Donnerstag , 6. Oktober 2022
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Nico Schlotterbeck gehört zu den Shootingstars des DFB-Teams. Quelle: IMAGO/Contrast

DFB-Shootingstar Nico Schlotterbeck: „Fußball muss für alle da sein“

Vier Spiele hat BVB-Innenverteidiger Nico Schlotterbeck bereits für die deutsche Nationalspieler absolviert. Nun will er alles geben, um mit zur Weltmeisterschaft nach Katar zu fahren. Im Interview erzählt er, warum sich trotz der menschenverachtenden Verhältnisse freut und wie es ist, in einer Familie aufzuwachsen, die quasi nur aus Fußballprofis besteht. (+)

Nico Schlotterbeck ist einer der Aufsteiger in der Fußball-Nationalmannschaft, absolvierte bisher vier Länderspiele. Der 22-jährige Innenverteidiger von Borussia Dortmund berichtet im RND-Interview über die Konkurrenz im eigenen Verein und warum er auf einen Anruf von Bundestrainer Hansi Flick hofft.

Nico Schlotterbeck, in zwei Monaten beginnt die umstrittene WM in Katar . Kann man sich in Anbetracht der Umstände überhaupt auf dieses Turnier freuen?

Nico Schlotterbeck (22): Wenn ich nominiert werde, freue ich mich. Auch wenn die Situation in Katar nicht zufriedenstellend ist. Aber wir Spieler können aus meiner Sicht ohnehin wenig beeinflussen, das ist in erster Linie eine Sache der Funktionäre und der Politik. Wir Sportler haben das Turnier nicht nach Katar vergeben. Wir müssen versuchen, maximalen Erfolg zu haben, das ist unsere Aufgabe.

Haben Sie homosexuelle Bekannte und würden Sie ihnen raten, nach Doha zu fliegen?

Der Fußball muss für alle da sein und allen offenstehen. Er steht für Vielfalt. Bei uns ist das selbstverständlich. Ich wünsche mir, dass die WM zu einer weiteren Öffnung in Katar beitragen kann. Ich hoffe, dass jeder, der Bock auf die WM hat, auch vor Ort sein kann und wird.

Es wäre Ihre erste WM. Wie sicher sind Sie aktuell, dabei zu sein?

Ich war zuletzt immer nominiert, weil ich meine Leistung im Verein gebracht habe – nur so geht es. Trotzdem kann ich mir nicht sicher sein, weil wir in Deutschland einfach viele gute Innenverteidiger haben. Allein drei kommen aus meiner Mannschaft (lacht). Ich werde mein Handy auf jeden Fall anlassen, falls der Bundestrainer anruft.

Mit Niklas Süle und Mats Hummels gibt es zwei Konkurrenten vom BVB. Wie gehen Sie damit um?

Natürlich flachst man auch mal untereinander, aber es ist schon schwer. Weil es sehr unwahrscheinlich ist, dass wir alle drei mitfahren. Wir versuchen, uns gegenseitig zu pushen. Denn wenn wir alle unser Toplevel abrufen, werden wir mit dem BVB Erfolg haben. Dann ist es die Entscheidung des Bundestrainers, wer spielt.

Sie gelten als harter Hund, ließen sich am ersten Spieltag sogar auf dem Platz die Schulter einkugeln . Haben Sie mit Blick auf die WM mehr Angst vor Verletzungen?

Nein, das wäre auch falsch. Wenn ich in ein Spiel oder ins Training gehe, haue ich alles rein. Ich ordne jetzt alles dem Fußball unter, noch mehr als sonst. Es sind die wichtigsten Monate meiner Karriere, die WM ist das Größte.

Sprüche gegen den FC Bayern „vielleicht am 30. Spieltag“

Sie kommen aus einer Fußballerfamilie, Ihr Bruder und Ihr Cousin sind Profis, Ihr Onkel war es ebenfalls. Das klingt nach vielen Diskussionen …

Ich habe nach einem Spiel genau vier Ansprechpartner: meinen Bruder, meine Eltern und meinen Berater. Mein Vater ist immer sehr emotional, sehr kritisch – da kann es auch mal laut werden. Mit meinem Bruder tausche ich mich nur kurz aus, wie er es gesehen hat. Meine Mutter hofft einfach, dass es mir gut geht, und mein Berater macht die Analyse immer ein bisschen mit Abstand in den Tagen nach dem Spiel.

Joshua Kimmich sagte, dass es aktuell Sprüche aus Dortmund gegenüber den kriselnden Bayern gebe …

Wir sollten uns da zurückhalten und demütig bleiben. Zum einen ist die Saison noch jung, zum anderen sind wir auch nicht Tabellenführer, sondern Union Berlin. Natürlich verfolgen wir, was bei Bayern oder in Leipzig passiert. Aber das sind Klubs, die werden noch kommen, sie werden noch viele Spiele gewinnen – ich hoffe allerdings, weniger als wir. Sprüche machen können wir vielleicht am 30. Spieltag.

In zwei Wochen trifft der BVB auf Bayern, hat in der Vergangenheit fast alle Spiele verloren. Ist es wichtiger, die Bayern mal zu schlagen oder sich sonst keine Patzer zu erlauben?

Schwierige Frage. In Leipzig (0:3, Anm. d. Red.) haben wir erfahren, was passiert, wenn wir nicht performen. In der Bundesliga ist es jedes Wochenende schwer, ob gegen Augsburg oder Köln. Am Ende musst du die meisten Spiele gewinnen, im besten Fall auch gegen die Bayern.

Meister mit Dortmund oder Weltmeister mit Deutschland?

Ich würde beides nehmen (lacht). Ein WM-Titel ist natürlich das Größte, was man erreichen kann, der ist für ein ganzes Land. Auch eine Meisterschaft mit dem BVB würden sicher ein paar Millionen Menschen feiern. Wenn beide Mannschaften alles abrufen, haben wir alle Möglichkeiten.

Schlotterbeck wünscht sich „noch mehr Aufmerksamkeit“ für Frauenfußball

Mit Christian Streich und Urs Fischer haben Sie zwei ganz besondere Trainer erlebt. Ist es Zufall, dass deren Klubs momentan ganz oben mitmischen?

Das ist mit Sicherheit kein Zufall. Bei Union und in Freiburg leisten sie seit Jahren außergewöhnliche Arbeit, das Fundament ist bei beiden Klubs sehr gut, ihnen gelingen tolle Transfers. Auch die Spielweise ähnelt sich, beide stehen sehr kompakt. Daher glaube ich, dass beide auch am Ende der Saison sehr weit oben stehen werden.

Hand aufs Herz: Wie viele Spiele der Frauen-EM haben Sie im Sommer geschaut und was ist Ihre Meinung zu Equal Pay und Equal Play?

Ich habe viele Spiele gesehen, kenne viele von den Mädels persönlich, viele sind in meinem Alter. Es hat mich unglaublich gefreut, dass sie so viel Erfolg hatten, sie haben die deutschen Tugenden eingebracht: Teamgeist und Mentalität. Sie hätten den Titel holen können, aber haben auch so für viel Begeisterung in ganz Deutschland gesorgt. Das haben sie verdient. Das andere kann ich schwer einschätzen, aber natürlich wünsche ich mir, dass sie noch mehr Aufmerksamkeit und daraus resultierend auch mehr Geld bekommen. Die ersten Schritte sind gemacht.

Von Heiko Ostendorp/RND