Montag , 21. September 2020
Der bundesweite Protesttag beim fränkischen Autozulieferer Schaeffler hat Stellvertretercharakter. Quelle: imago images/argum

Autozulieferer in der Krise: Schaeffler-Beschäftigte protestieren gegen Schließungen

Herzogenaurach. Große Teile der hierzulande noch rund 30.000 Beschäftigten sind am Mittwoch in Werken vom Stammsitz Herzogenaurach über Wuppertal in Nordrhein-Westfalen bis ins niedersächsische Clausthal-Zellerfeld auf die Straße gegangen, um sich gegen den Abbau weiterer 4400 Jobs bis Ende 2022 zu stemmen.

Sie sind mit ihrem Schicksal nicht allein. Der Schwesterkonzern Continental, der auch von der Industriellenfamilie Schaeffler kontrolliert wird, will gar 13.000 Stellen kappen und unter anderem ein großes Reifenwerk in Aachen schließen.

Lage bei Schaeffler ist branchentypisch

Hier wie dort laufen Personal und Gewerkschaften dagegen Sturm. Sichtbar wird dabei immer mehr eine rasant ausufernde Branchenkrise. Sechs von zehn Kfz-Zulieferern planen wegen der Corona-Krise forcierten Stellenabbau, warnt der Branchenverband VDA. Etwa ein Drittel aller Firmen wolle mehr als ein Zehntel des Personals kappen.

Schon vor Ausbruch der Pandemie haben vier von zehn Autozulieferern begonnen, Produktionen ins Ausland zu verlagern. Auch insofern ist die Lage bei Schaeffler branchentypisch. “Die Corona-Krise ist nicht Auslöser des strukturellen Wandels, aber sie verstärkt und beschleunigt diesen Wandel”, stellt Konzernchef Klaus Rosenfeld klar.

Komponenten für Elektroautos, deren Absatz nun in Schwung kommt, benötigen eben auch auf der Zuliefererebene weniger Personal. Die Krisensituation wird von der in der Branche starken IG Metall nicht abgestritten.

IG Metall will keine Standortschließungen hinnehmen

Dennoch glauben führende Vertreter, dass die Pandemie auch als Deckmantel für überzogene Abbaupläne herhalten muss. “Standortschließungen und Verlagerungen an Billigstandorte werden wir nicht hinnehmen”, sagt Bayerns IG-Metall-Chef Johann Horn an die Adresse des Schaeffler-Managements und nennt damit Kernforderungen des Personals.

Eine andere ist der Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen. Davor schützt zwar theoretisch eine Betriebsvereinbarung von 2018. Aber wie weiter in Dimension Tausender Jobs sozialverträglich abgebaut werden kann, fragen sich für Schaeffler zuständige Gewerkschafter wie Thomas Höhn von der IG Metall Schweinfurt. “Ich habe große Zweifel”, bekennt er und pocht zugleich auf die Betriebsvereinbarung.

Weitere 300 Millionen Euro an Einsparungen geplant

Schaeffler hat in den vergangenen knapp zwei Jahren – vor allem in Deutschland – bereits mehr als 8000 Stellen gestrichen. Über weitere 2000 Jobs läuft ein freiwilliges Abbauprogramm. Jetzt sollen zusätzliche 4400 Stellen gestrichen werden, um jährlich Kosten in Höhe von bis zu 300 Millionen Euro zu sparen.

Größter Problemfall ist das auf der Schließungsliste stehende Werk Wuppertal mit rund 800 Leuten. Da gebe es im Umfeld kein anderes Schaeffler-Werk, zu dem Betroffene wechseln könnten, sagt Höhn. Vor dem Aus stehen auch die Fabriken in Clausthal-Zellerfeld und Eltmann in Unterfranken. Der Standort Luckenwalde in Brandenburg soll verkauft werden.

Schaeffler will künftig verstärkt in Asien fertigen

Allein am Stammsitz Herzogenaurach geht es um über 1000 Arbeitsplätze. Insgesamt zwölf Schaeffler-Standorte sind betroffen. Es dürfte schwierig werden, die Abbaupläne zu mindern und alle gefährdeten Werke zu erhalten. Rosenfeld will künftig vor allem in Asien verstärkt vor Ort fertigen.

In China läuft das Geschäft wieder. Schaeffler müsse Fertigung lokalisieren, um erfolgreich zu bleiben, wirbt Rosenfeld. Um für Investitionen in die Zukunft flexibel zu sein, haben sich die Franken soeben zur Ausgabe von 200 Millionen neuer Aktien ermächtigen lassen.

Aus finanzieller Not trotz jüngster Halbjahresverluste oder gar um geplanten Stellenabbau zu finanzieren, geschehe das nicht, versichert man in Herzogenaurach. Ob man auf einen günstigen Zukauf in der Krise schielt, bleibt offen. Belegschaft und IG Metall versuchen indessen, nicht nur bei Schaeffler noch das Schlimmste zu verhindern. Gespräche mit dem Management über die Rotstiftpläne sollen demnächst beginnen.

Von Thomas Magenheim/RND