Mittwoch , 30. November 2022
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Hansi Flick ist seit knapp einem Jahr Bundestrainer. Quelle: IMAGO/ActionPictures

Ein Jahr als Bundestrainer: Flick erinnert sich an fünf Momente seiner Karriere

Seit einem Jahr ist Hansi Flick Fußball-Bundestrainer – und trotz des 0:1 gegen Ungarn waren das gute zwölf Monate. Vor dem Spiel am Montag gegen England blickt er auf fünf wegweisende und prägende Erlebnisse seiner Karriere zurück.

Viele Spieler dürfen ihn „Hansi“ nennen. Zumindest diejenigen, die ihn schon lange kennen oder beim FC Bayern unter ihm trainiert haben. Wenn Oliver Bierhoff Flick ärgern möchte, ruft er ihn „Hans-Dieter“, so wie es in seinem Pass steht. „Das mag er nicht so gerne“, verriet der DFB-Direktor dieser Tage. Und nach Joachim „Jogi“ Löw, dem Fußball-Deutschland nach dem WM‑Titel 2014 zu Füßen lag, ihn zum Ende seiner Ära aber verteufelte, hat man inzwischen wieder einen Liebling als Bundestrainer: den Hansi eben.

Am 1. August 2021 startete der einstige Sextuple-Coach des FC Bayern München seine neue Aufgabe mit dem Ziel, Deutschland zurück in die Weltspitze zu führen. Nach zwei verpatzten Turnieren mit dem historischen Vorrundenaus bei der WM 2018 in Russland und der Achtelfinalpleite bei der EM im vergangenen Jahr gegen England soll das DFB-Team wieder um Pokale mitspielen – spätestens bei der Heim­europa­meisterschaft in zwei Jahren, am liebsten aber schon bei der umstrittenen Winter‑WM in Katar.

Ob die Mannschaft schon so weit ist, wenn es ab dem 23. November mit dem ersten Gruppenspiel gegen Japan zur Sache geht? Am Freitag in Leipzig beim 0:1 gegen Ungarn sah es noch nicht danach aus. Doch Flick hat den Glauben zurückgebracht. In den ersten 13 Partien blieb sein Team zumindest vor dem fahrigen Auftritt gegen die Ungarn unbesiegt, bei einer beeindruckenden Tordifferenz von 42:8 Treffern. „Uns hat der Mut gefehlt und wir haben viel zu viele einfache Fehler gemacht“, mahnte Flick nach dem Abpfiff. „In der zweiten Halbzeit war es besser, aber dann müssen wir eben auch mal ein Tor machen.“

Er gibt sich klar, kommunikativ und konsequent – änderte vieles, aber nicht alles. Flick ist ein Teamplayer, arbeitet eng mit seinen Vertrauten zusammen und verlangt viel. Nach einem Jahr als Bundestrainer hat er sich für das Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND) Zeit genommen und exklusiv auf fünf prägende Momente seiner Karriere geblickt. Von seiner Zeit als Profi beim 1. FC Köln über den WM‑Titel als Löw-Assistent bis zum Champions-League-Sieg mit den Bayern. Die Krönung soll am 18. Dezember in Doha erfolgen – mit dem goldenen WM Pokal. Hansi Flick über …

… seine Zeit als DFB-Sportdirektor von 2014 bis Januar 2017. Kann er sich eine Rückkehr auf diesen Posten noch einmal vorstellen?

Hansi Flick: „Nein, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, das Thema ist durch. Ich habe schon meine Ideen, was ich irgendwann mal mache, wenn ich als Bundestrainer fertig bin. Ob ich das jetzt noch zwei, drei oder fünf Jahre mache, keine Ahnung – aber zehn werden es sicher nicht mehr. (lacht) Ich kann mir gut vorstellen, dass ich irgendwann mal Trainer begleite als Mentor, auch wenn das noch weit weg ist, aber das macht mir einfach Spaß. Das merke ich, wenn ich mich jetzt mit den Trainern in der Bundesliga unterhalte. Da geht es nicht um Egos, sondern um Fußball und um zwischen­menschliche Dinge, das gefällt mir.“

… seinen Champions-League-Sieg 2020 mit dem FC Bayern. War das 1:0 gegen Paris Saint-Germain im Finale sein größter Erfolg?

„Das war ein absolutes Highlight. Diese Gier der Mannschaft, diesen Titel zu holen, war schon außergewöhnlich. Das hat man dann gemerkt, als wir es geschafft hatten – an den Emotionen. Bei den Spielern, beim Staff, bei allen, die dazugehören. Es waren alle happy, alle stolz. Mir war es als Spieler leider nicht vergönnt, den größten Titel im europäischen Vereinsfußball zu holen, da wir gegen Porto verloren haben (Anmerkung der Redaktion: 1987 verlor er mit den Bayern 1:2 gegen den FC Porto im Finale um den Europapokal der Landesmeister). Umso glücklicher bin ich, dass es dann als Trainer im zweiten Anlauf geklappt hat. Mit der National­mannschaft etwas in Händen zu halten würde ich vermutlich sogar noch einen darüber stellen, weil es nichts Größeres gibt, als für sein Land zu gewinnen.“

… seine Zeit beim 1. FC Köln Anfang der 1990er-Jahre. Was hat er vom damaligen Trainer Christoph Daum gelernt?

„Ich war damals leider sehr oft verletzt. Christoph Daum hat mich geholt, und ich habe nicht ein einziges Mal überhaupt unter ihm trainiert. (Anmerkung der Redaktion: Daum wurde während der WM 1990 entlassen). Dabei wäre ich für diesen Trainer überall hingelaufen, weil er mir in den Gesprächen genau aufgezeigt hat, wie er mich sieht, wo es für mich hingehen kann, was er mit mir vorhat. Das ist viel mehr wert als heutzutage die eine oder andere Null mehr. Dieses Gefühl habe ich aus meiner aktiven Zeit mitgenommen.“

… seine Zusammenarbeit in München mit Hasan Salihamidzic. Wie viel ist von den Streitereien zwischen Trainer und Manager haften geblieben?

„Zumindest bei mir ist da nichts hängen geblieben. Es sind damals viele Dinge, sehr viele Dinge aufgebauscht worden. Ich habe in diesem Miteinander sicherlich auch nicht alles richtig gemacht, aber letztlich ist auch das eine Erfahrung, die einen weiterbringt. Wenn man sich anschaut, wie der jeweilige Weg bei Bayern oder beim DFB danach verlief, können wir – glaube ich – beide zufrieden sein. Für mich war es damals der richtige Schritt zurück zum Verband, auch wenn es mir nicht leichtgefallen ist, Bayern zu verlassen. Aber es war alternativlos. Wie wertschätzend wir hier jetzt alle miteinander umgehen, bestätigt meine Meinung.“

… seine Zeit als Co‑Trainer der Nationalmannschaft an der Seite von Jogi Löw. Wie blickt er auf die Jahre von 2006 bis 2014 zurück?

„Das war eine sehr wichtige Zeit für mich. Jogi hat mir enorm viel Vertrauen gegeben, ist ein ganz feiner Mensch. Zusammen mit ihm, Oliver Bierhoff, Andy Köpke, das war einfach ein gutes Team. Wir haben uns voll vertraut, haben viele Dinge mitgemacht – viele Höhe-, aber auch einige Tiefpunkte. Ich glaube, dass wir uns sehr gut ergänzt haben. Und ich hoffe, dass ich ihm genauso viel abnehmen konnte, wie es meine Assistenten jetzt bei mir tun. Das wäre das größte Kompliment.“

Von Heiko Ostendorp/RND