Mittwoch , 30. November 2022
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Max Kruse wird in den kommenden Wochen nicht beim VfL trainieren können, weil er sich am Oberschenkel verletzte.

Unpünktlich, Pendel-ICE-Stress, falscher Wohnort: Das steckt wirklich hinter dem Kruse-Rauswurf

Max Kruse wurde vom VfL Wolfsburg suspendiert, weil er sich nicht mit dem Klub identifizierte. Dazu kamen Verspätungen, Pendelstress und ein Trainerwunsch, den der Stürmer nicht erfüllte.

Wolfsburg. Dass Max Kruse beim VfL Wolfsburg kein Spiel mehr bestreiten wird, ist hinlänglich bekannt. Frank Witter, der Aufsichtsratsvorsitzende des VfL, räumte zwar ein, dass der 34-Jährige ein „Ausnahmespieler“ sei, der in der letzten Saison seinen „Anteil am Klassenerhalt“ hatte. Aber der einstige Finanzchef von VW verteidigte auch die Entscheidung der sportlichen Führung um Geschäftsführer Jörg Schmadtke, Sportdirektor Marcel Schäfer und Trainer Niko Kovac, den 14-fachen Nationalspieler zu suspendieren.

Als Begründung, den hoch bezahlten Offensivspieler, der geschätzt 3,8 Millionen Euro im Jahr verdienen soll, aufs Abstellgleis zu stellen, war bislang das bekannt: Kruses mangelnde Identifikation mit dem kriselnden Bundesliga-17. und seine ständigen Banal-Auftritte mit seiner Ehefrau auf diversen digitalen Kanälen haben dazu geführt, dass der Stürmer ins Abseits geriet. Seine Aussage, dass er als Fußballprofi lediglich einen Vier-Stunden-Arbeitstag habe, wurde angesichts der rund 70.000 VW-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter am Heimatstandort Wolfsburg mit Erschrecken wahrgenommen. Dazu kamen Kruses überschaubare sportliche Leistungen gepaart mit seinen nicht zu übersehenden Fitnessdefiziten.

Verspätungen und Pendel-ICE-Stress

Das allerdings ist nur die halbe Wahrheit. Nach Informationen der „Wolfsburger Allgemeinen Zeitung“ nahm es der exzentrische Angreifer auch mit der Pünktlichkeit und Disziplin nicht so genau. Und da ist ja noch die Sache mit dem Wohnort: Kruse pendelte täglich mit dem ICE nach Wolfsburg. Mindestens dreimal verspätete sich sein Zug, was Folgen hatte: Der Angreifer erschien unpünktlich zum Training. In sportlich erfolgreichen Zeiten hätte man das dem Fußballer mit dem feinen linken Füßchen irgendwie nachgesehen. So nach dem Motto: Schlampig halt, dieses kleine Stürmergenie. Aber dafür liefert er auf dem Platz. Er lieferte aber nicht. Und um ein Auge zuzudrücken, war und ist die Situation beim VfL zu brenzlig.

Erschwerend kam hinzu, dass Kruse nach einem Auswärtsspiel gar nicht beim Training erschienen sein soll, er soll sich lediglich telefonisch abgemeldet haben. Er erklärte, er habe eine Verletzung. Statt sich aber in Wolfsburg behandeln zu lassen, soll er in Berlin geblieben sein.

Kruse ignorierte offenbar Trainerwunsch

Mehrfach soll Niko Kovac Kruse auf das Thema angesprochen haben. Der VfL-Trainer, der bekanntermaßen größten Wert auf Disziplin und eine „saubere Kabine“ legt, forderte außerdem, dass der Stürmer ab Mitte der Woche bitte schön in Wolfsburg wohnen solle. Die tägliche Pendelei zwischen Berlin und Wolfsburg sei schließlich keine gute Voraussetzung, um am Wochenende auf dem Platz Topleistungen abzurufen. Außerdem sähe er es gern, wenn die Spieler des VfL nahe ihres Arbeitsplatzes leben würden. Damit er schnell Zugriff auf sie habe, wenn er spontan einmal eine Sitzung abhalten wolle.

Kruse, der sich in Wolfsburg ein kleines Apartment zulegen wollte, ignorierte den Trainerwunsch, bevorzugte es stattdessen, weiterhin täglich die Strecke zwischen Hauptstadt und Arbeitsplatz mit dem Zug zurückzulegen.

Unruhe in der VfL-Kabine

So blieb Kovac und der sportlichen Leitung keine andere Wahl, als den „Fußball-Freigeist“ (Oliver Ruhnert, Manager von Union Berlin) zu suspendieren. Die Disziplinlosigkeiten waren selbstverständlich auch ein Thema in der VfL-Kabine. Kruses Extratouren sorgten für Misstöne und Unruhe, die man bei den Niedersachsen angesichts der brenzligen sportlichen Situation nicht mehr akzeptieren wollte.

Kruse weilt zurzeit in Berlin, nachdem er sich in dieser Woche beim Training verletzte und einen Muskelfaserriss im Oberschenkel erlitt. Beim Training wird er nicht erscheinen, er muss einige Wochen pausieren.

Von Thomas Gassmann/RND