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Dirk Zingler, Präsident von Union Berlin. Quelle: IMAGO/Matthias Koch

Union-Präsident Zingler und der Erfolg der „Eisernen“: „Ost-West-Vergleiche mag ich nicht“

Der 1. FC Union Berlin war in der Fußball-Bundesliga zuletzt so erfolgreich wie kein anderer Ostklub seit 1990. Präsident Dirk Zingler führt das auf den besonderen Zusammenhalt im Verein und in seinem Umfeld zurück. Von Ost-West-Vergleichen will er vor dem Tag der Deutschen Einheit nichts wissen.

Berlin. Der Unternehmer Dirk Zingler, 58, wurde im brandenburgischen Königs Wusterhausen geboren und ist seit 18 Jahren Präsident von Union Berlin. Sein bescheidenes Büro, in dem das Interview am Dienstag stattfand, befindet sich im ehemaligen Forsthaus direkt gegenüber dem Stadion im Stadtteil Köpenick. Innerhalb wie außerhalb des über 150 Jahre alten Gebäudes dominieren die Vereinsfarben Rot und Weiß.

Herr Zingler, der 1. FC Union hat sich in der Bundesliga-Tabelle so weit oben etabliert wie kein ostdeutscher Fußballklub seit 1990. Was bewegt das in Ihnen?

Heute nichts.

Und gestern?

Ich freue mich, wenn die Mannschaft Spiele gewinnt. Das ist schön. Wir alle freuen uns darüber. Das wichtige Ereignis ist das gewonnene Spiel und nicht der Tabellenplatz – schon gar nicht so früh in der Saison. Mein persönliches Verhältnis zum Verein hat sich zudem nie ausschließlich über den Erfolg definiert.

Denken Sie manchmal: Endlich zeigt der Osten dem Westen, wo der Hammer hängt?

Nein. Ich habe mich über gewonnene Spiele gegen Dynamo Dresden genauso gefreut, wie ich mich heute über Siege gegen den VfL Wolfsburg freue. Ich freue mich darüber, dass es uns seit einigen Jahren gelingt, effizient und effektiv mit unseren Möglichkeiten umzugehen und so überdurchschnittliche Ergebnisse zu erzielen. Diese Ost-West-Vergleiche mag ich nicht.

Aber Ihr Tabellenplatz bedeutet doch etwas, oder? Für den Fußball ging es schließlich wie für größere Teile Ostdeutschlands nach 1990 erst mal ziemlich bergab. Prominente Spieler wie Michael Ballack, Matthias Sammer oder Ulf Kirsten zog es in den Westen, die Ostklubs sackten in den Keller.

Es bedeutet den Menschen etwas, die in diesen Kategorien denken – und das zu Recht. Wir hören und spüren ja, welche Reaktionen wir aus ostdeutschen Regionen bekommen.

Nämlich welche?

Da gibt es Freude und Stolz, dass wir Tabellenführer sind. Auf der anderen Seite spüren wir Überraschung bei jenen, die nicht aus Ostdeutschland kommen. Wir im Klub denken trotzdem nicht in diesen Kategorien. Fußball ist zwar etwas sehr Regionales und findet immer in bestimmten Gebieten statt. Aber man sollte das nicht politisieren. Wir sind ein ostdeutscher Verein. Aber wir machen damit nicht Politik. Der Klub hat immer seine eigene Authentizität bewahrt, ist immer seinen eigenen Weg gegangen und hat sich nirgendwo einfangen lassen, weder zu DDR-Zeiten noch heute. Ostberlin ist für uns vorrangig ein geografischer Begriff, kein politischer.

Wenn Sie sagen, ostdeutsche Fans seien stolz: Sind Sie auch stolz?

Absolut. Ich bin sehr stolz auf das, was wir hier aufgebaut haben. Aber man kann nicht stolz sein auf seine Herkunft oder darauf, in welchem Teil Deutschlands man geboren wurde, sondern nur auf das, was man tut. Dass meine Eltern beim Bau der Mauer 1961 in Friedrichshain geblieben und nicht in den Wedding gegangen sind, ist letztlich Zufall. Die eine Hälfte der Familie ist in Friedrichshain groß geworden, die andere Hälfte im Wedding. Worauf soll man da stolz sein? Man kann höchstens stolz sein auf das, was man aus seinem Leben gemacht hat.

Wie haben Sie den fußballerischen Niedergang des Ostens vor 30 Jahren erlebt?

Dem Fußball ist es nicht anders gegangen als anderen Bereichen der DDR. Das, was von Wert war, wurde entnommen. Bei Betrieben waren es oft die Immobilien. Im Fußball waren es Sammer und Kirsten. Was übrig blieb, wurde mit nicht immer den besten Managern aus Westdeutschland sich selbst überlassen. Es hat dann viel Zeit gebraucht, um das auszugleichen.

Hat Sie das frustriert?

Nein. Denn ich hänge dem Vergangenen nicht nach. Außerdem habe ich mich selbst in jener Zeit um ganz andere Sachen gekümmert. Ich habe ein Unternehmen aufgebaut, meinen ersten Baum gepflanzt, ein Haus gebaut und bin Vater von drei Kindern geworden. Da war Fußball nicht der Mittelpunkt meines Lebens.

Was hat Sie motiviert, hier einzusteigen?

