Montag , 5. Dezember 2022
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Weltmeister-Kapitän Philipp Lahm (links) spricht über die Auswechslungen von Bundestrainer Hansi Flick. Quelle: Christian Charisius/Matthias Balk/dpa (Montage)

Weltmeister-Kapitän Philipp Lahm: Flicks Wechsel führten zu Bruch

Als die deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan, Thomas Müller und Jamal Musiala den Platz verlassen, kommt Unruhe rein, die zur Niederlage gegen Japan führt, meint WM-Kolumnist Philipp Lahm. Der Weltmeister-Kapitän blickt auf den verpatzten Auftakt des DFB-Teams in Katar.

Diesen WM-Auftakt hatten sich die deutsche Mannschaft und Bundestrainer Hansi Flick natürlich ganz anders vorgestellt. Das 1:2 im ersten Gruppenspiel gegen Japan tut weh – und bringt uns nun direkt brutal unter Druck. Dabei war die Niederlage aus meiner Sicht wirklich unnötig und vermeidbar. Über eine Stunde hatten wir das Spiel eigentlich gut im Griff, dann kam der Bruch, auch durch die Auswechslungen, die ich ehrlicherweise nicht ganz nachvollziehen konnte.

Deutschland war engagiert, stand stabil, hatte in der ersten Halbzeit fast 80 Prozent Ballbesitz, war dominant und hatte zahlreiche Torchancen. Keine hundertprozentigen, aber durchaus gute Gelegenheiten, um mit 2:0 oder gar 3:0 in Führung zu gehen. Dann hat sich Hansi Flick nach 67 Minuten dazu entschieden, Ilkay Gündogan und Thomas Müller vom Feld zu nehmen und durch Leon Goretzka und Jonas Hofmann zu ersetzen. Danach nahm er auch noch Jamal Musiala (für ihn kam Mario Götze, Anm. d. Red.) und Kai Havertz (für ihn kam Niclas Füllkrug) runter – das habe ich nicht verstanden.

Denn dadurch ging genau die angesprochene Stabilität, die Sicherheit verloren. Ilkay, Thomas und auch Jamal waren ordentlich im Spiel und sind sehr ballsicher. Thomas Müller war einfach Thomas Müller. Man hat ihm seine lange Pause kaum angemerkt, er war sehr agil, hat immer wieder Lücken geschlossen – und dann ist er eben nahezu unverzichtbar. Genau wie Gündogan, der als Kapitän von Manchester City Woche für Woche auf allerhöchstem Niveau spielt, die Erfahrung mitbringt und solche Situationen kennt, wenn du ein Spiel über die Zeit bringen musst. Nach den Wechseln hat praktisch nur noch Japan gespielt.

Leider haben wir es zum einen verpasst, den Deckel vorzeitig draufzumachen, dann aber auch krasse individuelle Fehler gemacht. Manuel Neuer hat Deutschland sogar zunächst noch mit einer Weltklasseparade im Spiel gehalten. Das zweite Gegentor fiel dann nach einem eigenen Standard in der gegnerischen Hälfte, darf so niemals passieren. Das war eine Aneinanderreihung von Fehlern, da fehlte die Abstimmung. Es wurde das Abseits aufgehoben, nicht entschlossen genug verteidigt. Wir sind hier bei einer WM. Wenn ich an Jérôme Boateng oder Benedikt Höwedes 2014 denke – die hatten die Gier, jeden Zweikampf zu gewinnen. Genau das habe ich in den entscheidenden Situationen vermisst. Daran muss man nun dringend arbeiten.

Ich habe in meiner ersten Kolumne Matthias Ginter und Christian Günter auf außen gestellt, da wir – auch aufgrund der fehlenden Vorbereitung und Eingespieltheit – einfach defensive Stabilität brauchen. Vorne haben wir mit Thomas Müller, Serge Gnabry, Jamal Musiala, Kai Havertz oder Leroy Sané immer genügend Qualität, um Chancen herauszuspielen, auch gegen Spanien.

Da sind jetzt die Jungs gefordert, die solche oder ähnliche Situationen in ihren Klubs schon zigfach erlebt haben. Die Qualität, die individuelle Klasse, um auch dort zu bestehen, haben wir nach wie vor. Aber der beeindruckende 7:0-Sieg von Spanien gegen Costa Rica hat die Ausgangslage natürlich zusätzlich erschwert. Über die Tordifferenz werden wir uns nicht mehr durchsetzen.

Die Mannschaft und Hansi müssen sich jetzt selbst da rausziehen und die richtigen Lösungsansätze finden. Sie dürfen jetzt nicht den Fehler machen, sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe zu schieben – das wäre das Schlimmste, was passieren kann, wie es Hansi ja auch selbst gesagt hat. Trotz dieses Fehlstarts ist die WM noch nicht vorbei.

Aber es ist zwingend notwendig, genau die Tugenden wieder an den Tag zu legen und auf den Platz zu bringen, die Deutschland bei erfolgreichen Turnieren immer ausgezeichnet hat und die ich schon erwähnt habe. Aus einer stabilen Defensive heraus zu agieren und vorne die individuelle Klasse zu zeigen, die unsere Offensivspieler Woche für Woche in Europas Topligen zeigen.

Von Philipp Lahm/RND