzicht: keine ausufernden Geburtstagsfeiern, Termine verschieben, um lieber für das größte Event im Sport zu trainieren. Wenn dir die Goldmedaille um den Hals gehängt wird, sind die ganzen Strapazen vergessen – dann kann richtig gefeiert werden. Dadurch, dass unser Finale erst nach Mitternacht beendet war, ging es bei uns erst spät los. Wir hatten damals eine Dachterrasse auf einem Hotel gebucht. Laura und ich waren erst gegen 3 Uhr morgens dort.

Mit Freunden feierten wir, bis es hell wurde, sprangen in den Pool, gingen später noch im Meer baden. Ins Bett ging ich erst um 8 Uhr. Ich wunderte mich, dass ich überhaupt so lange durchhielt. Mein Plan am Finaltag war eigentlich, so lange wie möglich zu schlafen, doch wegen der Aufregung war um 7 Uhr morgens Schluss. Bis zum Finale waren es dann noch vierzehn oder fünfzehn Stunden, aber das Adrenalin ließ mich die Müdigkeit vergessen.

Knackpunkt im Turnier war unser Sieg im Viertelfinale gegen die Kanadierinnen Sarah Pavan und Heather Bansley. Gegen sie sahen wir zuvor oft nicht gut aus. Nach dem Sieg war klar: Jetzt haben wir zwei Chancen, um bei Olympia um Medaillen zu spielen. Brasilien 2016 war außergewöhnlich, die Atmosphäre einzigartig. Jetzt kommen in Tokio ganz andere Herausforderungen auf die Sportlerinnen und Sportler zu: Die Psyche der Athletinnen und Athleten wird noch entscheidender.

Die Zuschauer, die einen sonst zu besonderen Leistungen gepusht haben, die Olympia so einzigartig machen, fehlen. Viele Wettkämpfe werden rein über die mentale Schiene entschieden. Das ist eine ganz andere Herausforderung, als es vor fünf Jahren der Fall war.

Den Goldgewinn zu realisieren, das hat bei mir damals lange gedauert. Erst Wochen später habe ich im Urlaub begriffen, was passiert ist. Die Medaille hat einen besonderen Platz bekommen in meiner Vitrine. Und jedes Mal, wenn ich sie sehe, fange ich gern noch einmal an, über Rio nachzugrübeln.

Von Kira Walkenhorst/RND