Ich bin als Junge das erste Mal hierhergekommen. So ist allmählich eine Beziehung entstanden, die fürs gesamte Leben hält. Und nachdem ich den Klub schon als Sponsor unterstützt habe, hat es sich ergeben, dass ich in die Verantwortung gekommen bin. Das Stadion ist über 100 Jahre alt, und der Klub spielt hier seit über 100 Jahren Fußball – vor dem Krieg, nach dem Krieg, vor dem Mauerbau, nach dem Mauerfall. Daraus leitet sich Stabilität ab. Außerdem ist Fußball eine Sportart, die Menschen verbindet. Auf diesem Fundament lässt sich mit guter Arbeit auch Erfolg erreichen. Ohne Bindung zu den Menschen ist das schwierig. Man kann nichts künstlich erzeugen. Entweder ist etwas da, oder es ist nicht da.

Manche Finanziers versuchen es auch ohne.

Wir haben uns für unseren Weg entschieden. Es gibt kaum ein sozialeres Ereignis als ein Fußballspiel. Daraus erwächst wiederum Verantwortung. Wenn Menschen zum Spiel kommen, weil sie das Ereignis lieben und nicht, weil du Tabellenführer bist, dann hast du eine Menge richtig gemacht.

Köpenick liegt eher am Rande der Hauptstadt, das Stadion ist klein, Fans haben es teilweise selbst gebaut, auch das sogenannte Weihnachtssingen ist populär. Ist das typisch ostdeutsch, sozial nach innen, ohne Dünkel nach außen?

Solidarisch zu sein, sich gegenseitig zu helfen und zu ergänzen hat auf jeden Fall mit Mangel zu tun und nicht mit Überfluss. In der Wohlstandsgesellschaft entwickelt sich eher Neid als Solidarität. Aber auch das ist nicht typisch ostdeutsch.

Doch Sie möchten, dass dieser Zusammenhalt überdauert.

Das ist einer der Gründe für unseren Erfolg. Wir sind im gesamten Klub sehr solidarisch. Wir verpflichten keine Spieler, die perfekt sind. Es gibt keine perfekten Menschen, somit funktioniert eine Organisation, eine Mannschaft nur, wenn man gegenseitig seine Schwächen ausgleicht. Eine solidarische Gesellschaft ist immer stärker als eine unsolidarische. Jeder, der bei uns beschäftigt wird – im Vertrieb, auf dem Rasen oder in der Wäscherei –, weiß, dass er nicht nur sich selbst zu helfen hat, sondern auch Menschen in seiner Umgebung.

Fühlen Sie sich jetzt eigentlich als führender Hauptstadtklub, während Hertha BSC im Berliner Westend nur wieder zeigt, dass Geld am Ende eben doch keine Tore schießt?

Ich verstehe schon das Wort Hauptstadtklub nicht. Und wir vergleichen uns nicht, wir gehen unseren Weg.

Und was ist mit RB Leipzig? Ist das aus Ihrer Sicht ein Ostklub?

Die Konzernzentrale steht in Österreich. Es gibt davon in Leipzig einen Klub, in Salzburg und New York. Dahinter steht ein österreichischer Getränkekonzern, der zur Stärkung seiner Marke Sportvereine gründet. Da ist Leipzig eher ein zufälliger Standort. Ich freue mich für die Leipziger. Sie können Bundesliga-Fußball und internationalen Fußball sehen. Doch man sollte auch ehrlich sein: RB ist kein ostdeutscher Verein.

Wenn es im Ostfußball in den 1990er-Jahren so schlecht lief wie im ganzen Osten, holt der Osten dann jetzt auch insgesamt auf?

Unser erster Platz in der Tabelle hängt an fünf Siegen und zwei Unentschieden – und an nichts anderem. Das hat nichts mit der Wiedervereinigung zu tun. Es sind überdies konkrete Menschen, die diesen Erfolg erzeugen, und die kommen von überallher, sowohl auf dem Feld als auch in der Organisation. Da gibt es kein Ost und West mehr. Das Regionale spielt sich auf den Rängen ab.

Ist denn die deutsche Einheit aus Ihrer Sicht gelungen? Oder sehen Sie noch Defizite?

Viele Menschen hatten die Freiheit, sich selbst zu entwickeln. Unsere Familie ist wieder vereint. Das macht mich froh. Die Lebensleistung der Generation meiner Eltern wurde allerdings nicht anerkannt. Das ist eine Katastrophe. Andere haben ihren Beruf und ihre Existenz verloren. Nur: Was damals falsch gelaufen ist, das kann man heute kaum mehr korrigieren.

Umfragen sagen, dass sich manche Ostdeutsche weiter als Menschen zweiter Klasse fühlen.

Ich habe mich nie als Mensch zweiter Klasse gefühlt, andere Ostdeutsche in meiner Umgebung ebenfalls nicht. Abgesehen davon sollte man auch mal die Menschen in Gelsenkirchen fragen, ob es ihnen da richtig gut geht. Wir haben überall in Deutschland Regionen, die Nachholbedarf haben.

Noch mal zum Fußball: Wäre der Gewinn der deutschen Meisterschaft nur von fußballerischer Bedeutung? Oder wäre das mehr?

Darüber heute zu spekulieren würde nur dazu führen, dass wir den ersten Platz relativ schnell wieder verlassen.

Von Markus Decker/RND