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Martina Voss-Tecklenburg startet mit der DFB-Auswahl am 8. Juli gegen Dänemark in die EM. Quelle: IMAGO/Harry Koerber

Martina Voss-Tecklenburg vor Frauen-EM: „Ich hoffe, dass wir ein Vorbild für Diversität sind“

Am 8. Juli geht wird es für die deutsche Frauen-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft erstmals ernst. Dann startet Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg gegen Dänemark in ihre erste EM mit dem DFB-Team. Im Vorfeld spricht sie beim RedaktionsNetzwerk Deutschland im großen Interview über Erwartungen an das Turnier, das Verhältnis zu Bundestrainer Hansi Flick und Vergleiche mit dem Männerfußball.

Bei der Europameisterschaft in England trifft die deutsche Frauen-Nationalmannschaft in der Gruppenphase auf Dänemark (8.7.), Spanien (12.7.) und Finnland (16.7., je 21 Uhr), die Partien des Rekordtitelträgers werden von ARD und ZDF live übertragen.

Frau Voss-Tecklenburg, Sie bereiten ihr Team in ziemlicher Abgeschiedenheit in Herzogenaurach vor, testen am Freitag in Erfurt gegen die Schweiz. Wie stellen Sie das Team darauf ein, dass das Turnier in England in viel größeren Dimensionen abläuft als der Alltag der Frauen-Bundesliga?

Es ist tatsächlich recht schwierig, die Spielerinnen darauf vorzubereiten. Wir haben das beim Vorbereitungsturnier um den Arnold-Clark-Cup gesehen, als gegen England plötzlich 35.000 Zuschauer und Zuschauerinnen im Stadion waren, die ein Riesentheater veranstaltet haben – das hat mit einigen unserer Jüngeren etwas gemacht. Da war nicht mehr derselbe Glaube, dieselbe Sicherheit da. Aber es geht nur über den Weg, diese Erfahrungen zu sammeln. Womöglich müssen wir eine EM als Entwicklungsprozess in Kauf nehmen für das, was danach kommt. Man hat es selbst beim VfL Wolfsburg gesehen, dass die Weltrekordkulisse in Barcelona (91 648 Zuschauerinnen und Zuschauer im Camp Nou, Anm. d. Red) die sportliche Kompetenz beeinflusst hat.

Haben Sie sich darauf eingestellt, dass Sie in den nächsten Wochen wohl die meistgefragte Person im deutschen Fußball sind?

Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich würde mich freuen, wenn der Fokus auf unserem Team und unserem Turnier liegt, denn darin liegt eine große Chance. Aber natürlich ist damit auch eine Bürde und eine Erwartungshaltung verbunden. Ich versuche, meine Tätigkeit weiterhin als Privileg zu empfinden. Eine positive Lebenseinstellung ist dabei zumindest kein Hindernis. (lacht)

Der Verband schüttet für den EM-Titel 60 000 Euro (pro Person, Anm. d. Red.) aus. So viel Geld gab es für die Frauen noch nie. Es ist aber nicht annähernd die Summe, die bei den Männern ausgelobt wurde, da wären es 400.000 Euro gewesen. Allerdings schüttet die Uefa bei der Männer-EM auch 331 Millionen Euro aus, bei der Frauen-EM gerade mal 16 Millionen. Ist es in Ordnung, was als Prämie ausgehandelt wurde?

Ich finde gut, dass unser Verband mehr an die Spielerinnen weitergibt, wenn auch mehr hereinkommt. Der Auftrag an die Fifa und die Uefa ist, dass es irgendwann ein Prämiensystem gibt, wo es für alle gleich ist – das würden wir uns wünschen. Ich sage aber auch, dass das, was im Männerfußball passiert, einfach überdimensioniert ist. Das sind Bereiche, die der normale Fan nicht mehr nachvollziehen kann. Deshalb möchte ich mich gar nicht an Zahlen binden, sondern es muss sich annähern: beim Männerfußball weniger und bei uns vielleicht ein bisschen mehr.

Sie gehen nicht so weit wie die Verbände von Spanien, Norwegen oder den USA, die die Prämien für Frauen und Männer angeglichen haben?

Man kann darüber nachdenken, irgendwann die Prämien für die Nationalmannschaften der Männer, der Frauen und der U21 anzugleichen, weil diese drei Teams vorneweg marschieren. Aber es ist nicht möglich, dass die Frauen für einen Titel 400.000 Euro bekommen. Das kann sich kein Verband in Europa leisten, solange der Männerfußball die Sportart Nummer eins ist, die alles andere überstrahlt. In den USA ist das nicht so, deshalb konnten die Fußballerinnen dort in einem ganz anderen System ihre Forderungen durchsetzen. Generell spüre ich ja, dass Frauen und Männer auch in unserem Verband immer mehr zusammenwachsen.

Wie gut ist Ihr Verhältnis zu Bundestrainer Hansi Flick?

