Anzeige
Gina Lückenkemper und Niklas Kaul sorgten mit ihren Goldmedaillen für zauberhafte Momente bei der Leichtathletik‑EM in München. Quelle: IMAGO/Sven Simon

Wie Gina Lückenkemper und Niklas Kaul einen Abend für die Ewigkeit erschufen

Sie sorgten für das bisherige Highlight der European Champion­ships aus deutscher Sicht: Gina Lückenkemper und Niklas Kaul gewannen am Dienstag­abend überraschend Gold in ihren Disziplinen – ein Abend, über den Leichtathletik­fans noch in Jahren sprechen werden.

Für Familie Kaul wurde es spät. Erst um 1.30 Uhr nahmen die Eltern Michael und Stephanie ihren Niki vor dem Olympiastadion in Empfang. Danach ging es in eine Sponsoren­lounge am Olympiasee auf einige Gläser Bier, um 4 Uhr war Niklas Kaul im Teamhotel. Bis er einschlafen konnte, meinte er am Tag danach, sei es nach 5 Uhr gewesen. Es dauerte, bis all das gesackt war, was er am Abend erlebt hatte, im Hexenkessel des Münchner Olympia­stadions.

Die beiden Goldmedaillen für die deutsche Leichtathletik binnen einer Dreiviertel­stunde durch Kaul im Zehnkampf und Gina Lückenkemper über die 100 Meter, das war der bisherige Höhepunkt der gesamten European Championships in München. Die Sprinterin musste allerdings auf einen entspannten Absacker verzichten. Nach dem Zieleinlauf war sie gestürzt, hatte sich mit den Spikes eine Fleischwunde ins linke Knie getreten, die im Krankenhaus mit acht Stichen genäht werden musste. Um 1.10 Uhr traf sie wieder im Hotel ein. „Es war super spannend und interessant“, scherzte Lückenkemper am Mittwoch. „Ich war ja noch nie in einem Krankenwagen und in einer Notaufnahme.“ Und Europameisterin war sie bis Dienstag auch noch nicht. „Waren also gleich drei ganz neue Erfahrungen an einem Abend.“

Kauls Fabellauf bringt das Stadion zum Beben

So unterschiedlich die Stunden nach ihren Triumphen für beide Athleten also liefen, so einhellig schwärmten die beiden neuen Titelträger von der gewaltigen Atmosphäre unterm Zeltdach, einem Abend für die Ewigkeit. „So eine Stimmung über zwei Tage habe ich noch nie erlebt“, sagte Kaul, der mit seinem Speerwurf auf 76,05 Meter und seinem finalen Fabellauf über die 1500 Meter das Stadion zum Beben brachte, am Tag danach. Dabei hatte er sich während seines Laufs verkalkuliert, ging die ersten 1000 Meter fünf Sekunden schneller an als gedacht und fürchtete bereits einen kompletten Einbruch auf dem letzten Drittel. Doch dann lief er leichtfüßig federnd und fast lächelnd ins Ziel. „Wahrscheinlich war es das Publikum, das mich getragen hat.“

Im Publikum hatte Kaul vor 20 Jahren selbst noch gesessen, wie Vater Michael am Mittwoch erzählte. Damals kam er als kleiner Bub von vier Jahren mit seinen Großeltern zur Leichtathletik-EM ins Olympiastadion und verfolgte die Wettkämpfe. Die Atmosphäre sei eine Initialzündung für die Begeisterung von Niki zur Leichtathletik gewesen, meinte Michael Kaul und berichtete, dass sein Sohn vor einigen Monaten nach München gefahren sei, einfach nur, um vorab schon einmal das Olympiastadion zu sehen, sich auf die leere Tribüne zu setzen und ein Gefühl für den Ort zu entwickeln.

Mehr als nur eine Rehabilitierung für die schwache WM

Für Kaul wie für Lückenkemper war der Triumph von München mehr als nur eine Rehabilitierung für die schwache WM in Eugene, bei der die Sprinterin immerhin Bronze mit der 4‑×‑100‑Meter-Staffel geholt hatte. Rückschläge hatte Lückenkemper schon viele zu verarbeiten. Nach EM‑Silber 2018 folgten Verletzungen und Formtiefs, bei Olympia 2021 war sie nur Ersatzläuferin.

„Wenn jemand vor einem Jahr, wo es nach wie vor schwierig für mich war, so an mich geglaubt hätte, hätte ich diesen Menschen unfassbar gefeiert“, sagte sie nach ihrem Triumpf in der ARD. Geholfen habe ihr aber auch der Zehnkampf­erfolg von Kaul kurz vor ihrem Endlauf. Die jubelnde Menge zu hören, das habe vielleicht die entscheidenden fünf Tausendstel freigesetzt, die sie am Ende vor der Schweizerin Mujinga Kambundji lag. Trotz Knieverletzung hofft Lückenkemper noch auf einen Staffelstart am Sonntag.

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Von Florian Kinast/RND