Für die Kürze der Zeit haben wir schon sehr viel Austausch gehabt. Wir haben uns vor einigen Wochen mit beiden Trainerteams in Frankfurt getroffen und sehr lange zusammengesessen. Es ist wirklich so, dass ich mit Hansi schon mehrfach lange telefoniert habe. Und wir merken beide, dass es sich lohnt, in den Austausch zu gehen, der auch über die Akademie, die Direktion Nationalmannschaften oder das Teammanagement zustande kommt. Außerdem haben wir mit unserem Torwarttrainer Michael Fuchs jemanden, der kürzlich auch bei den Männern dabei war. Wir versuchen, voneinander zu profitieren.

Dieser Austausch wäre vor 15 Jahren noch undenkbar gewesen, oder?

Den gab es vorher nicht. Das gibt es erst seit drei Jahren. Auch in den Trainertagungen sind wir permanent im Miteinander. Britta (Co-Trainerin Britta Carlson, Anm. d. Red.) und ich rufen gern auch noch Manuel Baum zu strategischen Themen an. Es ist richtig schön, dass das Wissen im DFB endlich geteilt wird. Das macht auch richtig Spaß.

Würden Sie den Bundestrainer beispielsweise auch zu einer taktischen Frage während der EM anrufen?

Das könnte passieren. Aber ich hoffe, dass ich den Rat nicht brauche, weil wir alle Fragen im Vorfeld geklärt haben. (lacht) Ansonsten geht es in den Gesprächen einfach um Fußball: die Auslösung des Spielaufbaus, das Hochhalten der Intensität, aber beispielsweise auch eine profane Frage: Wie trainiere ich auf nur einem Platz mit 28 Akteuren?

Ihre stellvertretende Kapitänin Svenja Huth redet wie selbstverständlich davon, dass sie den Urlaub bis zum Trainingslager genutzt habe, ihre Lebensgefährtin zu heiraten. Es wäre im Gegenzug kaum denkbar, dass so etwas von einem männlichen Nationalspieler käme.

Die Männer sagen doch auch, wenn sie heiraten! (lacht laut)

Sie wissen ja, was gemeint ist.

Ich hoffe, dass wir ein Vorbild für Diversität sind! Bei uns werden viele gesellschaftlich relevante Themen mit großer Offenheit gelebt. Diesen werteorientierten Umgang miteinander haben sich die Spielerinnen selbst erarbeitet. Letztlich muss jede selbst entscheiden, ob sie so etwas wie eine sexuelle Orientierung oder eine gleichgeschlechtliche Heirat öffentlich macht. Der Umgang mit solchen Themen ist bei uns viel, viel offener und vielleicht auch mit einem größeren Selbstbewusstsein versehen. Ich find‘s toll, wenn man sich in seiner Lebensbeziehung nicht verstecken will, aber man muss nicht alles nach außen tragen.

Sie bringen ja selbst eine facettenreiche Vita mit. Kommen da Spielerinnen bei diesen Themen auf Sie zu?

Wir sprechen über so, so viele Dinge, das geschieht automatisch. Dabei geht es auch um das Thema Kinder. Wir haben so viele spannende Themen, dass wir an den Tischen selten noch über Fußball reden. Das zeigt einfach, welche großartigen Persönlichkeiten und spannenden Menschen wir bei uns haben. Bedingt dadurch, dass Frauen Kinder auf die Welt bringen, setzen sie sich anders mit diesen Themen auseinander als Männer. Es hat ja eine andere Konsequenz während der Karriere.

Sie haben nach der Geburt ihrer Tochter Dina ihre Laufbahn als Spielerin kurz unterbrochen. Wird Sie bei der EM in England dabei sein?

Nein, Dina ist ja gerade junge Mama geworden. Sie ist mit ihrem Lebenspartner (dem Profifußballer Kevin Wolze, Anm. d. Red.) der gemeinsamen Tochter und dem Hund genügend ausgelastet, aber sie wird jedes Spiel schauen und die Daumen drücken. Sie kennt ja auch alle Spielerinnen und ist gut informiert. Sie wird mich durch die täglichen Telefonate unterstützen.

Vor dem EM-Start gibt es personell noch einige Fragezeichen. Wie anfällig ist ihr Gerüst?

Wir haben natürlich neben einem Plan A auch einen Plan B und C. Wir hoffen, dass uns eine stabile Achse über das Turnier Sicherheit gibt, es kann jedoch sein, dass im ersten EM-Spiel noch nicht die komplette Achse in der Startelf steht. Ich bin letztlich aber überzeugt, dass man diese EM nur gewinnen kann, wenn alle eingewechselten Spielerinnen ein Match verändern können. Das haben die USA bei der WM gezeigt. Ich glaube, dass unsere Qualität im Kader so dicht ist, dass jede Spielerin etwas bewegen kann.

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Von Frank Hellmann/RND